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Die große Pest zur Zeit Justinians.

und

die ihr voraus und zur Seite gehenden

ungewöhnlichen Natur-Ereignisse.

Ein Beitrag zur Geschichte ides sechsten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnnng.

Durchaus aus den Quellen bearbeitet

als

Programm

zum Schlusse des Studien-Jahres 1856-57

von

Valentin Seibel,

Prof. d. Philologie u. Geschichte am k. bayer. Lyceum zu Dillingen.

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Dillingen 1857

Druck der A. Kranzle’schen Officin



Vorwort.


Die Geschichtsschreibung hat im Allgemeinen gegenüber den Ereignissen der Natur in verschiedenen Perioden ihrer Entwicklung ein verschiedenes Verfahren beobachtet. In der Periode der annalistischen Darstellung — dem Kindesalter der Historiographie —, welche die Begebenheiten in ihrer Besonderheit auffaßte, wurde Alles, was da Bemerkenswerthes geschah, gleichviel, ob es der Sphäre der freien Geistesthätigkeit, oder dem Bereiche der unfreien Natur angehörte, sorgsam aufgezeichnet. So hielten es die Römischen Annalisten, angefangen von den ältesten Aufzeichnungen der Pontifices (wie aus Cic. de republ. I. c. 16 und Gellius II. 28 ersichtlich ist) bis auf Livius, so die byzantinischen Chronographen und ihre lateinisch schreibenden Zeitgenossen, so die Chronisten des Mittelalters. Anders gestaltete sich allmählig die Sache in der Periode der pragmatischen Geschichtsschreibung, die schon im Alterthüme durch den ersten Verfasser einer Universalgeschichte, den vielseitig gebildeten, tief blickenden Polybios, vertreten ist. Wie die pragmatische Auffassung die Ereignisse in ihrem Zusammenhange betrachtete, den geschichtlichen Stoff zu größeren, in sich abgeschlossenen Ganzen gruppirte und innerhalb derselben den Causal-Zusammenhang der einzelnen Begebenheiten nachwies, um in letzter Instanz die Gründe des Steigens und Sinkens der Staaten darzulegen, so ward ihr allmählig der Staat und das Leben im Staate zur leitenden Idee und zum einschließenden Rahmen ihrer Geschichtsgemälde. Alles, was außerhalb dem Kreise der staatlichen Entwicklung geschah, erschien ihr von untergeordneter Bedeutung oder überhaupt nicht Gegenstand der Geschichte.

Die neuere Darstellung der Universalgeschichte, welche sich ebenfalls mehr oder minder entschieden auf den Standpunkt des politischen Pragmatismus stellte, hat zwar der Würdigung der culturhistorischen Erscheinungen überhaupt und ihres mächtigen Einflusses auf die Staatengeschichte und auf das Gesammtgebiet der geistigen Entwicklung der Menschheit, so wie — seit Schlossers Vorgang — der Literatur der Völker insbesondere, die gebührende Rechnung getragen, der Beachtung großartiger Naturereignisse aber im Allgemeinen einen Platz nicht gewährt, den selbe nur noch in Specialgeschichten, insbesondere einer älteren Schule von Historikern, eines Gibbon, J. v. Müller, C. A. Menzel u. A. zu finden vermochten.

Kein Zweifel allerdings, daß es der Universalgeschichtschreibung, deren Zweck die Darstellung der bisherigen Fortschritte und Erfolge ist, welche die Menschheit in geistiger und sittlicher Veredlung auf ihrem Wege zur möglichsten Annäherung an Gott, den Endpunkt aller Geschichte, errungen hat, nicht zur Aufgabe gemacht werden kann, die Begebnisse der unfreien Natur als solche in ihr Bereich zu ziehen; ebenso gewiß aber auch, daß, wenn es Natur-Ereignisse ungewöhnlicher Art gibt, welche einen wesentlichen Einfluß auf die geistige Entwicklung der Völker in der angedeuteten Richtung übten, diese offenbar in den Kreis der allgemeinen Geschichtsdarstellung fallen. Hat ja auch die Berücksichtigung der geographischen Verhältnisse der verschiedenen Länder, seit dem man durch das bleibende Verdienst eines Ritter zur Ueberzeugung gelangt ist, welchen Einfluß dieselben auf die Richtung der geistigen Thätigkeit ihrer Bewohner zu üben vermögen, ihren wohlberechtigten Platz im Gebiete der universalhistorischen Darstellung gefunden. Solcher Ereignisse aber gibt es nicht wenige in der Geschichte. Oder wer möchte in Zweifel ziehen, daß mörderische Pesten, welche die Runde um den bewohnten Länderkreis gemacht, ihre Opfer vorzugsweise gerade unter den vollkräftigen Jünglingen und Männern (der „militaris aetus") gesucht, und während mehrerer Jahrzehnte ihrer Andauer die Bewohnerschaft nicht bloß gezehntet, sondern selbst gedrittelt und gehälftet haben, von welthistorischer Bedeutung seien? Gleichwohl findet man in namhaften Werken über Weltgeschichte ihrer mit keiner Silbe gedacht; nur Eine derselben, die attische Pest im peloponnesischen Kriege, unter vielen Schwestern bei weitem noch nicht die schlimmste, hat wie durch Tradition ihre Stelle bis jetzt noch zu behaupten gewußt.

Dem großen Geschichtsforscher Niebuhr, welcher durch seine streng sichtende historische Kritik eine neue Aera der Geschichtswissenschaft begründet hat, gebührt auch das Verdienst, zuerst — soweit dem Verfasser bekannt ist — auf die vielfach unterschätzte historische Bedeutsamkeit gewisser Epidemien aufmerksam gemacht, und darauf hingewiesen zu haben, wie nicht wenige Abschnitte in der Geschichte seien, die erst durch gehörige Würdigung jener Naturereignisse ihr volles Verständniß erhielten. „Die Geschichte der Krankheiten — sagt derselbe (Vorträge über alte Geschichte, gehalten von B. G. Niebuhr, herausgegeben von M. Niebuhr, Berlin 1848 II. Bd. p. 64) — ist ein Zweig der Weltgeschichte, der noch gar nicht bearbeitet, und doch so wichtig ist. Ganze Abschnitte in der Geschichte werden erklärt durch das Verschwinden und Eintreten mörderischer Epidemien. „Sie sind vom größten Einflüße auf die moralische Welt; fast alle großen Epochen des moralischen Sinkens sind mit großen Seuchen verbunden."

In der That, erwägt man, wie bei einzelnen Menschen, namentlich in gewissen Lebensperioden, schwere Krankheiten nicht selten einen Wendepunkt in ihrer ganzen Geistesrichtung und Entwicklung herbeiführten, indem sie, je nach der Individualität des Ergriffenen, hier noch schlummernde Kräfte weckten oder schon früher erwachte in andere Bahnen lenkten, dort die Energie des Willens brachen oder andere nachtheilige Wirkungen im Gebiete des Geistes-Lebens hinterließen: so wird man, wofern anders vom Individuum auf die Gattung ein Schluß der Induktion giltig ist, wenigstens die Möglichkeit nicht bestreiten, daß derartige furchtbare Heimsuchungen auch für ganze Volker zu einem Wendepunkte ihrer geistigen Entwicklung werden konnten, wobei natürlich die Wirkungen und Folgen solcher Heimsuchungen sich verschieden gestalten mußten, je nachdem die heimgesuchten Völker auf dem vor- oder außer-christlichen Standpunkte des religiösen Bewußtseins, oder aber auf der Höhe der christlichen Lebens- und Welt-Anschauung standen, je nachdem ferner jene Geißeln die Völker in der frischen Blüthe ihrer Jugendzeit, oder an der Schwelle des ermatteten und entkräfteten Alters trafen. Eine derartige vergleichende Untersuchung über die Wirkungen und Folgen welthistorischer Seuchen in verschiedenen Geschichtsperioden dürfte gewiß von allgemeinem Interesse und für die Wissenschaft nicht ohne Gewinn sein.

Unter die Zahl jener universalhistorischen Epidemien gehört auch die große Pest im Zeitalter Justinians, welche mit den ihr voraus und zur Seite gehenden ungewöhnlichen Naturereignissen ein großes in sich geschlossenes Ganzes einer gewaltigen Revolution bildet. Hievon hat der Verfasser versucht im Nachfolgenden einen Abriß zu entwerfen, wobei er sich, um die Gräuzen eines Programmes nicht über Gebühr zu überschreiten, hauptsächlich auf die beiden ersten Perioden ihres Verlaufes beschränkte.

Zu der Wahl dieses Stoffes bestimmte den Verfasser ein zweifacher Grund. Einmal schien ihm eine auf eingehendes Quellenstudium basirte Schilderung jener Pest welche, ungeachtet ihrer ungewöhnlichen Heftigkeit und Andauer nicht nur in universalhistorischen Werken in der Regel mit Stillschweigen übergangen wird, sondern auch bis jetzt noch keinen speziellen Darsteller gefunden hat, während mehrere ihrer älteren und jüngeren Schwestern, wie die attische Pest, der schwarze Tod, die englische Schweißsuchten in besonderen Monographien behandelt sind, nicht ohne Belang für die richtige Signatur eines Geschichtsabschnittes zu sein, den man sich mitunter als eine Glanzperiode des oströmischen Reiches vorzustellen geneigt ist.

Hiemit möchte der Verfasser aber noch einen weitem Zweck verbinden. Seit mehreren Jahren hat derselbe durch näheres Studium der betreffenden Quellen, behufs einer gründlichen Darstellung der hervorragendsten Epidemien des Alterthums und des Mittelalters vom kulturhistorischen Standpunkte, Materialien gesammelt und dieselbe auch theilweise zu verarbeiten unternommen. Indem er nun im Nachstehenden — wie er offen gesteht, bei der Neuheit des betretenen Weges nicht ohne Befangenheit — eine Probe seiner Studien einer, wenn auch beschränkten, Oeffentlichkeit zu übergeben wagt, hegt er die Hoffnung, vielleicht von ehrenwerthen Collegen und werthen Freunden, oder sonst von competenter Seite, wenn er nicht zu Viel erwartet, belehrende Winke und Fingerzeige zu erhalten, um, je nach dem Ergebnisse derselben, entweder unter dankbarer Benützung derartiger Weisungen das Begonnene fortzusetzen und mit Gottes Hilfe zum Ziele zu führen, oder von dieser Arbeit, als einer seine geringen Kräfte und Vorkenntnisse übersteigenden, gänzlich abzustehen.

Daß — wie der Titel besagt — die nachfolgende Darstellung durchaus aus den Quellen bearbeitet ist, wird schon bei flüchtiger Einsichtnahme erhellen, abgesehen davon, daß bei den wenig erheblichen Vorarbeiten der Verfasser fast lediglich an die Quellenschriftsteller gewiesen war.

Schließlich bittet derselbe für die fast unvermeidlichen Irrthümer und Verstöße, denen er als Laie auf einem ihm theilweise fremden Gebiete ausgesetzt war, allenfallsige Leser unter den Männern vom Fache um wohlwollende Nachsicht.


Quellen und Hilfsmittel.

A. Quellen.


a) Gleichzeitige Schriftsteller.


1. Prokopios aus Kaisareia in Palästina, seit 527 Rechtsbeistand (συγκάϑεδρος) und Geheimschreiber Belisars, berichtet als Augenzeuge. Seine geschichtlichen Werke — für uns die Hauptquelle — gehen bis auf das Jahr 553.

2. Cassiodorius, geb. um 469 und bis über die Mitte des 6. Jahrhunderts lebend, unter Theodorich und seinen Nachfolgern mit der Leitung der Angelegenheiten des ostgothischen Reiches in Italien betraut. Seine 12 Bücher „Variarum" (sc. epistolarum), welche hieher als Quelle gehören, erstrecken sich auf den Zeitraum von 493—538.

3. Agathias aus Myrina in Aiolis, seit 534 in Constantinopel lebend, wo er um 582 starb. Seine Geschichts-Werke, eine Fortsetzung von denen des Prokopios, umfassen den Zeitraum von 553—559.

4. Euagrios von Epiphaneia in Koilesyrien, Sachwalter (σκολαστικός) in Antiocheia, Verfasser einer Kirchen-Geschichte von 431 bis 593. Augenzeuge der Pest, wie der Vorige, ward er selbst von ihr ergriffen. Er starb bald nach 593.

5. Marcellinus, comes in Illyricum, verfaßte, unter Kaiser Justinian I. lebend, eine Chronik von 379 bis 584.

6. Victor Tunnunensis, Bischof zu Tunis in Africa, lebte im 6. Jahrhundert. Seine Chronik umfaßt die Jahre 444—566.

7. S. Gregorius Turonensis, als Bischof von Tours gestorben um 595, schrieb als Augenzeuge des späteren Auftretens der Pest in Gallien.

8. Marius Aventicensis, Bischof zu Avenche, der letztern Hälfte des 6. Jahrhunderts augehörig, behandelte in seiner Chronik die Zeit von 455—581.


b) Spätere.


1. Das griechisch geschriebene Chronicon Paschale, s. Alexandrinum, von dessen unbekannten Autoren der Verfasser des letzteren Theiles um 630 gelebt haben muß.

2. Paulus Diaconus (Warnefridi sc. fil.), Notar oder Kanzler des Longobardenkönigs Desiderius, starb als Mönch im Kloster von Monte Cassino 799.

3. Theophanes, des Isaakios Sohn, von Constantinopel, Abt eines griechischen Klosters, starb 818. Seine Chronik, wie er selbst angibt, mit Benützung alter Historiker und Logographen bearbeitet, reicht von 285—813.

4. Joannes von Antiocheia, genannt Malalas d. i. Rhetor, dessen Chronik von dem Anfange der Geschichte bis auf 556 n. Chr. sich erstreckt, lebte im 9. Jahrhunderte.

5. Anastasius, römischer Abt und Presbyter, Verfasser einer lateinisch geschriebenen, aus Theophanes u. A. compilirten historia ecclesiastica, lebte in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts.

6. Der unbekannte Verfasser der historia miscella, einer Geschichte des Röm. Reiches von der Gründung der Stadt bis auf 813 n. Chr., welche aus verschiedenen, zum Theil verloren gegangenen, römischen Historikern, in den letzteren Theilen aber aus dem Werke des Vorgenannten compilirt ist.

7. Kedrenos, Mönch des 1l. Jahrhunderts und Verfasser einer Chronik vom Anfange der Geschichte bis auf 1057.

8. Nikephoros, Sohn des Kallistos, der Mitte des 14. Jahrhunderts angehörend, Compilator einer ziemlich werthlosen Kirchen-Geschichte von Chr. Geb. bis auf 611.


Die oben sub a) 1. 3. 4. und b) 3. 4. 5. angeführten Schriftsteller wurden in der Bonner Ausgabe des corpus script. hist. Byzantinae; die unter b) 1. 7. 8. verzeichneten in der Venetianer Ausgabe des corpus Byzant. histor. von 1789 i. e., die sub a) 5. und 6. genannten in der biblioth. veter. Patrum etc. cura Gallandii Tom. X. benützt. — Enagrios, Gregor von Tours und Cassiodor waren dem Verfasser in den Ausgaben von Valesius, beziehungsweise von Ruinart und Garetius zur Hand; Paul. Diacon. stehenden 40-tägigen Erdbeben dortselbst zu identificiren sein, da jene von Agathias als gleichzeitig mit der Katastrophe von Berytos bezeichnet wird, wofür das Jahr 551 feststeht. — Schnurr. I. p. 130. führt es mit dem von Berytos gleichzeitig zum Jahre 553 an und die historia miscell. sind nach dem Text-Abdrucke in Muratori, rer. italic. scriptor. Tom. I. pars l. benützt.

B. Hilfsmittel.

Gibbon, history of the decline and fall of the Roman empire. Vol. VII.

Zinkeisen, Geschichte Griechenlands. I. Bd.

Schnurrer, Chronik der Seuchen. I. Bd.

Hoff, Geschichte der Veränderungen der Erd-Oberfläche. IV. Bd.

Kraus, de natura morbi Atheniensium.


Ueber Chronologie.
 

Almeloveen, Fast. Roman. consular.
Weigel, über das wahre Geburts- und Sterbe-Jahr Jesu Christi.

A. Von den ungewöhnlichen Natur-Erscheinungen.

Einleitendes.


Es ist eine eigenthümliche, in der Geschichte constant sich wiederholende Erscheinung, daß weitverbreiteten mörderischen Epidemien ungewöhnliche Natur-Erscheinungen der verschiedensten Art, als verheerende Erderschütterungen, vulkanische Ausbruche, ungewöhnliche Ueberschwemmungen und Meeres-Einbrüche, Erscheinen von Kometen, von seltsamen Meteoren, allgemeiner Mißwachs, Auftreten massenhafter Heuschrecken-Schwärme, Veränderungen im Streichen der Fische und im Zuge der Vögel, Wanderungen und Krankheiten unter den Thieren u. s. w. voraus oder zur Seite gehen, daß also ungewöhnliche Revolutionen im physischen Leben der Menschheit entsprechende Störungen im tellurischen und atmosphärischen Gebiete, sowie mannigfaltige Alterationen des vegetabilischen und niederen animalischen Lebens auf der Erdoberfläche als Vorboten und Begleiter haben.

Um nur einige der hervorragendsten Fälle anzuführen, so war z. B. die große Epidemien-Periode, welche von 436 bis 427 incl. v. Chr. einen großen Theil der alten Erdveste — die Länder Aethiopien und Aegypten, die meisten Provinzen des Persischen Reiches, beträchtliche Strecken der Hämus- und der Apenninen-Halbinsel — durchwanderte, und wozu die von Thukydides geschilderte attische Pest nur als ein kleiner Theil jener großen Gesammt-Erscheinung gehört, 1 von einer ununterbrochenen Kette gewaltiger Erderschütterungen in Italien und Hellas begleitet, die, mit vulkanischen und neptunischen Revolutionen, mit Mißernten und Mangel untermischt, in ihren letzten Schwingungen über die Dauer der Epidemie hinaus bis zum Jahre 412 herabreichen. So wurde die mörderische Epidemie unter Titus durch gewaltige Erdbeben   eröffnet, die ihre Erderschütterungskreise über Kypros, Hellas und Campanien ausdehnten und in dem stärksten der bis jetzt bekannten Vesuv-Ausbrüche und der schreckensvollen Katastrophe von Pompeji, Herculanum und Stabiä ihren Abschluß hatten. So war ferner die Periode der großen Epidemie unter Marc Aurel und Commodus — die furchtbarste im Alterthum an Ausdehnung und innerer Stärke, da sie von Persien aus über Süd- und Mitteleuropa bis an den Rhein vordrang, in Rom aber zur Zeit ihrer Kulmination täglich über 2000 Menschen dahinraffte — auch durch Hungersnoth, häufige Erschütterungen, mehrtägige Verdunklungen des Sonnenlichts, verheerende Insecten-Schwärme und Ueberschwemmungen bezeichnet, also, daß nach dem Ausdrucke eines Berichterstatters (Aurelius Victor) in diesem Zeitraum sich alle Schrecken und Verderbnisse der Menschheit zusammendrängten. Auffallender aber als irgendwo gaben sich diese Erscheinungen bei der Pest-Seuche des schwarzen Todes im Mittelalter kund. In dem Maße, als diese fürchterlichste aller Geißeln des Menschengeschlechts seit der historischen Zeit, welche, von China aus über Mittel- und Südasien vorschreitend, nebst der Nordküste Afrikas ganz Europa bis zu seinen äußersten Spitzen im Süden, Westen und Norden durchdrang, ja von dem äußersten nordwestlichen Posten der alten Erdveste, der Insel Island, den Weg nach dem nächsten Punkte des neugeschichtlichen Continents, dem unwirthlichen Küstensaume von Grönland fand, überall aber, im heißen Süden, wie im eisumstarrten Norden, mit gleich verheerender Wuth hausete, und nach dem niedrigsten Berechnungs-Ergebnisse von der damaligen Bevölkerung Europa's ein Vierttheil d. i. 25 Millionen Menschen — in manchen Orten aber 90 bis 95 Prozent der Bewohner 2 — hinraffte, an Ausdehnung und mörderischer Wuth alle früheren Epidemien übertraf, traten auch die vor- und gleichzeitigen Revolutionen im tellurischen und atmosphärischen Gebiete und in der Sphäre des vegetabilischen und niederen animalischen Lebens in einer bis dahin unerhörten Ausdehnung und Heftigkeit auf. 3 Schon seit mehr als einem Jahrzehnte vor dem Auftreten dieser Pest in Europa bebte von China bis zum Atlantischen Ocean die Erde in gewaltigen Erschütterungen, welche auf Cypern, der Apeninnen-Halbinsel, im Alpengürtel und den nord- und südwärts demselben vorgelagerten Ebenen ihre Knotenpunkte fanden und von diesen Hauptherden ihre zerstörende Thätigkeit einerseits nach Aegypten, anderseits über Mittel-, West- und Nord-Europa verbreiteten; unerhörte Ueberschwemmungen 4, Meeres-Einbrüche, Bergstürze und Seenbildungen in Folge vulkanischer Revolutionen, bei welchen Tausende von Menschen ihren Tod fanden, veränderten an vielen Orten die Erdoberfläche; betäubende Dämpfe, zum Theil während der Erdbeben den aufgähnenden Schlünden entsteigend, oder unabhängig von diesen, in Gestalt eines dichten, das Sonnenlicht verfinsternden Rauches über die Erde sich lagernd, verpesteten weithin die Atmosphäre 5, in der außerdem ungewöhnliche Feuer-Meteore die vielfach geängstigten Gemüther mit neuem Schrecken erfüllten; wiederholte gänzliche Mißärnten, wie sie seit einem Jahrhunderte nicht mehr vorgekommen waren, und in Folge davon die bitterste Noth in Toskana und Genua, in der Provence, Avignon, Burgund und Frankreich, in Schlesien und Polen, also, daß in Schlesien die Menschen das Gras auf den Feldern aßen, und in dem volkreichen Florenz selbst durch die großartig entfaltete Fürsorge der städtischen Behörden von zahlreichen Familien kaum die Schrecken des Hungertodes mochten abgewendet werden 6, zeugten von der Alteration des vegetabilischen Lebens; endlich unübersehbare Schwärme von Wanderheuschrecken, welche erst im östlichen Asten, dann in Europa sich zeigten und hier von Ungarn und Polen her in östlicher Richtung Ober-Italien und ganz Deutschland drei Sommer nacheinander (1337—1339) unter schrecklichen Verheerungen an Bäumen, in Gärten und Saatfeldern durchzogen, ungeheure Wanderzüge von Fischen nach Orten, wo sie sonst gar nicht, oder in geringerer Zahl bemerkt worden waren 7, endlich tödtliche Seuchen unter den Heerde-Thieren an verschiedenen Orten gleich nach dem Ausbruche der schwarzen Pest bekundeten, daß der allgemeine Aufruhr der Natur auch in den höheren Ordnungen ihres Lebens seinen Wiederhall gefunden hatte, bis zuletzt selbst der Organismus der obersten Thierklassen nicht minder als der Menschen so vielfachen Stürmen erlag.

Angesichts solcher Thatsachen, denen sich leicht noch andere in großer Zahl anreihen ließen, wird man die Wahrscheinlichkeit eines notwendigen, inneren Zusammenhanges zwischen jenen physischen Revolutionen und den gleichzeitigen großen Epidemien kaum in Abrede stellen können. Die Art und Natur dieses Zusammenhanges näher zu untersuchen und zu bestimmen, muß selbstverständlich den einschlägigen Gebieten der Naturwissenschaften überlassen bleiben. Die Aufgabe der Geschichte hiebei kann nur darin bestehen, in den hierauf bezüglichen Ueberlieferungen das Thatsächliche, mit besonderer Berücksichtigung des chronologischen Moments, kritisch festzustellen, damit für weitere Untersuchungen ein sicherer Grund gewonnen werde. —

Kaum minder auffallend nun als bei dem schwarzen Tode ist bei der großen Pest unter Justinian die Ausdehnung und intensive Kraft der Erdbeben und anderen ungewöhnlichen Naturerscheinungen, auf deren düsteren Hintergrunde das schauerliche Bild jenes riesenhaften Kampfes menschlicher Kraft mit der zerstörenden Gewalt einer tödtlichen Seuche sich entfaltet.

Ein vergleichender Blick auf die beigefügte Tabelle ergibt, daß die Gesammtmasse der ungewöhnlichen Natur-Ereignisse dieser Zeit von 513 bis gegen das Jahr 570, um welche Zeit die Pest selbst die zweite Periode ihres Verlaufes beendigte, und die gleichzeitigen physischen Revolutionen ihren Schauplatz aus dem Orient fortan nach dem Occidente zu versetzen begannen, in drei größere Gruppen zerfällt, von denen die erste die Naturbegebnisse von 512 bis 533 umfaßt und ihren Culminationspunkt in der fürchterlichen Katastrophe von Antiocheia (526) erreichte; die zweite von da bis 547 sich erstreckt und in den ganz Europa und einen Theil Kleinasiens durchzuckenden Erderschütterungen von 544 ihre größte Thätigkeit entfaltet; die dritte aber, nachdem sie gleich Anfangs die Mittagshöhe ihrer Schrecknisse in dem Erdbeben von 551 erstiegen, dessen Erschütterungskreise sämmtliche das östliche Becken des Mittel-Meeres begränzenden Länder der drei Erdtheile unter fürchterlichen Zerstörungen umspannten, in verschiedenen mehr oder minder heftigen Schwingungen und Nachklängen bis gegen den Ausgang des 6. Jahrzehntes sich hinzieht. Die erste dieser Gruppen liegt noch jenseits des Auftretens der großen Pest; die zweite fällt mit dem ersten Haupt-Ausbruche derselben und den minder bedeutenden Epidemien, die ihr als Vorläufer vorausgehen, zusammen; die dritte endlich geht dem zweiten Hauptausbruche der Pest theils voraus, theils gleichmäßig zur Seite.

Wir betrachten die mannigfaltigen Natur-Ereignisse dieser dreifachen Gruppe der leichteren Uebersicht wegen nach folgenden Kategorien:


I. Tellurische Revolutionen durch Vulkanismus oder Neptunismus;

II. Atmosphärische Phänomene;

III. Erscheinungen kosmischer Natur;

IV. Störungen im vegetabilischen und niederen animalischen Leben, und sprechen zunächst .

I Von den tellurischen Revolutionen

a) der ersten Gruppe.


Die Reihenfolge derselben eröffnet ein Ausbruch des Vesuv im Jahre 513, welcher Campanien verheerte. 8 Die hiebei aus seinem Krater aufgewirbelte Asche ward durch Winde bis Constantinopel und dessen ganze Umgegend fortgetrieben, wo sie als dichter Staubregen niedersielt. 9 Daß eine so weite Verbreitung der Vesuv-Asche nicht ohne Beispiele dasteht, erhellt theils aus den gelegentlichen Bemerkungen des Cassiodorius a. a. O. (siehe Note 8)) und Prokopios 10  über die Natur dieses Vulkans und seiner Eruptionen, theils finden sich hierüber besondere Fälle bei den Eingangs aufgeführten Quellenschriftstellern verzeichnet. So war im Jahre 472 in der ersten Hälfte des Novembers zu Constantinopel aus feurig schimmernden Wolken eine Aschenmasse gefallen 11, welche die Dächer eine παλαστή (vier Finger) hoch bedeckte, daß in der bestürzten Stadt öffentliche Bittgänge angestellt wurden, welche, seitdem an der alljährlichen Gedächtnisfeier dieses Ereignisses am 7. November wiederholt, noch zu des Prokopios Zeiten bestanden. Als Ursache jenes Aschenregens, der auch auf andere Gegenden sich erstreckt zu haben scheint, wird von Marcellinus ausdrücklich ein gleichzeitiger Vesuv-Ausbruch genannt. 12 Ein anderes Mal hatte sich die ausgeworfene Vesuv-Asche über die libysche Stadt Tripolis in einem ähnlichen Staubregen ergossen. 13

Kurze Zeit darauf (wahrscheinlich um 515) ward Rhodos nächtlicher Weile durch ein Erdbeben erschüttert, nicht ohne Verlust an Menschen. 14 Den Ueberlebenden wurden namhafte Geschenke des Kaisers Anastasios zu Theil.

Von dem Jahre 518 finden wir die Erschütterungskreise der  Erdbeben bereits über die Länder im Westen des Aegäischen Meeres ausgedehnt. Im rauhesten und höchsten Theile des Hämus-Gebirges, am Süd-Abhang des Orbelos liegt, zur Provinz Ober-Mösien gehörig, die Landschaft Dardania, mit zahlreichen Felsenschlössern, den Hütern wichtiger Pässe nach Macedonien, bewehrt. Dort brachen die Erderschütterungen zuerst, und zwar sogleich mit großen Verheerungen aus. Vier und zwanzig jener Castelle, berichtet Marcellinus 15, der nach Zeit und Wohnort diesem Ereignisse so nahe stand, daß er möglicherweise von Augenzeugen unterrichtet sein mochte, wurden fast im selben Momente von dem Unheil betroffen und ganz oder theilweise in Schutthaufen verwandelt, unter denen ein Theil der Bewohner sein Grab fand. Auch das feste Skupoi, der Hauptort des Landes (jetzt Uskub), stürzte bis auf den Grund; doch war es damals von seinen Einwohnern aus Furcht vor einem feindlichen Ueberfalle verlassen. In einem Schlosse, welches Sarnunto genannt wird, klaffte ein Erdspalt auf, aus welchem wie aus einem erhitzten Ofen längere Zeit sich ein glühender Regen ergoß („fervens imber," wahrscheinlich Massen heißen Wassers). An sehr vielen Orten der Landschaft barsten Berge, rissen sich Felsblöcke los, wurden Bäume aus dem Grunde gerissen, und eine aufgähnende Kluft erstreckte sich bei 12 Fuß Breite auf eine Länge von 30.000 Schritten.

Vier Jahre darauf (522), in der ersten Zeit der Regierung des Kaisers Justin I., erscheint das Erdbeben-Gebiet über den westlichen und südlichen Theil der Hämus-Halbinsel erweitert. Durrhachion an der illurischen Küste, des vorigen Kaisers Anastasios Geburts-Stadt, und durch seine Munificenz mit vielen neuen Bauwerken geschmückt, desgleichen Korinthos, litten schwer unter dieser Geißel, die auch manches Menschenleben kostete 16.

Nicht unwahrscheinlich ist die Vermuthung Zinkeisens, daß damals noch andere Orte von Hellas 17, namentlich Küstenstädte, welche nebst Gebirgsländern — wie schon die Alten wußten 18 — den Erdbeben   vorzugsweise ausgesetzt sind, von gleichem Unheil mögen betroffen worden sein, und die bezeichneten Orte nur deßhalb genannt sind, weil sie Hauptstädte ihrer Provinzen waren, und der Kaiser große Summen zu deren Wiederherstellung anwies.

In gleicher Weise wie gegen Westen dehnten die tellurischen Revolutionen von dem Herde ihres ersten Auftretens auf Rhodos ihre zerstörenden Schwingungen auch rückwärts nach Osten aus, und Anazarbos, die Metropolis der Provinz Cilicia secunda, am Südabhange des Taurus, unfern dem Busen von Issos gelegen, stürzte im Jahre 525 in Folge einer furchtbaren Erschütterung gänzlich in Trümmer 19. Es war dies schon das vierte Erdbeben-Unglück, das die Stadt betraf. Sehr wahrscheinlich ist, daß bei diesem Vordringen der Erdbeben-Schwingungen in östlicher Richtung auch manche Zwischenpunkte, westwärts von Anazarbos, auf der kleinasiatischen Halbinsel mögen berührt worden sein, und vielleicht sind in diese Zeit die zerstörenden Erschütterungen in einigen Städten Phrygiens einzureihen, die in den ‚Ανεκδοτ‘ (c. 18) des Prokopios zugleich mit den Ereignissen in Anazarbos und Korinth erwähnt werden. Damit es aber neben diesen vulkanischen Empörungen auch den neptunischen nicht an Vertretung fehle, ward im selben Jahre die volkreiche Stadt Edessa in Mesopotamien, Hauptstadt der Provinz Osrhoëne, das Opfer einer furchtbaren Ueberschwemmung. Diese Stadt, unter gleichem Breitengrade mit Anazarbos und 4 Grade weiter ostwärts, am Südabhange des Masion im Flußgebiete des Euphrat gelegen, wird vom Skirtos durchströmt, welcher damals zur Größe eines Meeres anschwellend die Häuser sammt den Einwohnern wegriß und in seine Tiefen stürzte 20. Ein Drittheil der Letzteren fand in dieser furchtbaren Katastrophe seinen Tod.

Doch alle diese Schrecken waren nur ein schwaches Vorspiel zu dem grauenvollen Vernichtungsschlage, den im folgenden Jahre empörte Naturkräfte mit vereinter Macht wider eine der größten und volkreichsten Städte der damals bekannten Erde führten. Von Anazarbos, der Stätte der letzten Erschütterung, etwa einen Breite-Grad südlich, einen halben Länge-Grad östlich, in einer Entfernung von 120 Stadien (drei geogr. Meilen) von der Küste des Mittelmeers gelegen, erhob sich am südlichen Ufer des Orontes, in einem Umkreis von dritthalb g. Meilen, Antiocheia, die Hauptstadt Syriens, ehemals der Seleukiden stolzer Herrschersitz, auch noch in damaliger Zeit die erste Stadt des Morgenlandes 21, eine Weltstadt wie Alexandreia, Rom und Constantinopel, die bis zum Jahre 380 nach und nach zehn Kirchen-Versammlungen in ihren Mauern gesehen, und ein bevorzugter Aufenthaltsort mancher Römischer Kaiser gewesen. Viermal war die Stadt schon in früherer Zeit von Erdbeben   heimgesucht worden, und noch wenige Jahre vorher — um 522 — hatte sie durch heftige Feuersbrünste gelitten 22, die im Laufe von 6 Monaten sich stetig wiederholten, ohne daß ihre Veranlassung ermittelt werden konnte 23. Da brach — es war am 29. Mai 526 24, den Tag nach dem Feste der Himmelfahrt Christi, als in der volkreichen Stadt noch eine zahllose Menge von Fremden aus Anlaß des Festes vorhanden war — in der glühenden Schwüle der ersten Nachmittagsstunde — wie es scheint, ohne alle warnenden Vorzeichen 25 — jene entsetzliche Katastrophe herein, welche die Stadt durch die gedoppelte Macht eines fast beispiellosen Erdbebens und eines verheerenden Feuers in einen rauchenden Schutthaufen verwandelte 26. Ueber die Natur dieses Feuers, welches sich mit dem Erdbeben   in das Geschäft der Zerstörung theilte und, was dieses übrig gelassen, völlig verzehrte 27, lauten die Berichte verschieden. Von den Schriftstellern, die dem Ereignisse der Zeit nach am nächsten stehen, erwähnt Prokopios des Feuers gar nicht; Euagrios aber, welcher, als geborner Syrer und da er einige Zeit nach dem Vorfalle in Antiocheia sich wohnlich niederließ, aus den verlässigsten Quellen unterrichtet sein konnte, desgleichen Marcellinus stellen dasselbe als eine von vulkanischen Ursachen unabhängige, mit dem Erdbeben nur im äußeren Zusammenhange stehende Feuersbrunst dar 28. Die späteren Berichterstatter dagegen, unter ihnen auch der Antiocheier Joannes Malalas, dessen Nachrichten hierüber am ausführlichsten sind, sprechen mit Bestimmtheit von unterirdischem, vulkanischem Feuer. „Die Flammen" — so berichten sie — „schlugen theils aus dem Boden hervor, theils wirbelten sie als Funkenregen durch die Luft, dem Wetterstrahle gleich diejenigen, die sie trafen, verzehrend; und während die Grundvesten und Gebäude durch die Erschütterung wankten, sah man Blitze in ihre Giebel schlagen." So sehr diese Schilderungen den Stempel rhetorischer Ausschmückung tragen, so ist doch das gleichzeitige Hervorbrechen vulkanischen Feuers an der Stätte eines heftigen Erdbebens oder in deren unmittelbaren Nähe an sich nicht unwahrscheinlich, und durch Beispiele der neuern Zeit bestätigt 29. Wie dem übrigens sein mag, Antiocheia war unmittelbar nach dem Ereignisse unbewohnbar: nur das am Gebirge liegende Quartier der Stadt überdauerte die Zerstörung; der übrige Theil lag mit allen Kirchen, öffentlichen Gebäuden und Monumenten in Trümmern und Asche; 250.000 Menschen hatten in dem Gräuel der Verheerung ihren Tod gefunden 30, die Überlebenden verließen die Stadt. Der allgemeinen Bestürzung und Theilnahme, welche die Nachricht von diesem beispiellosen Unglücke aller Orten im Römischen Reiche hervorbrachte, verlieh der Kaiser dadurch Ausdruck, daß er längere Zeit öffentliche Trauer in der Hauptstadt anordnete und persönlich am nächsten Pfingstfeste ohne Diadem und Purpur und — gleich den sämmtlichen Senatoren — im Sacke (,,εν σακκωι" Theoph.) in der Kirche erschien. Zugleich ließ er es an rascher und kräftiger Hilfe nicht fehlen. Angesehene Männer von des Kaisers nächster Umgebung wurden mit beträchtlichen Geldmitteln abgeordnet, um sofort das Dringendste anzuordnen; später noch weitere Summen zum Wiederaufbau angewiesen.

Uebrigens währte es noch über ein Jahr, bis die entfesselte Wuth der tellurischen Kräfte für einige Zeit wieder in Ruhe kam. Denn so lange dauerten noch — wie Aehnliches auch von der Katastrophe zu Lissabon berichtet wird, und die neueren wissenschaftlichen Beobachtungen in der Regel bei allen heftigen Erdbeben gefunden haben 31 — die nachschwingenden Stöße. 32 Bei ein derselben verlor (i. J. 527 33), der Bischof des Sprengels, Euphrasios, das Leben. Auch auf die Umgegend, bis auf 20 Römische Meilen, erstreckten sich die Nachwirkungen dieser Erschütterung und zerstörten die Städte Seleukeia, 3 Meilen westlich von Antiocheia, am Mittelmeer, und Daphne, eine Meile südlich von Antiocheia 34.

Gleichwie aber heftige Epidemien, ehe sie die geängstigten Völker ganz verlassen, nach kurzer Rast ihre mörderische Wuth zu einem neuen letzten Angriffe zusammenzuraffen Pflegen, so erhoben sich hier auch die Erderschütterungen, 30 Monate nach dem letzten zerstörenden Schlage, zu einem neuen heftigen Stoße. Am 29. November 528, Vormittags gegen 9 Uhr, wurde die schwer geprüfte Stadt Antiocheia wieder von einem Erdbeben heimgesucht 35, dessen Zuckungen unter schreckhaftem Gebrüll 36, das aus der Luft zu kommen schien, eine volle Stunde andauerten und eine reiche Nachlese hielten. Die Ringmauern der Stadt und die Gebäude, welche das vorige Erdbeben verschont hatte, stürzten nebst den schönen Bauwerken, die sich inzwischen wieder erhoben hatten, in Trümmer, unter denen an 4800 Menschen umkamen. Die Ueberlebenden wanderten theils in andere Städte aus, theils siedelten sie sich auf den Bergen unter Hütten an. Gleich seinem Vorgänger wandte übrigens auch Kaiser Justinian, der inzwischen auf den Thron gelangt war, für die unglücklichen Einwohner große Summen auf, so daß die Stadt in der Folge allmählig wieder aus den Trümmern erstand. Auch diesmal blieb das Erdbeben nicht auf jene Hauptstätte des Unglücks beschränkt; gleichzeitig ward die syrische Stadt Laodikeia, etwa einen Breitengrad von Antiocheia südlich am Mittelmeere gelegen, zur Hälfte in Trümmer gestürzt und hiebei achthalbtausend Menschen getödtet. 37

Wenn Malalas berichtet, daß noch im Jahre 530 „aller Orten" (κατα τοπον) Erderschütterungen

empfunden worden seien, in Folge deren in allen Städten öffentliche Gebete veranstaltet wurden 38; daß ferner 533 in einer späten Abendstunde in Constantinopel die Erde erzitterte, und daß die ganze Stadt in voller Bestürzung nach dem Forum Constantins zusammenströmte und unter Gebeten die Nacht durchwachte 39, so muß man bei dem Mangel anderweitiger Nachrichten die Richtigkeit dieser Angaben auf sich beruhen lassen. Jedenfalls scheinen diese letzteren Erdbeben eine größere Bedeutung nicht gehabt zu haben, und so mögen sie vielleicht als die letzten abgeschwächten Vibrationen zu betrachten sein, mit denen der erste Akt der gewaltigen tellurischen Revolution abschloß.

b) Tellurische Bewegungen der zweiten Gruppe.

Der Herd der zweiten Erdbeben gruppe scheint anfänglich jener gebirgige, rauhe Landstrich im Nordwesten Vorderasiens, am Nordabhange des Antitauros, gewesen zu sein, wo die Länder Paphlagonien, Galatien, Pontos und Kappadokien zusammengränzten. Höchst wahrscheinlich ist nämlich jenes Pompejopolis, von welchem berichtet wird, daß es im Jahre 535 oder 536 von einem schweren Erdbeben betroffen worden sei 40, die paphlagonische Stadt dieses Namens, die am Südabhange des rauhen Olgassys lag. Es spaltete sich hierbei der Boden und verschlang die Hälfte der Stadt sammt den Bewohnern, also daß man noch einige Zeit das Jammergeschrei der Versunkenen aus der Tiefe vernommen haben soll. Ungefähr in dieser Zeit mag auch die Verschüttung Amaseia's 41 zu setzen sein, der Metropolis von Pontos, welche etwa zwei Längengrade östlich von Pompejopolis am Abhange der nördlichen Ausläufer des Antitauros lag, als Vaterstadt des Geographen Strabon bekannt. Das Erdbeben daselbst erstreckte sich auch auf einen Theil der Umgegend.

Nachdem im folgenden Jahre der Vesuv ein unheimliches Gebrüll — jedoch ohne eigentlichen Ausbruch — hatte vernehmen lassen 42, trat im Gebiete der tellurischen Stürme eine mehrjährige Pause ein, welche indeß durch ungewöhnliche Natur-Ereignisse und Phänomene anderer Art, so wie durch den ersten großen Pest-Ausbruch ausgefüllt ist. Dann aber erfolgte vom Jahre 542 an wieder eine ununterbrochene Reihe vulkanischer und neptunischer Revolutionen, die bis zum Jahre 547 jedes Jahr mit einem Ausbruche bezeichneten und, wenn sie auch nicht die intensive Stärke erreichten, mit der die Revolutionen der vorigen Gruppe in ihrer Culminationszeit gewüthet hatten, doch durch ihre ungewöhnliche Ausbreitung das Culminiren dieser zweiten Gruppe bekundeten.

Am 16. August 542, nachdem im Frühjahre und Sommer unmittelbar vorher die Pest das erste Mal in Constantinopel aufgetreten war, ward diese Stadt durch ein furchtbares Erdbeben erschüttert, welches nebst mehreren Kirchen und Häusern die Ringmauern in der Gegend des goldenen Thorrs niederwarf, vielen Menschen den Untergang brachte und die Stadt mit Bestürzung erfüllte.43

Im folgenden Jahre am 6. September durchzuckten Erdbeben den ganzen damals bekannten Länderkreis (όλον τον κοσμον 44). Der Hauptausbruch traf jedoch die blühende See- und Handelsstadt Kyzikos in der Propontis, welche mit Pompejopolis und Amaseia unter gleicher Breite und gegen Constantinopel etwa einen Grad südlicher lag. Sie wurde jetzt, nachdem sie schon früher unter Kaiser Hadrian durch ein Erdbeben gelitten, zur Hälfte in Trümmer gelegt. Daß aber die Nachricht über die ungewöhnliche Ausdehnung dieses Erdbebens keineswegs unbegründet oder übertrieben ist, erhellt aus dem Berichte eines, von den Byzantinischen Chronographen, welche sie geben, ganz unabhängigen Schriftstellers, des hl. Gregor v. Tours 45, demzufolge ungefähr um dieselbe Zeit die Civitas Arverna, das heutige Clermont am Puy de Dome in der Auvergne, von heftigen Erdbeben  stößen erbebte, die Erschütterungskreise demnach bis in den Westen Europa's sich erstreckten.

Das folgende Jahr zeigte unfern jener Hauptstätte des Erdbebens auch eine große neptunische Revolution. Eine ungewöhnliche Fluth des Pontos Eureinos überströmte, 4000 Schritte weit in das Land eindringend, die Thrakische Küste in der Gegend des heutigen Varna; die ganze Umgegend von Odyssos, Dionysopolis und Aphrodision 46 ward überschwemmt, und die Nachricht, daß hiebei viele Menschen umkamen, zeugt ebenso von der großen Heftigkeit und der ungewöhnlichen Schnelligkeit, mit der das Unglück hereinbrach 47.

Auch im Jahre 545 wurde Constantinopel wieder durch ein starkes Erdbeben beunruhigt 48; insbesondere aber bezeichneten das Jahr 547 ungewöhnliche Phänomene vulkanischer und neptunischer Art. Erdbebenstoße von furchtbarer Gewalt erschütterten im Winter dieses Jahres 49, am stärksten im Februar, wiederholt und mit kurzen Zwischenpausen 50 — sämmtlich zur Nachtszeit eintretend — die Hauptstadt Constantinopel und andere Orte, deren Bewohner angsterfüllt jeden Moment ihren Untergang gewärtigten und öffentliche Gebete anstellten. Höchst merkwürdig aber ist eine im Spätsommer desselben Jahres beobachtete Unregelmäßigkeit in der Nil-Ueberschwemmung, welche uns der zuverlässige Prokopios 51 aufgezeichnet hat. Nach einer sehr reichlich eingetretenen Anschwellung, wobei der Strom über 18 Ellen stieg, blieb in den untern Theilen Aegyptens das Wasser ungewöhnlich lange, und während der ganzen Zeit, wo die Aussaat gemacht werden sollte, stehen; die Felder konnten deshalb nicht bestellt werden; an einigen Orten aber, wo das Wasser so weit gefallen war, daß die Aussaat vorgenommen werden konnte, begann es gleich darauf neuerdings zu steigen, so daß die Hoffnung des Jahres verloren war; ein Phänomen, das bei der großen Regelmäßigkeit in den Ueberschwemmungsphasen dieses Flusses seit Menschengedenken, wie Prokopios bemerkt, nicht vorgekommen war und nun auch den Bewohnern des Nilthales, deren Land zu allen Zeiten als die reichste Kornkammer der umliegenden Länder gegolten, die ungewohnten Drangsale einer Hungersnoth zu kosten gab.

Ob die große Überschwemmung des Flusses Kydnos in Kleinasien, welcher nach Prokopios 52 um das Frühlings-Aequinoctium, durch schnelles Schmelzen der Schneemassen auf dem Tauros und durch zahlreiche am Fuße dieses Gebirges neu hervorbrechende Quellen angeschwellt, die Stadt Tarsos überfluthete und zerstörte, in den Frühling des nächstfolgenden Jahres (548) oder eines späteren 53 zu setzen ist, bleibt bei dem Mangel an näheren Nachrichten zweifelhaft. Übersättigung des Bodens mit unterirdischen Wasseradern, in Folge dessen die Erde die überfluthenden Stromgewässer nicht sogleich absorbiren konnte, scheint wenigstens, wie bei diesem Ereignisse, so auch bei der eben geschilderten unregelmäßigen Nil-Ueberschwemmung wesentlich mitgewirkt zu haben.

c) Tellurische Revolutionen der dritten Gruppe.

Die vulkanischen und neptunischen Erschütterungen dieser Periode entfalteten gleich Anfangs ihre größte Heftigkeit in zwei, wahrscheinlich bald nach einander erfolgten, furchtbaren Katastrophen des Jahres 551, welche sich über die drei Landvesten der alten Welt zumal erstreckten, und in denen die intensive Kraft, welche die Erdbeben der ersten Gruppe ans ihrem Culminationspunkte kennzeichneten, mit der ungewöhnlichen Ausdehnung, die den tellurischen Empörungen der zweiten Gruppe in der Zeit ihrer starksten Thätigkeit eigen war, vereinigt erscheint.

Am 9. Juli 551 verheerte ein ungeheures Erdbeben 54 verschiedene Küstenländer und Inseln im ägäischen und im östlichen Becken des Mittelmeers von Constantinopel in weitem Bogen bis Alexandreia; seine furchtbarsten Wirkungen entfaltete es in den Küstenstrichen von Syrien, Palästina und Phoinikien und auf der Insel Kos; aber auch in den benachbarten Binnenländern, in Mesopotamien und Arabien wurden die Wirkungen desselben empfunden. Die phoinikischen Städte Tripolis, Biblos, Sidon und Tyros litten mehr oder minder schwer unter dieser Geißel; Berytos aber, (jetzt Beirut), damals die Perle Phoinikiens 55, der Sitz einer blühenden Schule des Römischen Rechts 56, sank gänzlich in Trümmer, also daß von den zahlreichen Prachtbauten der Stadt nichts mehr als die Grundmauern übrig blieben. Unter der großen Anzahl von Menschen, die hiebei ihren Tod fanden, waren auch viele fremden Jünglinge, welche dort den Studien obgelegen hatten. Die überlebenden Schüler nebst ihren Lehrern wanderten nach dem benachbarten Sidon aus bis zur Wiederherstellung von Berytos, dessen furchtbares Geschick manches Epigramm besang 57. Bei einer andern phoinikischen Stadt, Botrys, (dem heutigen Batron), stürzte ein Theil des Vorgebirges Lithoprosopos ins Meer, ein Umstand, welcher der früher hafenlosen Stadt durch ein seltsames Spiel des Zufalls einen natürlichen Hafen verschaffte, geräumig genug zur Aufnahme zahlreicher Schiffe der größten Gattung. Die Schrecken des Erdbebens in dieser Gegend wurden noch durch eine neptunische Revolution erhöht; das Meer zog sich plötzlich und mit ungestümer Bewegung bis auf tausend Schritte von der Küste hinweg, wodurch viele Fahrzeuge zu Grunde gingen.

Von der großen Ausdehnung und Intensität jener Erderschütterung gibt insbesondere der Umstand Zeugniß, daß auch in Alexandreia, einer Stadt, wo Erdbeben seit Menschengedenken unerhört waren, Erdstöße, wenn auch nur schwach und kurz andauernd, wahrgenommen wurden. Allgemeine Bestürzung ergriff daher nach dem Berichte des Agathias, der eben damals um der Rechtsstudien willen sich in Alexandreia aufhielt, die Bewohner, die wohl wußten, daß ihre Häuser, für solche Ereignisse nicht eingerichtet und nur leicht gebaut, einem heftigeren Stoße keinen Augenblick würden wiederstehen können.

Mit gleicher Starke, wie zu Berytos, wüthete das Erdbeben in der gleichnamigen Stadt der unfern der Küste Vorderasiens gelegenen Insel Kos, durch ihren Asklepios-Tempel im Alterthum weltbekannt. Auch hier half eine gleichzeitige neptunische Revolution — ein heftiger Einbruch des Meeres — im Bunde mit der Gewalt der Erdstöße das Werk der schrecklichen Zerstörung vollenden, unter der auch der größte Theil der Einwohner umkam. Agathias, der kurz nach der Katastrophe auf seiner Reise von Alexandreia nach Constantinopel auf der Insel landete, sah noch als Augenzeuge das grauenhafte Bild der Zerwüstung, das, wie er versichert, keine Schilderung zu erreichen vermöge 58. Die ganze Stadt in einen unförmlichen Trümmerhaufen verwandelt, in welchem nur hie und da einige unscheinbare Lehmhütten aufrecht standen; allenthalben zertrümmerte Säulen und Balken umhergestreut, die Luft noch verdunkelt von dichten Staubwolken, also daß in dem Chaos der Zerstörung kaum mehr die Lage und Richtung der ehemaligen Straßen und öffentlichen Plätze zu erkennen war; nur wenige Bewohner unter den Trümmern irrend, und diese ein Bild des Jammers und der Noth, da das Erdbeben auch die Süßwasserquellen in Salzwasser gewandelt und ungenießbar gemacht; — das war das Bild der ehemals so schönen blühenden Stadt, der von ihrem früheren Glanze nichts mehr geblieben war, als der Name der Asklepiaden und der Ruhm, die Geburtsstätte eines Hippokrates und Apelles gewesen zu sein.

Daß außerdem, wie oben angedeutet wurde, noch andere Inseln des ägäischen Meeres und manche Zwischenpunkte der vorderasiatischen Küste von Kos bis zum nördlichsten Gränzpuncte der Erdbeben-schwingungen, Constantinopel, mehr oder weniger mögen gelitten haben, darf, wiewohl in den Quellen hierüber nichts vorkommt, als wahrscheinlich angenommen werden, zumal gerade jene Küstenländer im Alterthum solchen Unglücksfällen vorzugsweise ausgesetzt waren 59.

Wahrscheinlich nur einige Monate später scheint das ungewöhnlich heftige Erdbeben vorgefallen zu sein, welches Prokopios in der Geschichte des griechisch-ostgothischen Krieges schildert 60. Die Wellen dieses Erschütterungskreises erstreckten sich über Boiotien und Achaja 60; die Hauptstätte des Erdbebens scheinen aber die Länder um den korinthischen Meerbusen (den heutigen Busen von Lepanto) und vorzugsweise um eine nördliche Bucht desselben, den kleinen Busen von Krissa (jetzt Golf von Livadia) gewesen zu sein. Zahllose Flecken und acht größere Städte, darunter Chaironeia und Koroneia, in der Gebirgs-Abdachung zum boiotischen See Kopais, Patrai und Naupaktos, zu beiden Seiten der in den korinthischen Busen führenden Meerenge gelegen, stürzten unter der schrecklichen Gewalt der Stöße in Trümmer. An verschiedenen Orten klafften Erdspalten auf, von denen einige später sich wieder schloßen, während andere offen blieben und den Verkehr nur auf weiten Umwegen gestatteten. Ueberall hörte man von großen Menschenverlusten; insbesondere aber forderte an einem Orte, welchem in Folge der hier entstandenen Klüftung noch später der Name Schisma blieb, das Erdbeben mehr Opfer als im ganzen übrigen Hellas, da hier eben zur Feier eines Festes eine große Menschenmenge zusammengeströmt war.

Uebrigens gesellten sich auch in Hellas, wie es der Charakter der Erdbeben in dem bezeichneten Jahre überall gewesen war, zu den Schrecken der vulkanischen Revolution heftige neptunische Verheerungen, vielleicht durch Fortsetzung der Erschütterungen vom Festlande unter den Boden der anstoßenden Meere. Am malischen Meerbusen — dem heutigen Golf von Zeitun — drang in der Umgegend der zu beiden Seiten seines Eingangs gelegenen Städte Echinaios (Echinos) und Skarphia das Meer in heftiger Ueberfluthung weit hinein in das Festland bis zu den Gebirgen an der Küste, überschwemmte und zerstörte die Dörfer und blieb lange Zeit über dem Lande stehen, während es sich aus dem Busen selbst hinwegzog, so daß man zu den Inseln in demselben trocknen Fußes gelangen konnte. Von einem hiebei beobachteten naturhistorischen Phänomen wird weiter unten noch die Rede sein.

Nach längerer Rast gab sich die noch nicht beruhigte Währung der tellurischen Kräfte in einem neuen heftigen Erdbeben kund, das insbesondere durch seine ungewöhnlich lange Dauer merkwürdig ist. Am 15. August 554 (nach anderen Angaben 553) um Mitternacht wurden die Bewohner Constantinopels durch eine heftige Erderschütterung aus dem Schlafe aufgeweckt, welche außer sehr vielen Wohngebäuden, Kirchen, öffentlichen Bädern ec. auch einen Theil der Ringmauern niederwarf und viele Menschen unter den Trümmern verschüttete 62. Auf dem Forum Konstantins ward ein Standbild niedergestürzt, dessen Lanze durch die furchtbare Gewalt des Stoßes drei Ellen tief in den Boden fuhr. Vierzig Tage währte es, bis die öfter wiederkehrenden Erderschütterungen gänzlich zur Ruhe kamen, und es wurden auch in andern Städten ihre Wirkungen empfunden. So ward Nikomedeia in Bithynien, von Constantinopel etwa einen Grad weiter ostwärts, einen halben gegen Süden, in einer Bucht der Propontis gelegen, eine Stadt ersten Ranges im Alterthum, die übrigens solcher Unglücksfälle vordem schon mehrere erfahren hatte, unter großem Menschenverluste theilweise zerstört. Die vereinzelt stehende Nachricht bei Kedrenos (s. not. 62), daß dieses Erdbeben, mit Meeres-Einbrüchen verbunden, auch in Palästina, Mesopotamien usw. heftig gewüthet habe, ja seiner Ausdehnung nach ein „σεισμος παγκοσμος" gewesen, ist durch ihren Gewährsmann zu wenig gesichert. Wie groß aber die Bestürzung war, die damals in Constantinopel herrschte, erhellt aus dem Umstande zur Genüge, daß das Andenken an jene Tage des Schreckens noch zur Zeit des Theophanes alljährlich durch einen öffentlichen Bittgang nach dem Campus gefeiert wurde.

Im Jahre 555 am 11. Juli erschütterte aufs Neue ein starkes Erdbeben die Hauptstadt des oströmischen Reiches 65.

Zwei Jahre darauf (557) sammelten die tellurischen Bährungen, ehe sie von den schwer heimgesuchten Ländern des Orients für lange Zeit abließen, nochmal ihre volle Kraft zu einem letzten Angriffe, der auch diesmal vorzugsweise die Hauptstadt traf. Vorboten desselben waren schon ziemlich lange vorher in zwei heftigen, jedoch ohne Schaden verlaufenen Zuckungen, am 2. April und 6. Oktober 557, vorausgegangen 64; zwei Monate nach dem letzteren Ereignisse trat sodann die furchtbare Katastrophe selbst ein 65, welcher, wie ein gleichzeitiger Schriftsteller (Agathias) berichtet, keines der früheren Erdbeben in dieser Stadt gleich kam, und deren Schrecken überdies durch den schneidenden Contrast der Zeitumstände erhöht wurden. Die fröhliche Zeit eines Festes hatte begonnen, das allenthalben in der Stadt durch Gelage begangen wurde, als plötzlich, am 14. Decbr. 557, um Mitternacht der erste von einer langen Reihe von Erdstößen vernommen wurde 66, welche, an Heftigkeit rasch sich steigernd und dann allmählig abnehmend, zehn Tage und Nächte lang anhielten 67. Gleich in den ersten Momenten der Katastrophe bot die Stadt einen schrecklichen Anblick dar. In das Gekrach der bis auf die Grundvesten erschütterten, allenthalben stürzenden Gebäude, in das dumpfe, donnerähnliche Gedröhn, das aus der Tiefe der Erde sich emporrang, mischte sich das Jammergeheul der Menschenmassen, die, kaum der Besinnung mächtig und gegen das fallende Schneegestöber und den schneidenden Winterfrost kaum nothdürftig verhüllt, aus Häusern und Gassen nach den wenigen öffentlichen Plätzen der enggebauten Stadt sich drängten oder an den Altären der Kirchen Zuflucht suchten; ein eigenthümlicher, rauchartiger Nebel, der die unteren Luftschichten einnahm, hüllte Alles in schwarze Finsterniß. Aller Gehorsam der Untergebenen, aller Unterschied der Stände, alle Bande der gesellschaftlichen Ordnung hörten auf in der gemeinsamen Gefahr, die im nächsten Momente Allen den Untergang bringen konnte. Noch in dieser Nacht stürzten, nebst einer Menge von Privatgebäuden, zahlreiche Kirchen und öffentliche Baudenkmale ein; auch die beiden Ringmauern, die eine von Constantin, die andere von Theodosius erbaut, litten Schaden; und obwohl kein Ort in der Stadt oder den Vorstädten anzutreffen war, der von dem Unheil verschont geblieben wäre, so zeigte dennoch die Hafenstadt Rhegion das furchtbarste Bild der Zerstörung; kaum vermochte man mehr den Ort zu erkennen, wo sie gestanden. Daß hiebei eine große Anzahl von Menschen umkam, bedarf kaum der Erwähnung. — Die erschütterndsten Scenen führte der über dieser Stätte des Grauens anbrechende Morgen herbei, als das Licht des Tages das entsetzliche Werk der Nacht in seinem ganzen Umfange erkennen ließ, als mitten unter Trümmern und Leichen Verwandte und Freunde, die sich in der Verwirrung der Nacht verloren hatten, sich wieder fanden und mit Freudenthränen einander in die Arme stürzten.

Bei diesem Erdbeben, das auch in den folgenden Tagen noch seine Zerstörungen fortsetzte und seine Schwingungen über mehrere andere Städte des Reiches verbreitete, war es auch, wo von dem berühmtesten Bauwerke des byzantinischen Styls, der Kirche der S. Sophia, die mittlere Kuppel schadhaft wurde, so daß sie nach wenigen Monaten einstürzte 68. Tief gebeugt von dem Unglücke seiner Residenzstadt erschien der Kaiser mehrere Wochen lang bei feierlichen Gelegenheiten mit abgelegtem Diadem; alle öffentlichen Festlichkeiten unterblieben, und die hiefür ausgesetzten Summen wurden unter die Unglücklichen vertheilt, die hiebei alle ihre Habe eingebüßt hatten 69.

Lange noch, nachdem die Verheerung ihr Ziel erreicht hatte, blieben die moralischen Nachwirkungen dieses Ereignisses in den Gemüthern sichtbar. Die Einbildungskraft, an Bilder des Schreckens gewöhnt und überdies genährt mit mannigfach verbreiteten Weissagungen über das nahe bevorstehende Welt-Ende, glaubte auf dem längst zur Ruhe gekommenen Boden fortwährend neue Schwankungen zu empfinden. In solcher Aufregung und Erwartung der schrecklichen Dinge, die da kommen sollten, lag man alles Eifers dem Gebete ob, gelobte und begann ernstliche Besserung, gab reichliche Spenden an die durch das Erdbeben Verarmten oder Verstümmelten; Viele entsagten gänzlich dem Verkehre mit der Welt und zogen sich auf einsame Bergeshöhen zu einsiedlerischem Leben zurück. Allmählig aber, als die Zeit jene Prophezeiungen Lügen strafte, lösete sich die Erregtheit der Gemüther, und es begann das Leben in seine alten Geleise zurückzukehren; da wurden die Bewohner von Byzanz im nächsten Frühlinge durch ein neues Schreckniß, die Wiederkehr der großen Pest, an die Nichtigkeit aller irdischen Dinge gemahnt.

Mit einigen, wie es scheint, nickt bedeutenden Erdstößen in Antiocheia (December 560) 70 schließt die dritte Gruppe und damit die Reihe der tellurischen Revolutionen überhaupt im Morgenlands ab, von denen Gibbon wahrlich nicht zu viel sagt, wenn er (VI . p. 375) bemerkt: „Each year is marked by the repetition of earthquakes!" Von jetzt an beginnt der allgemeine Aufruhr der Natur im Gefolge der großen Pest vom Morgenlande mehr und mehr nach dem Abendlande sich zu ziehen, und eine lange Reihe von ungewöhnlichen Begebnissen der mannigfaltigsten Art eröffnet dort im Jahre 563 der große Bergstürz im Walliser Lande 71, in Folge dessen das Castell Tauredunum an der Rhone sammt dem Felsen, worauf es stand, mit Kirchen, Häusern und Menschen in die Tiefe stürzte.

II. Ätmospherische Phänomene.

Unter diese ist wohl die seltsame Abnahme und Trübung des Sonnenlichtes zu stellen, welche im Jahre 536 nach dem Berichte des Prokopios, Theophanes und Kedrenos ein volles Jahr beobachtet wurde. Prokopios, mit welchem die beiden späteren Chronisten fast von Wort zu Wort übereinstimmen, beschreibt dies Phänomen in folgender Weise (Vandal. II. 14.): „Die Sonne ward glanzlos (ακτινων χωρις) wie der Mond und verlor ihren strahlenden Schimmer für das ganze Jahr. Und zumeist sah sie aus wie zur Zeit einer Verfinsterung, indem ihr Licht nicht rein und nicht wie sonst gewöhnlich war. Seitdem ließ weder Krieg, noch Hungersnoth, noch sonst ein Unheil ab, die Menschen hinzuwürgen. Es war aber diese Zeit das 10. Jahr der Regierung Justinians"72).

Hiedurch ist, wie dem Verfasser denkt, eine zweifache Alteration des Sonnenlichtes angedeutet, erstens eine andauernde Abnahme seiner Intensität, so daß man nun in die Sonnenscheibe mit unbeschütztem Auge so gut, wie in die des Mondes, sehen konnte; zweitens eine zeitweilige Trübung oder Verdunkelung desselben, welche, sehr häufig zu einem höheren Grade gesteigert, der Sonnenscheibe ein ähnliches Aussehen, wie zur Zeit einer Finsterniß, gab.

Ob diese Erscheinungen durch die Annahme von Sonnenflecken (wie Schnurrer I. p. 121 versucht hat) genügend sich erklären lassen, mögen Sachverständige entscheiden. Es läßt sich aber nachweisen, daß, gleichwie obiges Ereigniß in Mitte heftiger vulkanischer Revolutionen und wenige Jahre vor dem Ausbruche der großen Pest steht, ähnliche Verdunkelungen des Sonnenlichts mehrmals um die Zeit heftiger Erdbeben und kurz vor dem Ausbruche großer Epidemien oder gleichzeitig mit diesen vorkamen. So ward im Jahre 262 n. Chr., zur Zeit einer langwierigen Epidemie, neben vulkanischen und neptunischen Verheerungen eine mehrtägige Finsterniß beobachtet 73; dieselbe Erscheinung findet sich im Jahre 746 n. Chr., einem durch ein großes Erdbeben und einen furchtbaren Ausbruch der Bubonen-Pest bezeichneten Jahre 74; von dem Auftreten des gleichen Phänomens am Anfange des schwarzen Todes, jener Zeit der schrecklichsten Erdbeben-Katastrophen, war bereits oben die Rede 75.

Diesen Thatsachen gegenüber möchte mit mehr Wahrscheinlichkeit anzunehmen sein, daß jene Alterirung des Sonnenlichts in atmosphärischen Verhältnissen, und zwar in einer Infection der Luft mit fremdartigen Stoffen, welche in derselben in Gestalt eines feinen, das Sonnenlicht verfinsternden Dunstes zur Erscheinung kamen, ihren Grund hatten. Diese fremdartigen Beimischungen aber mögen insbesondere in Folge der vulkanischen Revolutionen, bei denen sie mitunter schon dem Auge als dichter, rauchartiger Nebel sichtbar, oder sonst dem menschlichen Organismus empfindbar wurden, aus dem aufgähnenden Boden in die Luft aufgestiegen, theilweise auch noch durch andere Ursachen veranlaßt worden sein 76.

Hiedurch würden zugleich einerseits die Nachricht bei Agathias von dem „eigenthümlichen, rauchartigen Nebel" bei dem Erdbeben in Constantinopel vom Jahre 557, und von der ähnlichen Erscheinung über der Trümmerstätte von Kos, so wie die beglaubigten Thatsachen aus der Periode des schwarzen Todes ihre Erklärung finden, daß bei dem Erdbeben auf Cypern ein verpestender Geruch viele Menschen tödtete 77, und im nämlichen Jahre während eines mehrtägigen Erdbebens in Deutschland viele von Kopfschmerz, Betäubung und Ohnmacht befallen wurden 78; anderseits aber würde es begreiflich, wie durch so ausgedehnte Verpestung der Lust mörderische Epidemien, wenn nicht erzeugt, so doch vorbereitet und ihre Wirkungen zu so furchtbarer Höhe gesteigert werden konnten.

Außerdem geschieht noch eines feurigen Meteors-Erwähnung, welches im Jahre 556, nach einem an bösartigen Gewittern überreichen Sommer, im November oder December, in Gestalt einer Lanze vom nordöstlichen bis zum westlichen Himmel ausgedehnt, erschien 79; desgleichen einer anhaltenden Dürre in den Jahren 562 und 563, in Folge deren in Constantinopel die Brunnen versiegten, und an den wenigen noch nicht ganz vertrockneten blutige Kämpfe vorfielen 80.

III. Kosmische Erscheinungen.

Unter diese Kategorie fällt fürs Erste das Erscheinen von drei großen Kometen innerhalb eines Zeitraums von 21 Jahren, von denen der dritte und letzte dem ersten Auftreten der Pest (541) fast unmittelbar vorangeht.

Der erste derselben, welcher im Jahre 518 sich zeigte, erglänzte nach den Angaben der Berichterstatter als ein „φοβερος αστηρ" mit abwärts gekehrtem Schweife am östlichen Himmel und ward ob seines Aussehens von den Astronomen πωγωνιας (Bartstern) genannt 81).

Bedeutender noch war der zweite, vom Jahre 530, welcher von seinem hellen Glanze λαμπαδιας (Fackelstern) genannt wurde. Er erschien im September, und zwanzig Nächte blieb seine imposante Erscheinung, den strahlenden Schweif nach oben ausgebreitet, am westlichen Himmel sichtbar 82.

Der größte aber scheint der Komet des Jahres 539 gewesen zu sein, der nach Prokopios 83 im 13. Regierungs-Jahre Justinians, im Spätherbste sichtbar wurde und unter großer Bestürzung der Menschen über 40 Nächte am Himmel leuchtete. „Er war" — sagt dieser Berichterstatter ohne Zweifel als Augenzeuge — „anfangs von der Größe eines hochgewachsenen Mannes, später aber nahm er noch bedeutend zu; sein Schweif war gegen Untergang, sein Kopf gegen Aufgang gerichtet. Er folgte hinter der Sonne her; denn während jene im Steinbocke erschien, stand er im Schützen. Von seiner länglichen, am Kopfe in eine scharfe Spitze auslaufenden Gestalt nannten ihn Einige ξιφιας (Schwertstern)."

Außerdem scheinen noch zwei andere Phänomene in diese Kategorie eingereiht werden zu müssen, welche nach den Schilderungen der Berichterstatter als Sternschnuppenfälle von ganz ungewöhnlicher Stärke zu erklären sein dürften. Das erstere derselben ereignete sich im Jahre der Nika (532) 84, das zweite, freilich nur von dem einzigen Kedrenos 85, und in ganz ähnlicher Weise geschilderte, im Jahre 557.

IV. Störungen im vegetabilischen und im niederen animalischen Leben.

Daß der allgemeine Aufruhr, der die unorganische Natur aus den Fugen zu treiben drohte, auch die Kreise des organischen Natur-Lebens ergriff, gab sich durch mancherlei Thatsachen deutlich zu erkennen.

Wie kurz vor dem Auftreten des schwarzen Todes, wurde auch jetzt Ober- und Mittel-Italien, wenige Jahre bevor diese Länder der Würgengel des ersten Pestanfalles durchzog, der Schauplatz einer beispiellosen Hungersnoth. Es soll hier nicht von den gräßlichen Scenen des äußersten Mangels und Elends die Rede sein, das die Bewohner belagerter Städte in jenem mörderischen Vernichtungskriege zu dulden hatten, welcher zwei germanische Völker, die Ostgothen in Italien und die Vandalen in Nordafrika, fast spurlos ausgerottet hat 86. Wie sehr auch solche Leiden mit ihrem düsteren Gefolge von Siechthum und Krankheiten geeignet, waren, der nachfolgenden Pest die Wege zu bahnen, so wurden sie gleichwohl nur durch zufällige äußere Umstände, nicht durch Mißwachs veranlaßt. Daß aber auch die letztere Geißel nicht fehlte, beweiset zur Genüge das Schauergemälde, welches Prokopios 87 von dem Zustande Mittel- und Ober-Italiens im Jahre 538 uns hinterlassen hat. Als der Sommer wieder kam (so lautet sein Bericht, der, wie er selbst bemerkt, auf Autopsie gegründet ist), — es war aber das vierte Jahr des Krieges — stand die Frucht um Vieles dünner als im vorigen Jahre, da die Bestellung der Felder unterblieben war. Deshalb wanderten die Einwohner der Landschaft Aemilia 88 in das Picenische aus, in der Hoffnung, es werde dort, als in einem Küstenlande, die Hungersnoth erträglicher sein. Aber auch hier, wie im benachbarten Tuscien, wüthete der gleiche Mangel. In letzterem Lande fristeten die Gebirgsbewohner ihr Leben mit Brod, das sie aus zerriebenen Eicheln bereiteten, einer Nahrung, die natürlich Krankheiten aller Art unter der Bevölkerung erzeugte; im Picenischen aber sollen nicht weniger als 50.000 Römische Landleute ein Opfer der Hungersnoth geworden sein 89; noch weit mehr in den Gegenden nördlich von Ravenna 90. Von Magerkeit und Blässe entstellt, die Haut lederartig und wie an den Knochen festklebend, mit unheimlich scheuen Zügen, das Feuer des Wahnsinns in den Blicken, so irrten die Unglücklichen umher, und es tödtete keine geringere Zahl das Uebermaß der etwa gefundenen Speise, als der gänzliche Mangel derselben. Man sah Viele, die, wo sie eine grüne Stelle trafen, heißhungrig auf das Gras sich hinwarfen, aber mit versagender Kraft über dem vergeblichen Bemühen, es zur kargen Nahrung auszuraufen, ihr Leben aushauchten. In einem Orte jenseits Ariminum sollen zwei Weiber nach und nach siebzehn Männer, die in ihrem Hause Herberge gesucht, geschlachtet und aufgezehrt haben. An Todtenbeschickung dachte Niemand; auch mochten die Vögel die fleischlosen Gerippe nicht berühren. Also Prokopios.

Mag man nun den von demselben hervorgehobenen Umstand, daß der Feldbau in Folge der Kriegswuth vernachlässigt worden sei, noch so schwer ins Gewicht fallen lassen, schwerlich wird man hiedurch allein, wenn nicht eine umfassende Störung im vegetabilischen Leben überhaupt hinzukam, ein solches Uebermaß des Elends, wie das oben geschilderte, in einem Lande erklärlich finden, wo die Fluren — wie derselbe Prokopios an einem andern Orte bemerkt 91 — zu keiner Jahreszeit ihres grünen Schmuckes beraubt stehen. Auch hätte sich in den spätere Jahren, wenn der Krieg allein die Ursache war, die Noth und das Elend noch steigern müssen; allein nirgends findet sich in den 14 weiteren Kriegsjahren, die Prokopios schildert, ein ähnliches Ereignis aufgezeichnet, wie jene Hungersnoth, die schon in das 4. Jahr des Kampfes fällt. Außerdem sprechen auch die vor dem Ausbruche anderer großen Seuchen beobachteten derartigen Erscheinungen für unsere Annahme.

Andere Fälle von Mangel und Mißärnten, welche bei den Chronisten sich noch aufgezeichnet finden, wie in den Jahren 546 und 556 in Constantinopel und der Umgegend 92, wobei es das letztere Mal in der Hauptstadt beinahe zu einem Aufstande gekommen wäre, sollen hier nicht weiter in Betracht gezogen werden; des Mißjahres in Aegypten (547) wurde bereits oben gedacht.

Zu gleicher Zeit aber wurden auch in den Kreisen des niederen animalischen Lebens, wie einzelne Spuren anzudeuten scheinen, ungewöhnliche Bewegungen rege. Zwar betrafen diese nicht, wie sonst gewöhnlich, die Insekten-Welt, und von jenen ständigen Vorboten und Begleitern großer Pesten, den Heuschrecken-Heeren, findet sich in dieser Zeit keine Nachricht; erst gegen das Ende der großen Pestperiode treten sie auf, und zwar im Jahre 584 in Frankreichs 93, in den Jahren 591 und 592 in Italien 94. An ihrer Stelle erscheinen dagegen massenhafte Wanderungen unter den Thieren des Meeres. Im Jahre 547, einem durch vulkanische und neptunische Revolutionen merkwürdigen Zeitpunkte, sah man, wie Prokopios berichtet 95, einmal bei ganz ruhiger See eine ungeheure Menge von Delphinen an der Meerenge von Constantinopel zusammenströmen, und es ward bei dieser Gelegenheit ein gewaltiges Meer-Ungethüm (κητος), das seit 50 Jahren der Schrecken des schwarzen Meeres gewesen, erlegt, als es, jene Delphine verfolgend, auf den Strand gerieth. Einen anderen Fall dieser Art erzählt derselbe Gewährsmann 96 vom Jahre 551, der Culminations-Epoche der tellurischen Stürme der dritten Gruppe. Als nach dem Meeres-Einbruche im Malischen Busen die Gewässer wieder in ihr altes Bett zurücktraten, blieben Fische zurück von einer den Einwohnern unbekannten Art und Gestalt; und als man deren am Feuer zubereiten wollte, löseten sie sich, sobald die Hitze der Flammen sie berührte, unter unerträglichem Geruche in Fäulnis auf 97.

Kann nun auch nicht geleugnet werden, daß die letzteren Erscheinungen in anderen Umständen ihren Grund gehabt haben mögen, so scheint doch anderseits, wenn man die Zeitumstände, in die sie fallen, erwägt und sie mit den Eingangs erwähnten ganz ähnlichen Erscheinungen in der Periode des schwarzen Todes zusammenhält, auch die Vermuthung ihre Berechtigung zu haben, daß dieselben mit dem großen Aufruhr der Natur in einem unmittelbaren, inneren Zusammenhange stehen und als der Nachhall derselben in der Sphäre des Thierlebens anzusehen seien.


FUßNOTEN


1) Die näheren Nachweise dieser wichtigen, bis jetzt noch wenig beachteten Thatsache aus den vorhandenen Quellen gedenkt der Verfasser in dem beabsichtigten ausführlichen Werke über die welthistorischen Epidemien zu geben.

2) Raynald. ex manuscr. Vatic. ad ann. 1348  n. 30, citirt von Menzel, deutsche Geschichte IV. p. 271.

3) Ueber diese Pest selbst, so wie die gleichzeitigen ungewöhnlichen Naturerscheinungen cf. die Monographie Heckers „der schwarze Tod,"

4) Man fuhr z. B, in Köln mit Schiffen über die Stadtmauern; bei Straubing lief die Donau über die Brücke hinweg. Zu gleicher Zeit fanden furchtbare Ueberschwemmungen in China statt. — Cf. Hecker in dem angeführten Werke. — Schnurrer, Chronik der Seuchen 1. P. 318.

5) Außer den bei Hecker aufgeführten Quellen cf. Sebast. Franck, Chronika II. pag. 219 b. — Matteo Villani, istorie, in Muratori, rerum italic. script. Tom. XIV. p. 14. — Staindelii Chron. in Oefele, rerum hoic. scriptores 1. p. 520 a. — Hermann. Corneri chronicon in Eccard. corp. hist. med. aevi. II. p. 1075, wo sich bezüchlich dieser Erscheinung die nachstehenden Verse finden:


……In ejus (ac. pestilentiae)

 Principio coelum spissa caligine terras

Pressit et ignavos inclusit nubibus aestus.


6) Ausführlich und in ergreifende Weise ist die große Hungersnoth von 1346 zu Florenz geschildert von Giovanni Villani, Historie XII, cap. 72, in Murat. rer. ital. script. Tom. XIII. pag. 954 etc.

7) Diese von Hecker nicht beobachteten Erscheinungen wurden beobachtet 1331 in Dublin — nach Schnurrer, Chr. der Seuchen I. p. 314, der sich auf Webster’s Chronik beruft — an einer Fischart, die man dort thurlheads nannte, und 1840 an der oberen Donau (in der Gegend van Regensburg?) nach Ud, Onsorg. Chron. Bavar., in Oefele, rer. hoic. script. I. p. 365a, desgleichen nach Andr. Ratisbon. und Joann. Chrafti chron, bei Eccard. corp. hist. med. aevi 1. p. 2105. Die hier beobachten Fische werden in den Chroniken als „ cassiodoli, vulgariter Karpfen" bezeichnet.

8) Cassiod. Variar. IV. epist. 45. —

9) Victor Tunnum. „ Probo Consule (d.f. nach Almel. im Jahre 513)….nubes ex improviso cinerem….pro pluvia emiserunt totamque civitatem (Constantinopel) atque provinciam contexerunt." Die Zeit des von Cassiod erwähnten Vesuv-Ausbruch — von dem Victor übrigens nichts berichtet — läßt sich zwar nicht mit Sicherheit ermitteln. Da aber die ersten Briefe des III. Buches von Cassiod, ihrem Inhalte zufolge kurz vor der Schlacht bei Vouglé (507) abgefaßt sein müssen, der oberwähnte Brief aber, wie die übrigen der 5 ersten Bücher im Namen des Königs Theodorich († 526) erlassen sind, so muß die erwähnte Vesuv-Ausbruch zwischen 507 u. 526 sich ereignet heben. In diesem Zeitraume findet sich aber sonst keine Eruptien in den Quellen aufgezeichnet. Es dürfte daher der im Texte aufgestellten Annahme, daß derselbe die Ursache des Aschenregens von 513 gewesen, ein Bedenken umso weniger entgegen stehen, als die in dem ebenbezeichneten offiziellen Erlasse des Cassiodorus besonders betonte Eigenthümlichkeit der weiten Verbreitung der ausgeworfenen Asche (Volat per mare magnum cinis decoctus et terrenis nubibus excitatis transmarinas quoque provincias pulvereis guttis compluit etc.) sehr wahrscheinlich macht, daß dieses Ereignis auch bei dem damaligen Ausbruche statt gefunden habe. Schnurrer (1. p. 120) und Hoff (IV. p. 189) setzen ohne Angabe von Gründen die obige Eruption um das Jahr 512.

10) Gotth. II. cap. 4.

11) Theoph. Chronogr. edit. Paris. p. 108. — Malal. Chronogr. p. Oxford. 79. — Chronic. Alexandr. — Kedren. ed. Paris. p. 350. — Auch Prokopios in der oben angeführten Stelle scheint bei der beispielsweise Erwähnung eines Aschen-Regens in Constantinopel in Folge einer Vesuv-Eruption das Ereignis von 472 im Sinne gehabt zu haben, auf welche theils die beigefügte Bemerkung von der Anstellung öffentlicher Gebete (cf. Theophan, und Malal.) theils die Bezeichnung dieses Vorfalles als eines solchen, von den er „ gerüchtsweise" (φασί) vernommen habe, der demnach vor seiner Zeit sich ereignet haben muß, hinzudeuten scheint. Damit steht der darauf folgende Satz im Prokopios (a. a. O.): „ Καί πρότερον μεν ένιαντων έκατον ή και πλειόνων τον μυχηθμον τουτον φασι γενεσθαι, ύστερον δε και πολλωι ετι θασσον συμβηναι," keineswegs im Widerspruche; denn die lateinische Uebersetzung des Maltrait von dieser Stelle: Jam autem anni sunt centum etiam plus, ut perhibent, cum prior mugitus (nach Maltrait der erstere der kurz vorher erwähnten durch Vesuv-Eruptionen veranlaßten Aschenfälle zu Constantinopel und Tripolis) editus fuit; alterius multo recentior est memoria, wonach also jener Aschenregen zu Constantinopel schon etwa um 440 müßte vorgefallen sein, da die Bücher des Prokopios über den gothischen Krieg um 545 verfaßt sind, scheint dem Verfasser dieses Programms in mehrfacher Beziehung ganz unrichtig. Der Sinn obiger Stelle ist nach seiner Ansicht vielmehr folgender: „Und früher soll dieses Brüllen" (des Vesuv, nebst Aschen-Auswurf sc,) „binnen hundert Jahren und darüber (d. i. durchschnittlich Ein Mal während der angegebenen Zeit), später aber viel schneller (d. i. mit viel kürzeren Zwischenpausen) eingetreten sein"; womit also eine in letzterer Zeit häufiger gewordene vulkanische Thätigkeit des Vesuv angedeutet wäre.

12) „Indict. X. Marciano et Festo Coss. (nach Almel. im Jahre 472) Vesuvius mons torridus intestinis ignibus aestuans…. Omnem Europae faciem minuto contexit pulvere." — Hoff IV. p. 188 glaubt, da von diesem Ausbruche bei keinem gleichzeitigen Schriftsteller Erwähnung geschehe, eine andere Ursache annehmen zu müssen.

13) Prokop, am mehrerwähnten Orte.

14) Euagr. hist. eccles. III. 43. — Malalas Chronogr. XVI. p. Oxford. 125. — Die Zeit des Ereignisses, welche von keinem der beiden Gewährsmänner näher bezeichnet ist, ergibt sich aus der in denselben unmittelbar darauf folgenden Erwähnung eines Aufstandes in Constantinopel über einen Beisatz, den der Kaiser zum hymnos Τρισαγιος  machen wollte, was nach den Chroniken von Marcell. und Victor Tunn. im Jahre 516 geschah. Kedrenos. ed. Paris. p. 360. setzt den Aufstand — wohl minder genau — in das 22. Regierungs-Jahr des Kaisers Anastasios, also 512.

15) „Indict. XI. Magno solo Cos." D. i. nach Almel. i. J. 518. — Cf. Schnurr. I. p. 120 — Hoff IV. p. 189. — Zinkeisen I. p. 668.

16) Euagrios, hist. eccles. IV. 8. — Malalas Chronogr. XVII. p. Oxford. 141. — Theop. Isaak. p. Paris. 143 seq. — Kedren. p. Paris. 364. — Zinkeisen I. p. 663. — Hoff IV. p. 190. — Die Zeit des Ereignisse, welche von Euagrios nicht näher bezeichnet wird, berechnet sich bei Theophanus auf das 4. Jahre vor den, großen Erdbeben von Antiocheia, für welches das Jahr 526 fest steht. Da nämlich in der annalistischen Darstellungsweise dieses Schriftstellers die Ereignisse eines neu beginnenden Jahres jedes Mal mit der ständigen Formel: „τουτωι τωι ετει" eingeleitet werden, und von der Erwähnung des Erdbebens zu Durrhachion und Korinthos bis zur Schilderung der Katastrophe von Antiocheia obgedachte Formel 4mal vorkommt, so ergibt sich für das erstgedachte Ereigniß, wenn in der Darstellung kein Jahr übergangen ist, das Jahr 522. Damit stimmt Kedren. (l. l.) überein, der dasselbe im 4, Regierungsjahre Justinians — also gegen Ende 521 oder Anfang 522 — vorfallen läßt, so wie welcher, nachdem kurz vorher von der Einstellung der Olympischen Spiele zu Antiocheia durch Justinian — im 13. Ind. Jahre = 520) — die Rede gewesen, mit der ihm geläufigen, nicht im strengsten Sinne zu fassenden Uebergangsformel εν δε τωι, αυτωι χρονωι obigen Vorfall erzählt. — Von Prokopios in seiner späteren, nicht ohne Leidenschaftlichkeit verfaßten Schrift ‚Ανεκδοτα‘ (histor. Arcana) c. 18 wird das Unglück zu Korinth, so wie die nachher anzuführenden Ereignisse zu Anazarbos und Edessa unrichtig in der Reihe der Unglücksfälle aufgeführt, welche Justinians Regierung ausgezeichnet haben und die dort gewissermaßen dem bösen Genius dieses Herrschers zugeschrieben werden.

17) Vielleicht gehört hieher Lychnidos in Speiros, dessen Zerstörung durch Erdbeben in Prokop. ‚Ανεκδοτα‘ 18. zugleich mit der von Korinthos erwähnt wird.

18) Senec. nat. quaest. VI. 26. — Plin. hist. nat. II. 80, 82. — Cf. Forbiger, Handbuch der alten Geographie, Bd. I, 639.

19) Eugr. l. l. ohne nähere Zeitangabe. — Theoph. Isaak. ed. Paris. P. 146, bei welchem diese Begebenheit in dem Jahre vor der Zerstörung Antiocheias ihren Platz hat. — Kedren. ed. Paris. P. 365, welcher als Zeitpunkt d. 7. Reg. Jahr Justins — 524/525 nennt. — Malalas l. l., nach dessen Darstellung der Unfall von Anazarbos in die Zwischenzeit von der Verwüstung Dyrrhachions bis zu der von Korinth fiel. — Hoff IV. p. 190. — Die einzeln stehende Nachricht bei Kedrenos 1.1., daß im selben Jahre auch Constantinopel durch ein furchtbares Erdbeben   an verschiedenen Stellen beschädigt worden sei, bietet, zumal bei einem den Begebenheiten so ferne stehenden Schriftsteller, zu wenig sichere Gewähr.

20) Die sub. 16) und 19) angeführten Quellen nebst Prokop de aedific. II, 7. — Die Angabe bei Forbiger, Handbuch d. alten Geograph, Theil II. p. 629, daß Edessa unter Justinian I. durch ein Erdbeben zerstört worden sei, ist demnach irrig. — Von Anazarbos übrigens wie von Edessa wird berichtet, daß sie durch reiche Spenden des Kaisers aus ihren Trümmern wieder erstanden seien und fortan ihm zu Ehren den Namen Justinopolis geführt hätten. Um die letztere Stadt machte sich auch Kaiser Justinian durch großartige Nutzbauten zur Vorsorge gegen ähnliche Unfälle verdient. Prokop, a. a. O.

21) Prokop. Pers. I. 17.

22) Euagr. hist. eccles. IV. 5. — Theop. Isaak. Chron. ed. P. p. 147. — Malalas Chronogr. XVII. p. Oxf. 140. — Kedren. p. Par. 365.

23) Vielleicht waren sie durch Vulkanismus entstanden, da sie nach Kedrenos l. l. mit Erderschütterungen verbunden waren.

24) Ueber die Zeit stimmen alle Angaben überein: „ 7 Jahre 10 Monate nach dem Regierungs-Antritte Justinians‘ (letzterer war nach dem Chron. Alex. 9. Juli 518 erfolgt) berichtet Euagr. „ Im 4. Jahre v. Ind. Cyclus, unter dem Consulate des Olybrius" (nach Alm. = 526), Marcell. Theop. und Malalas.

25) „ Totam Antiochiam repens inter prandendum terrae motus invasit" Marcell. — Vergl. Prokop. Pers. II. 14: „Σειμος εξαισιος λιαν την τε πολιν κατεσεισε πασαν και των οικοδομηματων τα τε πλειστα και καλλιστας ος το εδαφος ευθυς ηνεγκε‘ aus welcher Stelle erhellt, daß gleich der erste, gewaltige Stoß die Stadt in Trümmer warf.

26) Prokop. Persic. II. 14. und ‚Ανεκδοτα‘ cap. 18 — Euagr. IV. 5. — Marcell. Com. ad ann. laud. — Theoph. Ls. Chron. ed. Paris. P. 147. — Malalas Chronogr. VIII. p. Oxf. 142 seqq. — Nikeph. Kall. XVIII. 3. — Kedren. p. Par. 385. — Anastas. hist. eccles. ed. Bonn. P. 93. — Cf. Gibbon VII. p. 376 der Leipziger Ausgabe. — Hoff IV. p. 190. — Schnurr. I. p. 120.

27) Euagr. l. l.

28) Euagr. sagt einfach „οις (sc. βρασμωι και σεισμωι) και πυρ ειπετο." Bestimmter Marcellinus:….sinistris mox ventis undique flantibus flammasquecoquinarum, pro tempore aestuantes (denn das Erdbeben   war „ inter prandendum" eingetreten), ruentia in aedificia miscentibus, duplex torridumque exitium importavit (terrae motus)"

29) Es wurde diese Erscheinung unter andern bei dem großen Erdbeben zu Lissabon (1 November 1755), desgeleichen bei demjenigen, welches i. J. 1822 Syrien verheerte, beobachtet. R. f. d. Artikel in Ersch und Gruber.

30) Prokop. Pers. II. 14. gibt die Zahl der Umgekommenen nach einem unverbürgten Gerüchte sogar auf 300.000 auf. Das Erdbeben-Unglück zu Antiocheia ist, was intensive Kraft und Größe des Menschenverlustes betrifft — selbst wenn obige Zahlen um das Doppelte, ja um das Drei- und Fünffache zu hoch gegriffen sein sollten — das stärksten, welches, so viel der Verfasser weiß, die Geschichte aller Zeiten kennt. Bei den größten Erdbeben des Alterthums, welches im Jahre 17 v. Chr. in Einer Nacht 12 der blühensten Städte Vorasiens niederstürzte (Tacit. ab. exc. div. Aug. IIb. II. 47. — Strabon XII.) findet sich wäre, von den Schriftstellern nicht mit Stillschweigen übergangen worden sein. Bei dem Erdbeben zu Lissabon betrug die Zahl der Verunglückten nicht über 30.000.

31) „Selten vergeht ein, wenigstens bedeutendes Erdbeben mit einem einzigen Stoße, sondern oft Monate, ja selbst Jahre hindurch wiederholen sich die Bebungen des Bodens mit mehr oder weniger großen Stärke." Aus dem oben erwähnten Artikel in Ersch u. Gruber p. 266 b.

32) Theoph. und Malal. a. a. O.

33) Theop. l. l. — Kedren. p. P. 366 — Cf. auch Euagr. l. l.

34) Die Zerstörung beider Städte in dieser Zeit berichtet Malalas XVII. p. Oxf. 145; die Zerschüttung Seleukia’s findet sich auch erwähnt bei Prokop. Ανεκδ. 18, jedoch ohne nähere Zeitangabe, als daß sie in der Regierungszeit Justinians (527 — 565) vorgefallen. Da dem Malalas, wie er etwas weiter unten (p. Oxf. 177) erwähnt, die Acta publica der Stadt Antiocheia (τα ακτα της αυτης πολεως) zur Hand waren, so erscheint sein Zeugnis, so viel Irrthümer auch sonst in seiner Chronographie vorkommen, wenigstens für obigen Fall, so wie für das gleich nachher zu erwähnende Ereignis zu Laodikeia, auch in seiner Vereinzelung hinlänglich gesichert. Aus der Stelle bei Prokopios, wo Seleukeia als eine Nachbarstadt (εκ γειτονων οικειται) von Antiocheia bezeichnet wird, erhellt auch, daß unter mehreren Städten dieses Namens nur die oben erwähnte gemeint sein kann.

35) Euagr. IV. 6. — Theophan. p. Par. 151. — Malalas XVIII. p. Oxf. 176. — Kedren. p. P. 367. — Anastas. hist. eccles. ed. Bonn. P. 94. — Cf. Schnurr. I. p. 121 — Hoff IV. p. 190. — Auch hier stimmen die Zeitangaben bei sämmtlichen Berichtstattern überein: „ Dreißig Monate nach dem vorigen Erdbeben." Euagr. „ Im 7 Indict. Jahre, das am 1 Septbr. Regierungs-Jahre Justinians." Malalas und Kedren. Von Schnurr. l. l. wird es irrig auf den 18. Novbr. gesetzt. Von Weigel, welcher außer dem obigen keines der großen Erdbeben erwähnt, wird dasselbe p. 272 richtig im Jahre 528 aufgeführt.

36) Donnerähnliche Detonationen wurden, auch nach neueren Beobachtungen in den meisten Erdbeben   wahrgenommen. Cf. Ersch und Gruber im angeführten Artikel p. 265 a.

37) Malalas a. a. O. Nach Weigel l. l. kamen 8870 Menschen um (?).

38) Chron. XVIII. p. Oxf. 193: „ Im 4. Regierungsjahr des Kaisers Justinian, unter dem Consulate des Lampadius u. Orestes (nach Almel. — 580).

39) Chron. XVIII. p. Oxf. 220 „ Unter dem dritten Consulate Justinians (nach Almel. = 583).

40) Theoph. Chronogr. p. Par. 183. — Malalas Chronogr. XVIII. p. Oxf. 108. — Anastas. hist. eccles. Bonn. Ausg. p. 101. — Kedren. p. Par. 366. — Seltsamer Weise wird aber von allen drei Schriftstellern, die auch sonst den Vorfall in ganz übereinstimmender Weise erzählen, Pompejopolis eine Stadt Mysiens genannt; nun ist aber eine mysische Stadt dieses Namens aus anderweitigen Quellen nicht bekannt, eine Schwierigkeit, welche von älteren und neueren Erklärern des Theophanes und Malalas mit Stillschweigen übergangen wird. Einen Fehler in den Handschriften anzunehmen, geht bei der Uebereinstimmung der drei Schriftsteller nicht an. Der Verstoß scheint vielmehr schon in den Quellen vorgekommen zu sein, aus welchen dieselben gemeinschaftlich — oder wenigstens Theophanes, als der ältere von ihnen, den vielleicht die beiden jüngere benützten — geschöpft haben. Nun kennt aber das Alterthum nur zwei Städte dieses Namens; außer dem oben im Texte erwähnten paphlagonischen noch das kilikische Pompejopolis, das früher Soloi. An die letztere Stadt hier zu denken, läge freilich nahe, da dieselbe im Erschütterungskreise der letzten Erdbeben von 525 — 528 lag, und Malalas dies Erdbeben von Pompejopolis in das Jahr 528, kurz vor den Ausbruch des neuen Erdbebens von Antiocheia, setzt. Allein der Antiocheier Malalas mußte doch wissen, daß diese Nachbarstadt nicht in Mysien lag. So bleibt also nur Pompejopolis in Paphlagonien übrig, einer Provinz, die den Alten ohnehin verhältnißmäßig wenig bekannt war (Forb. II. p. 405). Daß aber die Stadt damals noch bestand, erhellt aus der Novella 24. cap. 1. — Vorstehende Annahme wird noch unterstützt durch den Umstand, daß auch das benachbarte Amaseia nebst Umgegend — vielleicht in jener Zeit — durch Erdbeben litt, und die Stadt Neokaisareia im Pontos, etwa um einen Längengrad östlich von Amaseia unter gleicher Breite mit diesem und Pompejopolis gelegen, etwas früher (um 503) gleichfalls verschüttet worden war (Theop. Chr. p. Par. 124), somit Erdschütterungen in dieser Gegend nicht ohne Beispiele waren.

Ueber die Zeitangabe des Ereignisse weichen die Schriftseller beträchtlich ab. Nach Theophan. l. l., wo für das folgende Jahr der Tod des Bischofs Epiphanios († im 10. Regierungsjahr Justinians) erwähnt wird, muß dasselbe im 9. Regierungsjahr Justinians (= 535/36) vorgefallen sein; Anastas. setzt es in das 8. Regierungsjahr dieses Kaisers, Kedrenos aber, vielleicht durch Verwechslung, in das 9. Regierungsjahr Justins, kurz vor dessen Tod (= 527). Von des Malalas Zeitbestimmung war oben die Rede. Der Verfasser glaubte der Angabe des genaueren Theophanus folgen zu müssen. Bei Hoff IV. p. 191 und Schnurrer I. p. 125 erscheint es in das Jahr 534 gesetzt.

41) Malalas XVIII. p. Oxf. 183. — Prokop. ‚Ανεκδ‘ cap. 18. Aus dem Letzten erhellt nur, daß das Begebnis in der Regierungszeit Justinians vorfiel. Malalas erwähnt es zwar zum 3. Regierungsjahre dieses Kaisers (= 529); allein wenn obige Annahme, daß das paphlagonische Pompejopolis 535/536 durch Erdbeben zerstört worden sei, einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit hat, so dürfte das Ereignis von Amaseia mit gleicher Wahrscheinlichkeit ungefähr in dieselbe Zeit zu setzen sein, um so mehr, als sich nirgends Andeutungen finden, daß die Erschütterungen von 525 —29 auch über den Nordost von Kleinasien sich ausgedehnt haben.

42) Prokop. Gotth. II. 3. Fas Ereignis fällt in das 3. Jahr des Griechisch-Ostgothischen Krieges, wie aus dem Schlusse des cap. 12. erhellt. — Ueber einen stärkeren Vesuv-Ausbruch, der nach Schnurrer 1. P. 125 im Jahre 538 vorgefallen sein soll, hat der Verfasser in den Quellen nirgends Nachrichten gefunden.

43) Theop. Chronogr. p. P. 188. „Im 5 Ind. Jahre."

44) Theop. p. P. 189. — Malal. XVIII. p. Oxf. 225. — Kedren. p. P. 374. — Anastas. hist. eccles. P. 103. — Histor. miscella XVI. in Murat. I. 1. P. 108. — Hoff IV. p. 191. — Schnurrer I. p. 125 und 128. — Die griechischen Quellen haben übereinstimmend das 7. Ind. Jahr, welches mit 1 Septbr. 543 begann. — Schnurrer führt die Zerschüttung von Kyzilos als ein von dem weitverbreiteten Erdbeben des Jahres 543 unabhängiges Ereignis zum Jahre 541 an.

45) Vitae Patrum cap. VI. (de Sto Gallo episcopo) n. 6., zwar ohne nähere Zeitangabe, als sub ejus (Sti Galli) tempore, d. i. zw. 527 —554; da aber gleich darauf die lues inguinaria erwähnt wird, welche 8 Jahre vor dem Tode des hl. Gallus im benachbarten Gebiete von Arelate ausbrach, so scheint der Zeitpunkt jenes Erdbeben dem Jahre 543 nicht sehr ferne zu liegen.

46) Wahrscheinlich identisch mit Aphrodisias in Thrakien, unfern de Küste.

47) Theophan. p. Par. 190., wozu die Note von Goar in der Bonner Ausgabe. — Anastas. hist. eccles. P. 103. — Historia miscell. XVI. bei Murat. P. 108. — Kedrenos p. Par. 375. — Uebereinstimmend überall als Zeitangabe das 18. Reg. Jahr Justinians. Bei Theophanes erscheint es in dem Jahre, welches der vorgenommenen Abänderung in der Zeit des Oster-Festes (im 19. Reg. Jahre dieses Kaisers) unmittelbar vorausging. — Vielleicht ist auch die Nachricht bei Malalas p. Oxf. 224 von der gerüchtsweise vernommene Ueberfluthung mehrerer Städte, auf dieses Ereignis zu beziehe.

48) Theop. p. P. 190. — Anastas. hist. eccles. P. 103. — Histor. miscell. P. 109. — Kedren. p. Par. 375. — Hoff. IV. p. 191. — Schnurrer 1. P. 128. — Als Zeit des Ereignisses ergibt sich bei Prokop. das 18. Jahr des gothischen Krieges (der 535 begonnen hatte); ganz im Einklange damit stehen die bezüglichen Angaben der Uebrigen: „im 10. Ind. Jahre" oder „im 21. Reg. Jahre Justinians." Nur bei Theophan. sind diese Erdbebenstöße im Todesjahre Theodora’s aufgeführt, welche nach Prokop. Gotth. III. 30. Im Laufe des 22. Reg. Jahres von Justinian, im 14. Jahre des gothischen Krieges, starb. Irrig erscheinen sie bei Schnurrer, wie auch die unregelmäßige Nil-Ueberschwemmung in d. Jahr 545 vergerückt und ein anderes Erdbeben zu Constantinopel in d. Jahr 546 gesetzt.

50) „‘Εγένοντο σεισμοι συεχεις" berichten Malalas und Theophan.

51) L. i. und Ανέκδ. 18.

52) Ανέκδ. 18., wo die Unglücksfälle der Reg. Zeit Justinians aufgezählt werden; ausführlicher de aedificiis V. 5.

53) In ein früheres Jahr möchte dieselbe wohl nicht gehören, da sie in der erstgenannten Stelle bei Prokop., bei der Aufzählung der großen Ueberschwemmungen unter Justinian, unmittelbar nach jener Nil-Ueberschwemmung ihren Platz hat, und anzunehmen ist, daß der Schriftsteller die Chronologische Ordnung eingehalten hat.

54) Agathias II. cap. 15. — Euagr. hist. eccles. IV. 34. — Auct. itinerarii Antonini martyris von Valesius zu Euagr. l. 1. citirt — Theoph. ed. Par. pag. 192. — Malal. XVIII. p. Oxf. 229. — Kedren. p. Par. 376. — Cf. Gibbon VII. p. 375. Seq. — Hoff IV. p. 191. Seq. — Schnurr. I. p. 130. —

Die chronologische Feststellung dieses Ereignisses ist nicht ohne Schwierigkeiten, insbesondere ist durch Schnurrer und Hoff große Verwirrung in die Sache gebracht worden.

Aus Agathias und Euagrios, welch der Begebenheit am nächsten stehen, ist eine genauere Zeitbestimmung nicht zu ermitteln. Der Letztere berührt dieselbe nur gelegentlich ohne Zeitangabe; bei dem Ersteren geht unmittelbar voraus die Schilderung der Erbstreitigkeiten zwischen den fränkischen Königen Childebert und Chlotar, von denen Letzterer einig Zeit darauf durch den Tod des Ersten alleinige Herr der gesammten Frankreichs geworden sei (558 nach Luden, Geschichte der Deutschen III. p. 184). Daran wird mit der sehr unbestimmten Uebergangsformel „ύπο δε τον αυτον χρονον" die Beschreibung des obigen Erdbebens geknüpft. Nach Beendigung derselben folgt der Anfang des Krieges über die kaukasischen Lazier (549). Daraus ergiebt sich nur das negative Resultat, daß das Ereignis nicht vor 549 und nicht nach 558, vielmehr einige Zeit vor dem letzten Jahre vorgefallen sein wird. — Theophan. l. l. sagt:….."Im Monate April im 4. Ind. Jahre, ward Narses nach Rom gesendet, οφειλων πολεμησαι τοις Γοτθοις τοις παραλαßουσι την Ρωμην κ. τ. λ…..Am 9. aber des Monats Juli sc. Und nun folgt die Schilderung des in Frage stehenden Erdbebens. Hier findet sich also, was einen viel sicheren Anhaltspunkt gewährt, als Zifferangaben, die bekanntlich vielfachen Verderbnisse ausgelegt sind, eine gleichzeitige Thatsache angemerkt. Nun wurde nach Prokop. Gotth. IV. 21. Narses mit der Führung des Krieges wider die Ostgothen betraut im 17. Jahre des Krieges, d. i. 551; seine Ankunft in Italien aber erfolgte erst im Frühlinge des folgenden Jahres, da die Zwischenzeit durch umfassende Rüstungen in Anspruch genommen worden war. (Prokop. Gotth. IV. 26). Hatte also Theoph. in der obigen Stelle nicht die wirklich erfolgte Ankunft des Narses sondern, wie aus der ganzen Fassung der Stelle hervorgeht, dessen Erneuung zum Oberbefehlshaber im Sinne, so ergibt sich als Zeit jenes Erdbebens das Jahr 551. Daß hiebei die Angabe der 4. Indiction bei Theophan. einen offenbaren Irrthum enthält, geht, obwohl die Herausgeber nichts erwähnen, schon aus dem Umstande hervor, daß im darauffolgenden Abschnitte die 15. Indiction aufgeführt ist; offenbar ist daher statt ‚ινδικτιωνος δ‘ zu lesen ινδικτ. ιδ., d. i. in der 14. Indiction, was auch mit dem beigefügten Factum übereinstimmt, da die 14. Indiction bekanntlich die Zeit vom 1. Septbr. 550 bis 1. Septbr. 551 umfaßte. Diese Conjectur erhält eine weitere Bestätigung durch Malalas, welcher das fragliche Erdbeben ausdrücklich in die 14. Indiction setzt. — — Auch Kedrenos führt das Erdbeben im selben Jahre auf, in welchem Narses zur Wieder-Eroberung Roms entsendet wurde, setzt aber die eine wie die andere Thatsache irrig in das 24. Reg. Jahr Justinians (550). — Zu dem von Theophan, angesetzte Datum (9. Juli) stimmt im Allgemeinen auch die Angabe des Agathias: „θερους ωραι (vigente aestate)."

Mit obigen Quellen im entschiedensten Widerspruche wird von Hoff IV. p. 191 ein weit verbreitetes Erdbeben   in Mesopotamien, Arabien, Syrien sc. Nebst dem Ereignisse bei Botrys im Jahre 550 oder 551, von Schnurrer I. p. 130 im Jahre 550 aufgeführt; die Katastrophe von Berytos aber als ein davon unabhängiges Begebnis aufgestellt und von Ersterem (IV. p. 192) auf den 19. August 555, vom Letzterem (l. l.) in das Jahr 553 verlegt.

55) „Το Φοινικων τεως εγκαλλωπισμα" Agath.

56) Schon im 3. Jahrh. Christl. Zeitrechn. mit denen zu Rom und Constantinopel wetteifernd. Cf. Heinecc. Antiquit. Roman. Jurisprud. Illustrantium syntagma. Prooem. XLV. — Ueber ihr hohes Anstehen s. n. Gibbon VII. p. 376 und Heinecc. lib. Tit. XXV. c. 22.

57) Heinecc. Am letztgenannten Orte.

58) Pag. Paris. 53.

59) Cf. Forbiger, handbuch d. alt. Geogr. Bd. II. p. 94.

60) IV, 25. — Unter Bezugnahme auf Prokop. auch erwähnt bei Euagr. hist. eccles. IV. LS. — Cf. Hoff IV p. 191. — Schnurr. I. p. 129. — Zinkeisen I. Theil, p. 673.

Das Jahr der Begebenheit war nach Prokop, das 17, (noch laufende) des gothischen Krieges, somit 551 (wie auch richtig Zinkeis., wogegen Schnurr. das Jahr 550, Hoff 552 hat). Nähere Zeitangaben aber fehlen. Nicht einmal so viel steht fest, ob die beiden großen Erdbeben-Erscheinungen dieses Jahres gleichzeitig oder zu verschiedenen Zeiten eintraten, und welche letzteren Falles der anderen vorzeitig war. Denn eigenthümlicher Weise findet sich bei Prokop., ebenso wenig das Erdbeben dieses Jahres in Asien und Africa berührt, als in den Gewährsmännern dieses letzteren das von Prokopios geschilderte hellenische Erdbeben erwähnt wird. Euagrios allein gedenkt beider, jedoch in einer Weise, daß hieraus ein Schluß über das chronologische Verhältniß des einen zu dem anderen nicht gezogen werden kann. Daß beide gleichzeitig gewesen seien, möchte aus dem Grunde nicht anzunehmen sein, weil das Ereigniß in diesem Falle zu auffallend gewesen wäre, als daß es nicht wenigstens von dem einen oder dem andern der Berichterstatter erwähnt worden wäre. Da aber das Erdbeben in Hellas von Prokop. in der Reihenfolge der Begebnisse des 17. Kriegsjahres ganz zuletzt angeführt wird, so dürfte die Annahme nicht unwahrscheinlich sein, daß dasselbe gegen das Ende jenes Jahres, etwa in Spät-Herbste, — einer für diese Naturereignisse nach der Beobachtung der Alten (Plin. Hist. natur. II. 80. 82. Cf Forbiger, Handbuch sc. I. Th. p. 640) besonders günstigen Jahreszeit — Statt gefunden habe.

61) Nach Zinkeisen l. l. möchte die von Prokop, ('Ανεκδ. Cap. 18.) vereinzelt und ohne Beifügung von näheren Umständen aufgeführte Zerstörung der epeirotischen Stadt Lychnidos durch ein Erdbeben ebenfalls in diese Zeit zu setzen sein. Da jedoch in den Quellen keine Andeutungen sich finden lassen, daß das im Texte erwähnte Erdbeben sich über den Nordwest der Hämus-Halbinsel erstreckt habe, so glaubte der Verfasser die Verschüttung von Lychnides mit größerer Wahrscheinlichkeit in das Jahr 522 setzen zu dürfen. (Cf. oben p. 9 not. 17).

62) Theoph, p. ed. Paris. 194. — Malal. Chronogr. XVIII. p. Oxf. 231. (In beiden wird als Zeit des Ereignisses der August — bei Theoph. noch näher der 15. — im 2. Jahre des Ind.-Cyclus, d. i. 554 angegeben.) — Kedren. p. Par. 384 seq.. (welcher dasselbe auf den 15 August im 27. Reg.-Jahre Justinians, d. i. 553 setzt). — Anastas. hist. eccles. P. 105 der Bonner Ausgabe. — Hist. miscell. XVI. in Murat. I. 1. P. 109. (Letztere Beiden geben gleichfalls das 27. Reg.-Jahr Justinians an). —

Das von Victor Tunnun. ad ann. XII. post Cons. Basilii (= 538) unter ähnlichen Nebenumständen angeführte Erdbeben zu Constantinopel ist wahrscheinlich als dasselbe Ereigniß anzusehen. Dagegen dürfte keineswegs die von Agathias II. 15 erwähnte Erderschütterung zu Constantinopel, wie Goar (annott. zu Theoph., ed. Bonn. P. 452) glaubt, mit dem in Frage stehenden 40-tägigen Erdbeben dortselbst zu identificiren sein, da jene von Agathias als gleichzeitig mit der Katastrophe von Berytos bezeichnet wird, wofür das Jahr 551 feststeht. — Schnurr. I. p. 130. führt es mit dem von Berytos gleichzeitig zum Jahre 553 an.

63) Theop. l. l. („im 3 Ind. Jahre"). — Kedrenos l. l. (wieder um ein Jahr abweichend „im 28. Regierungs-Jahre Justinians") — Anastas. hist. eccles. l. l. — Histor. Miscell. in Murat. I. 1. p. 109.

64) Theop. p. Par. 195 seq. — Malal. Chron. XVIII. p. Oxf. 233 („Im 5. Ind. Jahre" = 557).

65) Agath. V. 3. — Theop. p. Par. 195 seq. — Malal. XVIII. p. Oxf. 333 — Anastas. hist. eccles. ed. Bonn. p. 106. — Histor. miscell. XVI. in Murat. I. 1. p. 109. — Kedren. pag. ed. Par. 385 seq. — Cf. Schnurrer I. p. 131. — Hoff IV. p. 193. — Weigel, II. p. 380. — Die von beiden Letzteren gegeben Notiz, daß im selben Jahre (557) auch zu Rom Erdbeben Statt fanden, und zwar, wie Hoff anführt, am 6. October und 11. Dezember, hat der Verfasser in den von ihm benützten Quellen nicht forgefunden.

Daß das bei Agathias l. l. ausführlich geschilderte Erdbeben dasselbe Ereignis ist, von welchem die obigen Berichtstatter zu dem gedachten Jahre sprechen, ergibt sich, wiewohl jener eine nähere Zeitbestimmung nicht hat, aufs Bestimmteste aus mehreren übereinstimmen mit den Uebrigen bei ihm angeführten Einzelheiten, wie namentlich aus der Erwähnung des im nächsten Frühlinge darauf erfolgten Wiederausbruches der große Pest.

66) Als Jahr der Begebenheit wird von Theoph. und Malal. das Ind. Jahr angegeben, welches seit 1. September 557 lief. Damit stimmt die, wie oben bemerkt, von Agathias gegebene Nachricht, daß im darauffolgenden Frühling Constantinopel neuerdings von der Pest heimgesucht worden sei, vollkommen überein, da für diesen Pestausbruch das Jahr 558 feststeht. Unrichtig erscheint bei Malal. (Bonn. Ausgabe p. 676) das Erdbeben in das 32. Reg.-Jahr Justinians gesetzt, da seit 1. August 557 erst das 31. Jahr seiner Alleinherrschaft begonnen hatte, welches Kedrenos, Anastas. und der Verfasser der hist. misc. richtig angeben — Schnurrer setzt es aus unbekannten Gründen bald nach 557.

67) Die zehntägige Dauer findet sich bei allen Berichterstattern angemerkt; nur Agathias sagt allgemein: „και εφαξης επι πλειστας ημερας κινησις της γης εγιγνετο."

68) Agath. V, 9 (p. Par. 152). — Theoph. p. Par. t07. — Malal. p. Oxf. 235. — Kedren. p. P. 386.

69) Von der außerordentlichen Heftigkeit dieses Naturereignisses hat uns Agathias, der Augenzeuge desselben, auffallende Einzelheiten aufbewahrt. In einigen Häusern ging durch die Gewalt der Stöße mit Einem Male das Dach aus den Fugen, daß Himmel und Sterne durch den Riß sichtbar wurden, und im nächsten Momente schloß sich die Oeffnnng wieder, (So unglaublich dies klingt, so wurden doch nach Pausan., ed. Xylandr. VII p. 231 ähnliche Erscheinungen auch bei anderen Erdbeben beobachtet). In anderen wurden steinerne Säulen von oberen Geschoßen mit furchtbarer Gewalt wie aus Wurfmaschinen über die nächsten Häuser hinweg auf entfernter stehende Gebäude geschleudert, wo sie im Niedersturze Alles zertrümmerten.

70) Theophan. p. P. 197 („im 9. Ind. Jahre," welches am 11 September 560 begönnen hatte). Schnurr, I. p. 135 führt ohne Angabe von Quellen um 560 oder 561 ein Erdbeben an, durch welches Berytos, Kos, Tripolis, sc, erschüttert worden seien.

71) Marii Aventicensis chronicon ad ann. 563. — Gregor. Turon. hist. Franc. IV. 31.

72) Cf. Theophan. p. Par. 171. — Kedren. edit Paris. P. 371. — Gibbon VII. p. 371. Nota 74. — Schnurr. I. p. 131.

Ueber das Jahr stimmen die drei genannten griechischen Schriftsteller überein. Theop. nennt wie Prokop. das 10. Reg.-Jahr Justinians; Kedrenos hat zwar keine Zahlangabe; aber aus der unmittelbar vorhergehenden Erwähnung des Umstandes, daß Salomon den Oberbefehl in Karthago als Belisar’s Nachfolger führte, was auch in der Erzählung bei Prokop. unmittelbar voransteht, ergibt sich, daß Kedrenos dasselbe Jahr wie dieser im Sinnen hat. Gibbon und Schnurrer sind daher im Irrthume, wenn Ersterer bemerkt, daß Theophan. in der Zeitangabe von Prokop. abweiche, und Letzterer dasselbe in das Jahr 531 zurücksetzt.

73) Trebellius Pollio. vit. Gallien. II. 5.

74) Weigel, II. ad ann. laud.

75) Außer den oben angeführten Quellen cf. Chalin in Dalechamp. de peste libr. III. Ed. Lugd. P. 15. „Coeium ingravescit; aër impurus sentitur; nubes crassae ac multae luminibus coeli obstruunt; immundus ac ignavus tepor hominum emollit corpora; exoriens sol pallescit." (cit. V. Hecker).

76) Cf. Hecker: „Der schwarze Tod." p. 15 — 25.

77) Derselbe ibid.

78) Albert. Argent, bei Urstis., Germ. Historici illustres, Tom. II. p. 147.

79) Theophan. p. P. 195. — Malal. XVIII. p. Oxf. 233. — Anastas. hist. eccles. Bonn. Ausgabe p. 106. — Kedren. p. Par. 385.

80) Theoph. p. P. 201, 203. — Malal. XVIII. p. Oxf. 289.

81) Chronic. Alexandr. — Theoph. p. Par. 142. — Malal. XVII. p. Oxf. 132. — Kedren. p. Par. 364. — Cf. Schnurr. I. p. 120.

82) Theoph. p. Par. 134 („im September des 9. Ind. Jahr.") — Malalas XVIII. p. Oxf. 190 („unt. d. Consuln Lampad. und Orest.") — Kedren. p. Paris. 369 („im 4. Reg.-Jahre Justinians"); somit nach übereinstimmenden Angaben i. J. 530. — Schnurr. I. p. 124.

Von Kedrenos p. Par. 365 wird zwar zwischen diesen beiden noch ein anderer Komet erwähnt, der im 7. Reg.-Jahre Justinians (=524) erscheinen und 26 Tage und Nächte sichtbar gewesen sei. Bei den Schweigen der übrigen Schriftsteller jedoch, die eine so bedeutende Himmels-Erscheinung schwerlich unerwähnt gelassen hätten, erscheint die Angabe dieses der Begebenheit so ferne stehenden Schriftstellers von geringe Gewichte.

83) Persic. II. cap. 3 sub fin. u. cap. 4. init.

Da Prokop. des Kometen von 530 nicht gedenkt, und anderseits Theophanes, Malalas und Kedrenos den von Prokop. zum Jahre 539 angeführten nicht zu kennen scheinen, glauben Chilmead (Anmerk. zu Malal. l. l. in der Bonner Ausgabe p. 652) und Gibbon (VII p. 371 seqq.) beide Kometen für identisch erachten zu müssen, wobei jedoch Ersterer der Zeitangabe des Prokopios folgt, Letzterer die des Theophanes für richtiger zu halten scheint. Dem Verfasser scheint jedoch dieses Verfahren, theils im Hinblick auf das ganz ähnliche Verhältniß in den Berichten über die beiden Kometen von 580 und 539 beträchtliche Abweichungen bezüglich der einzelne Umstände vorkommen. Uebrigens hält Gibbon, auf d’Alembert gestützt, diesen Kometen für denselben, dessen nächstvorhergegangene (vierte) Erscheinung im Todesjahre Cäsar’s (44 n. Chr.) und dessen nächstfolgende (sechste) im Jahre 1106 Statt gefunden habe, und setzt daher — von Theoph. abweichend — zur Erzielung einer gleichen Differenz, die zeit seiner damaligen Erscheinung in das Jahr 531. — Ebenso Schnurrer l. l.

84) Theoph. p. P. 159. — Malal. p. Oxf. 219. — Kedren. p. P. 369. — Die Schilderung desselben lautet ziemlich übereinstimmend bei allen Drein, also: Αστερων γεγονε δρομος πολυς απο εσπερας εως αυγους (d. i. die ganze Nacht hindurch) ωστε παντας εκπληττεσθαι και λεγειν, οτι οι αστερες πιπτουσιν, και ουκ οιδαμεν ποτε τοιουτο πραγμα

85) Par. p. 386.

86) Welchen Abgrund menschlichen Elends jene Unglücklichen damals zu durchmessen hatten, lehren die ausführlichen Schilderungen des Prokopios über die Belagerungen von Pappna in Numidien i. J. 533/534 (Vandal. II. 3 — 4), von Rom i. d. J. 537 und 546 (Gotth. II. 2, 3 — III. 16, 17), von Placentia i. J. 546 (Gotth. III. 16), von Urbs velus in Tuscien i. J. 538 (Gotth. II. 20). Kam es doch in Placentia so weit, daß der wüthende Hunger sogar den Abscheu vor dem Fleische der eigenen Mitbrüder zu überwinden lehrte.

87) Gotth. II. 20. — Cf. Schnurr. I. p. 123. — Weigel II. ad ann. 538.

88) Sie lag, wie aus Prokop. Gotth. I. 13 und III. 13 ersichtlich ist, zwischen dem Padus und der Nordgränze von Tuscien; ihr Hauptort war Placentia.

89) Fürwahr eine kaum glaubliche Menge; aber wenn das Gerücht die wahre Zahl jener Opfer auch um die Hälfte, ja uni das Fünffache übertrieben hätte, so bliebe der Rest noch immer ein sprechender Beweis für die Thatsache, daß das Elend damals die gewöhnlichen Gränzen solcher Unglücksfälle bei Weitem überstiegen haben muß.

90) „Εκτος κολπου του Ιονιου" drückt sich Prokop. aus. Der Ionische Meerbusen ist aber nach der damals üblichen Benennung — wie sich aus unseren Schriftsteller (Gotth. I. 13) ergibt — der Theil des adriatischen Meeres von Hydrus (Hydruntum in Calabrien) bis Ravenna, beide Städte mitbegriffen; Hydrus heißt ihm daher „τουτου του κολπου εντος πολισμα πρωτον."

91) Gotth. II. 3.

92) Theoph. p. Par. P. 190; beziehungsw. Malal. p. Oxf. 283.

93) Gregor. Tur. hist. Franc. VI. 44.

94) Paul Diac. de gest. Langob. IV. 2. — Cf. Weigel, II, Th. ad. A. l.

95) Gotth. III. 29.

96) Gotth. IV. 35.

97) Vielleicht gehört zu derselben Klasse von Erscheinungen auch der Vorfall, den Gregor. Tur. hist. Franc. X. q. aus einer spätern Zeit der großen Pestperiode berichtet. Bei der Schilderung einer Ueberschwemmung des Tiberstromes nämlich vom Jahre 589, auf welche der fruchtbare Pestausbruch von 590 in Rom folgte, fügt er bei: Multitudo etiam serpentium in modum trabis validae, per hujus fluvii alveum in mare descendit; sed suffocatae bestiae per salsos maris turbidi auctus, litori ejectae sunt.


B. Von der großen Pest.

Angekündigt durch eine lange Reihe außerordentlicher Naturbegebnisse, und nachdem sie gleich anderen großen Epidemien 1 ihre todtbringende Nähe noch durch eine unmittelbare Vorläuferin — eine krankhafte Disposition und vermehrte Sterblichkeit unter den Menschen, die man seit dem Jahre der Verdunkelung des Sonnenlichts (536) wahrgenommen 2 — zu erkennen gegeben hatte, trat sie endlich selbst hervor, die große Würgerin, und übte ihre Herrschaft in einer Ausdehnung, mit einer Kraft und Ausdauer, wovon die Geschichte bis dahin kein Beispiel kannte und außer der schwarzen Pest bis zur Stunde kein zweites aufzuweisen hat.

1. Beginn. Gesammtdauer ihres Verlaufes. Culmination und Abnahme in 15 jährigen Perioden.

Eine genaue Prüfung der vorhandenen Zeugnisse ergibt, daß das erste Erscheinen der großen Pest (bei den späteren Schriftstellern το μεγα θανατικον genannt) in Europa im Frühlinge des Jahres 542 — und zwar zu Constantinopel — erfolgte 3, nachdem sie das Jahr vorher (541) in Unter-Aegypten, der Stätte ihres ersten Auftretens überhaupt, gehäufte 4. Indem sie von letzterem Lande aus die Runde beinahe um den ganzen damals bekannten Länderkreis machte und kein Eiland, keine bewohnte Bergspitze, keinen noch so versteckten Winkel verschonte, blieb sie von dem genannten Zeitpunkte ab, zeitweise abnehmend, dann wieder mit neuer Wuth aufflammend, aber niemals gänzlich verlöschend, an sechzig Jahre 5 in den von ihr befallenen Ländern einheimisch. Euagrios, welcher die ersten 52 Jahre dieser Pest durchlebte, berichtet (hist. eccl. IV. 29.), daß nach seinen eigenen und seiner Zeitgenossen Erfahrungen dieses Culminiren und Abnehmen der Seuche in 45jährigen Perioden oder Cyklen 6 geschah, (welche — ohne Zweifel von den gleichjährigen Indictions-Cykeln — Indictionen [αι καλουμεναι επινεμησεις] genannt wurden) und zwar in der Weise, daß im zweiten Jahre jeder dieser Indictionen die Krankheit ihren Culminations-Punkt erreichte. So durchlebte Euagrios zwar nicht 4 volle Pest-Cyklen, aber 4 Culminationszeiten der Epidemie, theils in seinem Geburtsorte in Syrien, theils in Antiocheia; in der ersten — um 542 oder 543 7 — ward er als Knabe, der noch die niedern Schulen besuchte, selbst von ihr befallen, in der zweiten und dritten verlor er seine Gattin, viele Kinder und Verwandte nebst zahlreichem Gesinde; die vierte entriß ihm zu Antiocheia noch eine Tochter und einen Enkel.

Daß aber das große Sterben in den einzelnen Ländern, die es allmählig durchzog, überall vier volle Cyklen angedauert, läßt sich, wie der Verfasser nach sorgfältiger Prüfung der Quellen gefunden hat, durch sichere Zeugnisse ziemlich allgemein darthun, wenn es auch nicht möglich ist, überall nachzuweisen, daß das zweite Jahr jedes Cyklus den Zeitpunkt der Culmination enthalten habe, was auch schwerlich in der Wirklichkeit überall genau eingetroffen sein dürfte. Es erfolgte nämlich

a) in Constantinopel und wahrscheinlich auf der Hämus-Halbinsel überhaupt, so wie in den Ländern des westlichen Asiens, der zweite heftige Pestausbruch, nachdem schon ein bis zwei Jahre vorher wieder vermehrte Krankheitsfälle eingetreten, im Jahre 558 (wovon unten), also genau 16 Jahre nach dem ersten heftigen Auftreten der Pest i. J. 542. Daß sie dort noch eine dritte und vierte Periode durchlief, läßt sich aus der obigen Stelle des Euagrios entnehmen, deren Inhalt sicher nicht auf Syrien allein wird zu beschränken sein. . '

b) In Italien, wo die Pest zum ersten Male 543 einbrach (m. s. u.), folglich die zweite Culmination im Jahre 559 hätte eintreffen müssen, weißt eine Nachricht 8 einen Ausbruch der Krankheit im Jahre 560 nach, während von anderer Seite ein sehr verheerendes Auftreten derselben im Jahre 565 berichtet wird 9, — in der Mitte der zweiten Indiction (für Italien: 558 — 572). Bezüglich einer dritten Indiction (573 — 587) hat der Verfasser einen Nachweis in den Quellen zwar nicht aufgefunden; dagegen ist der Eintritt und Verlauf der vierten (588 — 602) durch den mörderischen Pestausbruch von 590 in Rom 10, der somit nur Ein Jahr nach dem treffenden Culminations-Jahre 589 fiel, ferner durch die Pest-Verheerungen vom Jahre 594 in Mittel- und Ober-Italien 11, vom Jahre 599 zu Ravenna und vom Jahre 600 zu Verona und der Umgegend 12 genugsam constatirt.

c) In den Ländern des alten Galliens erfolgte der erste Pestausbruch — und zwar in den Gegenden an der Rhone-Mündung — im Jahre 545. Aus der zweiten Indiction (560 — 574) wird, außer einer starken Seuche im Jahre 570 13, deren Natur von der Pest wohl verschieden war, ein furchtbarer Ausbruch der wahren Pest im Jahre 571 berichtet, welche den mittleren Theil von Gallien, namentlich Stadt und Gebiet der regio Averna (des heutigen Clermont in der Auvergne) entvölkerte 14. Die dritte Indiction (575 — 589) gab sich kund durch die Pestanfälle von 582 zu Narbonne 15 und namentlich von 584 ungefähr in derselben Gegend 16, und von 587/588 in Marseille und den Gegenden der unteren Rhone 17; die vierte aber (590 — 606) bezeichnen die erneuten Ausbrüche derselben in Marseille und der Umgegend im Jahre 590/591 18, also nahezu in dem treffenden Culminationsjahre, und vom Jahre 599 in derselben Stadt und den übrigen Städten der Provence 19.

d) Für den westlichen Theil der Rheinlande, wohin die Pest im Jahre 546 gleichfalls vorgedrungen war (s. unten), kann mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit wenigstens eine zweite Indiction (die in die Jahre 561 bis 575 fallen mußte) nachgewiesen werden. Nach einer Nachricht des hl. Gregor v. Tours (Vitae Patrum, cap. XVII. n. 4.) wurden nämlich die umliegenden Lande von Trier zur Zeit des dortigen Bischofs St. Nicetius von der Bubonen-Pest schwer heimgesucht. Da nun dieser Bischof nach Ruinart (Note zu Greg. l. l.) im Jahre 566 (wahrscheinlich seinem Todesjahre) canonisirt ward, unmittelbar vorher aber (n. 3) Gregor den Tod Chlotars und den Regierungs-Antritt seines Sohnes Siegbert (561) erwähnt, so scheint obiger Pestausbruch zwischen 561 und 566, somit um oder in das Culminationsjahr (562) dieser Indiction selbst gefallen zu sein.

Ueber das Jahr 600 hinaus läßt sich für längere Zeit eine sichere Spur der eigentlichen Pest in den Quellen nicht finden; sie erscheint erst wieder gegen Ende des 7. Jahrhunderts in Europa. Mit dem Ablaufe der 4. Indiction hatte also das große Sterben seine Zeit erfüllt, und es genoß die Menschheit von dieser Seite wenigstens eines längeren Friedens; aber schon rüstete ein neuer furchtbarer Feind — die bereits während dieser Pest hervorgetretene Pockenseuche — zum Vertilgungskampfe seine Waffen.

Wir schildern nun die Erscheinung der großen Pest im Einzelnen, soweit sie noch in die Zeit Justinians fällt, somit in den ersten beiden Indictionen, in welchen sie vorzugsweise im Orient wüthete, während sie in den beiden letzten ihre Thätigkeit mehr im Abendlande entfaltete.

II. Erste Indiction.

1) Ausgangs-Ort der Epidemie. Gang und Weise ihrer Verbreitung. Aeußeres und inneres Gebiet ihrer Herrschaft.

Welches Land die Geburtsstätte der großen Pest gewesen, darüber stimmen die Angaben der Zeitgenossen nicht überein. Nach Prokopios 20 nahm sie ihren Ursprung in dem ägyptischen Delta-Lande, und zwar in Pelusion (in der Nähe des heutigen Damiette); nach Euagrios 21 aber entsprang sie weiter nilaufwärts, in Aethiopien, von woher nach dem Berichte des Thukydides auch die attische Epidemie ausgegangen war. Erwägt man indeß, daß nach den Ergebnissen neuerer Beobachtungen Aegypten und insbesondere die Delta-Niederungen noch heutzutage als die wahre, ja die einzige Heimath der orientalischen Pest zu betrachten sind, und daß dieselbe in jenen Gegenden fast nie erlischt 22, so dürfte die Nachricht des Ersteren über die des Letzteren wohl das Uebergewicht erhalten, zumal Euagrios die seine nur gerüchtsweise gibt.

Wie dem übrigens sein mag, von Pelusion aus theilte sich 23 der verheerende Strom der Krankheit in zwei Hauptarme, die nach entgegengesetzter Richtung ihren Lauf nahmen; der eine drang westwärts nach Alexandreia und in das übrige Land Aegypten vor und verbreitete sich von da weiter längs der Nord-Küste Africa's 24, während der andere ostwärts über Palästina und Syrien in die Länder des Westlichen Asiens einbrach. Auf dieser gedoppelten Bahn durchzog sie binnen 5 Jahren allmählig die sämmtlichen Provinzen des Römerreiches wie die Länder der Barbaren 25 bis zu den äußersten Gränzen der damals bekannten Erde („μεχρι ες τας της οικουμενης εσχατιας" Prokop.). Im Frühlinge des Jahres 542 nämlich trat sie in Constantinopel auf, sei es, daß sie von Syrien aus, wo damals die kaiserlichen Truppen gegen Chosroes zu Felde lagen, oder von der kleinasiatischen Küste herüber, oder unmittelbar aus Aegypten durch den Seeverkehr mit Alexandreia, dorthin gelangt war; wahrscheinlich im selben Jahre noch durchzog sie Hellas. Im darauffolgenden Jahre 543 finden wir sie in Italien hausend 26, einem durch vielfaches Kriegs-Elend und durch die schreckliche Hungersnoth von 538 zu ihrer Aufnahme wohl vorbereiteten Lande, wohin sie von Hellas und Illyricum her eingewandert war, während zur selben Zeit, oder vielleicht schon im vorausgegangenen Jahre, ihr anderer Arm die Länder an der Nordküste Africa's erreicht hatte 27. Im Jahre 545 oder 546 verheerte sie verschiedene Striche des alten Galliens, namentlich das Land an der Rhonemündung 28, von wo sie in nordwestlicher Richtung in die Gegend von Clermont 29 vordrang. Endlich im Jahre 546 begegnen wir ihrer vertilgenden Wuth in der ehemaligen Provinz Germania prima 30, welche die Länder des linken Rheinufers von Bingen bis Schlettstadt unter der Metropole Mainz in sich begriff. Da sie damals vom Rheine her in westlicher Richtung gegen Rheims fortschritt, so steht zu vermuthen, daß sie in gleicher Hauptrichtung, die Donau-Länder herauf, durch Südgermanien an jenen Strom werde gelangt sein.

Hiernach steht fest, daß die Hauptrichtung ihres Zuges von Osten nach Westen ging, eine Richtung, welche alle welthistorischen Epidemien, von der großen Seuche im 5. Jahrhundert v. Chr. herab bis zu der Geißel unsers Jahrhunderts, der asiatischen Brechruhr, — welche eben so an die Stelle der orientalischen Pest getreten zu sein scheint, wie die Lustseuche zu Anfang der neueren Geschichte an die Stelle des Aussatzes (lepra) im Mittelalter — constant und mit ganz wenigen Ausnahmen eingehalten haben. Ueber die Art und Weise ihrer Verbreitung haben uns die Geschichtschreiber folgende bemerkenswerthen Einzelheiten aufbewahrt.

1) Ueberall begann die Krankheit zuerst an der Seeküste und verbreitete sich von da erst in die Binnenländer. 31 Es liegt allerdings sehr nahe, den Grund dieser Erscheinung, welche in gleicher Weise auch in der attischen Epidemie und bei dem schwarzen Tode beobachtet wurde, mit Gibbon (VIl. p. 381) in dem lebhafteren Handelsverkehr der Seestädte und in der daraus hervorgehenden größeren Leichtigkeit einer Verschleppung der Krankheit zu suchen. Ob aber dieser äußere Grund allein schon genüge, muß bezweifelt werden. Vielmehr scheint die Natur der Küstenländer oder die Lebensweise ihrer Bewohner schon an und für sich, wie eine größere Empfänglichkeit für Epidemien, so auch günstigere Vorbedingungen für eine heftige und mörderische Entwicklung derselben in sich zu tragen, als dies bei Binnenländern der Fall ist. Bezüglich des gelben Fiebers ist dies eine bekannte Thatsache. Und wie ließe sich sonst die weitere Erscheinung erklären, daß in der Zeit des schwarzen Todes in den Seestädten und Küstenländern die Pest auch bei weitem am heftigsten wüthete, wie dies außer den bestimmten Bemerkungen der Chronisten die ungeheuren Menschenverluste auf Cypern und Cicilien, in Marseille, Venedig, Lübeck sc. Beweisen 32?

2) Die Pest, sagt Prokop, a. a. O., schritt stetigen Ganges und in gemessenen Zeitabschnitten vorwärts, wobei sie in den einzelnen Gegenden eine bestimmte Zahl von Tagen verweilte. Hatte sie einen Ort gänzlich übersprungen, oder nur oberflächlich berührt, so kam sie später auf denselben zurück — wobei sie die benachbarten früher heimgesuchten Orte unberührt ließ — und wich nicht eher von da, bis sie die gehörige Zahl von Opfern abgefedert nach Maßgabe der Verheerungen, die sie vorher in den Nachbarorten angerichtet. Aehnliches berichtet Euagrios (a. a. O.) — wie er ausdrücklich bemerkt — auf den Grund sorgfältiger Untersuchungen 33 .

Auch diese letzteren Eigenthümlichkeiten, das sprungweise Vorrücken und das spätere Nachholen der früher verschont gebliebenen Orte, finden sich merkwürdiger Weise ganz in derselben Art von dem Gange des schwarzen Todes aufgezeichnet. So sagt die Chronik des Theodor de Niem (bei Eccard. I. p. 1504) von dem ersten Auftreten dieser Pest (1347— 50): „Nec processit haec epidemia directe sed saltum faciendo de villa in villam tertiam, medi intacta manente, et postea iterum reddiit ad eandem. Und Matteo Villani 34 berichtet ganz ähnliche Erscheinungen von dem zweiten Auftreten derselben in Deutschland (um 1360) und in Ober-Italien (1362) 35.

Fragt man nach dem Krankheits-Bezirke, über den sich das große Sterben nach und nach verbreitete, so ergiebt sich nach den schon erwähnten Nachrichten, daß das Gebiet derselben

fürs Erste die sämmtlichen Provinzen des damaligen byzantinischen Reiches — also die Hämus-Halbinsel mit dem griechisch-asiatischen Inselsystem, die vorderasiatische Halbinsel, die Länder Syrien, Phoinikien, Palästina, Aegypten und die Nordküste Africa's nebst den großen Inseln des Mittelmeers in sich begriff, desgleichen die Apenninen-Halbinsel, um deren Besitz damals noch der heiße Kampf zwischen den Ostgothen und den griechischen Truppen glühte.

Fürs Zweite, was die Länder außerhalb diesem Staatensysteme betrifft, steht jedenfalls fest, daß ein großer Theil des alten Galliens und die Länder am mittleren und oberen Rhein, desgleichen im Orient das Perserreich 36 zu dem Gebiete des großen Sterbens gehörten. Daß dasselbe übrigens noch über andere Länder und Gegenden außer den zuletzt angeführten, bezüglich deren wir bestimmte historische Zeugnisse besitzen, sich erstreckt habe, darf nicht bezweifelt werden; denn wenn gleich die Bemerkung bei Prokopios (m. s. die Rote 36), daß auch die sämmtlichen Barbarenländer von der Pest heimgesucht worden seien, und die ähnlich lautenden Nachrichten anderer Schriftsteller 37 selbstverständlich nicht im strengsten Sinne zu fassen sind, so darf dies doch sicher von jenen Ländern und Völkern, mit welchen die Bewohner des byzantinischen Reiches in friedlichem oder kriegerischem Verkehre standen, ferner denjenigen, von denen sie durch Kaufleute und Reisende Nachrichten erhalten konnten, ohne Zweifel angenommen werden, wie z. B. von den Bulgaren, den Gepiden, den Longobarden, von Aithiopien, den Küstenländern Arabiens, vielleicht selbst theilweise von Indien; gleich wie es aus einem anderen (weiter oben angeführten) Grunde wahrscheinlich ist, daß dieselbe im Norden der Alpen von Osten her in die Länder der oberen Donau vorgedrungen sein, und auf diesem Wege den Rhein erreicht haben dürfte.

So fand also im westlichen Europa an den Pyrenäen die große Pest höchst wahrscheinlich das Ziel und Ende ihres langen Zuges. Denn da die Eroberung der Südküste Spaniens durch die Griechen erst im Jahre 554 geschah, konnte einerseits dieser Landstrich damals noch nicht unter den Provinzen des byzantinischen Reiches mitbegriffen sein; anderseits gibt auch aus den ersten Perioden ihres Verlaufes kein Zeitschriftsteller unmittelbare Kunde, daß selbe jene Gränzscheide überschritten habe 38. Ebenso scheint auch das nördliche Europa von jener Geißel unberührt geblieben zu sein.

Innerhalb des oben bezeichneten Umfanges aber erlitt die Schreckensherrschaft der großen Pest keinerlei inneren Beschränkungen oder Hemmnisse, nicht durch Raum oder Zeit, nicht durch klimatische oder Witterungs-Verhältnisse, nicht durch die vielfache Verschiedenheit der Menschen nach Geschlecht und Alter, nach Körper-Beschaffenheit und Lebens-Verhältnissen. Sie wüthete in Küstengegenden und Binnenländern, in Niederungen und auf Bergeshöhen; sie verschonte kein Alter, kein Geschlecht, keinen Stand, keine Lebensweise, kein Temperament, und forderte ihre Opfer im Sommer wie im Winter, im Frühlinge wie im Herbste, so daß demnach durch den Umfang des inneren wie des äußeren Gebietes der welthistorische Charakter dieser Epidemie genugsam bekundet ist.

2) Symptome und Krankheits-Bild.

Ueber die äußern Erscheinungen der Krankheit bei ihrem ersten Auftreten in Constantinopel (542) hat uns der Geschichtschreiber jener Pest, Prokopios, der verdienstvolle Nacheiferer seines freilich unerreichten Vorbildes Thukydides 39, als Augenzeuge eine sehr klare und vollständige Schilderung entworfen 40, wobei er ausdrücklich bemerkt, daß die Seuche auch in den übrigen Theilen des Römischen Reiches unter derselben Form aufgetreten sei.

Die Krankheit begann — so erfahren wir von ihm — auf eine doppelte Weise. Bei Einigen kündigte sie sich durch Delirien an: man glaubte nämlich, entweder in völlig wachem Zustande eine gespenstische Erscheinung in Menschengestalt zu erblicken, von der man einen Schlag oder eine Verwundung an irgend einem Theile des Körpers zu erhalten wähnte; oder es stellte sich jenes Gebilde der wirren Phantasie mit dem unheimlichen Schlage in einem Traumgesichte dar; Manche meinten auch im Traume eine Stimme zu vernehmen, die ihnen verkündete, ihre Namen seien unter der Zahl der Todes-Opfer verzeichnet 41. Und von diesem Momente an begann bei denselben die Krankheit.

Bei Andern und zwar der Mehrzahl, geschah der Anfang derselben ohne solche vorausgegangenen Delirien mit einem plötzlichen Fieber, das sie entweder aus dem Schlafe aufstörte oder mitten in ihren gewohnten Beschäftigungen überfiel. Dabei war jedoch keine Veränderung in der normalen Temperatur und Farbe der Haut wahrzunehmen; auch blieb das Fieber bis zum Abende noch so mäßig, daß weder der Kranke selbst, noch der gerufene Arzt bei Untersuchung des Pulses Gefahr besorgen konnte.

Es stellte sich aber — bei Einigen noch am Tage des Anfalles, bei Anderen am folgenden, wieder bei Anderen nach einigen Tagen — eine Geschwulst der Inguinal-Drüsen („βουβων επηρτο") oder auch anderer Drüsen ein, wie in den Achselhöhlen, in der Ohrengegend, an den Beinen. Bei Manchen zeigte sich — ob die eine Erscheinung die andere ausschloß oder auch neben derselben vorkam, wird nicht gesagt — ein Exanthem, welches in Gestalt von schwarzen Blätterchen in der Größe einer Linse den ganzen Körper bedeckte („φλυκταινας μελαινας εξηνθει το σωμα").

In dem weiteren Verlaufe des Uebels zeigten sich dreierlei verschiedene Erscheinungen unter den Erkrankten. Die Einen verfielen in schweren, widernatürlichen Schlaf („κωμαßαθυ"), Andere in rasendes Delirium. In Folge dessen — bemerkt unser Schriftsteller weiter — kamen die Kranken der ersteren Art, da sie in ihrer todähnlichen Erstarrung keinerlei Bedürfniß fühlten, und, wenn sie nicht geweckt wurden, keine Speise zu sich nahmen, bei fehlender Pflege aus Mangel an Nahrung (?) um. Im anderen Falle aber zehrten Schlaflosigkeit und schreckhafte Phantasien alle Kräfte auf: die Unglücklichen wähnten, man trachte ihnen nach dem Leben, und warfen sich laut aufschreiend zur Flucht aus ihren Betten und nicht selten aus oberen Geschoßen durch die Fenster zur Erde; Viele suchten sich ins Wasser zu stürzen — nicht aus Durst, da die Meisten in das Meer sprangen, sondern in Folge ihres Paroxysmus (,,αιτιον ην η των φρενων νοσος). Auf diese Weise fanden Viele derselben, die entweder aller Pflege entbehrten, oder einen unbewachten Augenblick zu ersehen wußten, den Tod oder erlitten tödtliche Verletzungen. Bei einer dritten Klasse endlich trat keiner der beiden oben geschilderten Zustände ein, sondern die Kranken, die hier bei voller Besinnung blieben, wurden durch die unerträglichsten Qualen der brandig entzündeten, aber nicht zur vollen Auseiterung (Suppuration) gelangenden Bubonen (Drüsengeschwulsten) gefoltert, denen die erschöpfte Natur allmählig erlag. Die fortschreitende brandige Entzündung der Bubonen — bemerkt Prokop, sehr richtig — mag wohl auch bei den Kranken der andern beiden Klassen Statt gefunden haben, der Schmerz aber in ihrer gänzlichen Betäubung oder in ihren Fieberdelirien ihnen nicht zum Bewußtsein gekommen sein.

Die Krisis zum Tode trat bei Einigen sogleich, bei Anderen erst nach Verlauf mehrerer Tage ein. Diejenigen, bei denen sich jenes schwarze Exanthem eingestellt hatte, überlebten nicht Einen Tag, sondern starben sammtlich zur Stunde. Einige tödtete auch plötzliches, heftiges Bluterbrechen.

Die Krisis zur Genesung fand Statt mit der entschieden fortschreitenden Suppuration der Bubonen; daher galt Zunahme und beginnende Eiterung derselben nach der constanten Erfahrung für ein günstiges Zeichen; wogegen bei denjenigen, bei welchen die Bubonen an Größe und Gestalt unverändert blieben, die Krankheit unter den oben geschilderten Zuständen in der Regel einen tödtlichen Ausgang nahm. Bei den Letzteren trat zuweilen vorher ein Schwinden (Atrophie) des Oberschenkels ein („ξυνεßη τον μηρον αποξηρανθηναι"). Es kamen auch Fälle vor, daß bei Solchen, die dem Tode entronnen waren, die Krankheit sich auf die Zunge warf und eine Lähmung derselben bewirkte, so daß fortan Zeitlebens ihre Aussprache lallend oder ganz unverständlich blieb 42. So weit Prokopios.

Der Schilderung dieses Schriftstellers weit nachstehend an Klarheit, Vollständigkeit und richtiger Erfassung und Betonung der wesentlichen Momente ist die des Euagrios, welche, insofern sie doch einiges Reue bietet, als ergänzende Zugabe hier ebenfalls ihren Platz finden soll.

Die Epidemie — bemerkt derselbe 43 — welche, bei manchen Abweichungen, auch mehrfache Aehnlichkeit mit der von Thukydides beschriebenen zeigte, war aus verschiedenen Krankheiten zusammengesetzt. Bei den Einen nämlich ergriff das Uebel zuerst das Haupt; die Augen erschienen wie mit Blut unterlaufen (αιματωδεις), das Gesicht aufgedunsen; wenn es dann zum Schlunde hinab sich verbreitete, raffte es Alle hinweg, die es befallen. Bei Anderen stellte sich Durchfall (ρυσις γαστρος) ein. Wieder bei Anderen bildeten sich Bubonen, worauf heftiges Fieber folgte; nach Verlauf von zwei bis drei Tagen starben sie ohne ersichtliche Alteration ihres geistigen oder körperlichen Zustandes, während Andere in Geistes-Abwesenheit (παραφοροι γινομενοι) ihr Leben aushauchten. Auch bösartige Hautgeschwüre (ανθρακες, carbunculi), welche am Körper hervorbrachen, rafften Viele dahin.

Euagrios hat zwar bei obiger Beschreibung der Pest ein bestimmtes Jahr ihres Auftretens nicht im Auge; aber es findet sich anderseits auch nirgends bei ihm eine Andeutung, daß dieselbe in der ersten Zeit ihres Auftretens einen anderen Charakter gezeigt habe, als in späteren Perioden ihres Verlaufes. Daß aber die Bubonen schon bei dem ersten Auftreten der Epidemie vorkamen, geht, abgesehen von der Angabe bei Prokopios, klar aus den eigenen Worten des Euagrios hervor, welcher sagt, er sei selbst als Schulknabe gleich im Beginne der Krankheit von den sogenannten Bubonen befallen worden.

3) Wesen und Charakter der Epidemie. — Vergleichung derselben mit den früheren.

Aus beiden Schilderungen erhellt unzweifelhaft, daß die Krankheit die vollständig ausgebildete orientalische oder Bubonen-Pest (pestis inguinaria) war, und zwar, daß sie schon bei ihrem ersten Erscheinen als solche auftrat, nicht erst, wie Schnurrer und Kraus 44 im Widerspruche gegen die bestimmten Angaben der beiden Augenzeugen annehmen, bei ihrer Wiederkehr in der zweiten Indiction aus einem leichteren, den früheren welthistorischen Epidemien ähnlichen Typus zu dieser Krankheitsform degenerirte.

Hiefür sprechen aufs Bestimmteste die von beiden Schriftstellern aufgeführten charakteristischen Eruptionen der orientalischen Pest, die Bubonen oder Pestbeulen (von welchen sie den Namen trägt) und die Carbunkel (φλυκταιναι, ανθρακες ) deren pathognomische Bedeutung von Kraus (p. 48) auf eine, für den Laien wenigstens, sehr verständliche Weise als ein Heilbestreben des menschlichen Organismus erklärt wird. Der Krankheitsstoff — sagt derselbe — afficire nämlich in erster Linie das Gehirn und das Nervensystem überhaupt, wovon die von Prokop erwähnten Delirien am Anfange der Krankheit deutliches Zeugniß gäben. Die Natur aber wirke dahin, denselben in das lymphatische System hinüberzuleiten, wo er mittels Entzündung und Auseiterung der Drüsen vollends ausgeschieden werden solle. Da aber die Drüsen zu dieser Funktion nicht immer kräftig genug seien, so sistire sehr häufig die Entzündung; der Krankheitsstoff bleibe im Organismus haften und bewirke durch Destruction desselben den Tod. Manchmal übernehme auch die Haut die Ausscheidungs-Funktion; dann entständen die Carbunkel. Weil aber die Haut noch weniger als die Drüsen hiezu geeignet sei, so wäre mit Recht die Entstehung der Carbunkel in der Regel als ein ungünstiges Vorzeichen betrachtet worden.

Auch in Bezug auf die übrigen Symptome stimmen die obigen Schilderungen mit den Wahrnehmungen der neueren Pathologen 45 über diese Krankheit unverkennbar überein, und es lassen sich die von Letzteren unterschiedenen drei Stadien mit ihren besonderen Symptomen auch in dem von Prokopios und Euagrios entworfenen Krankheitsbilde ziemlich deutlich erkennen: das stadium invasionis mit dem plötzlichen Fieberanfall, der hin und wieder bis zu Delirium sich steigernden Affection des Gehirnes, der Veränderung der Sprache; das stadium reactionis mit den hervorbrechenden Bubonen oder Carbunkeln, der Turgescenz des Gesichts, der blutigen Injicirung der Augen, der zunehmenden Angst und Agitation, den heftigen Delirien oder dem statt derselben eintretenden lethargischen Schlafe (Koma); endlich das stadium depressionis mit der Steigerung der Lethargie, den erschöpfenden Blutungen, den heftigen Durchfällen, auf welches endlich die Krisen folgen.

Die Zeit des Verlaufes bei den einzelnen Ergriffenen, worüber Prokopios etwas Näheres nicht bemerkt, wird von Euagrios — wahrscheinlich für die Zeit, in welcher die Krankheit ihre größte Heftigkeit entfaltete — auf zwei bis drei Tage angegeben 46; auch Paulus Diaconus 47 berichtet, daß bei dem heftigen Pestausbruche in Ober-Italien im Jahre 565 (in der zweiten Indiction) die Kranken innerhalb drei Tagen gestorben seien, so daß, wer den dritten Tag überstand, Hoffnung zur Genesung hatte. Hiemit übereinstimmend bemerkt Canstatt 48, daß in der bösartigsten Form der Krankheit der Tod seine Opfer in 24—48 Stunden dahinraffe.

So unzweifelhaft indeß feststeht, welchen Charakter diese Epidemie schon bei ihrem ersten Auftreten hatte, so läßt sich doch nicht mit gleicher Sicherheit behaupten, wie dieses mehrfach geschehen ist (vergl. u. A. Schnurrer I. p. 131), daß wir in derselben unmittelbar das erste Hervortreten der Bubonenpest überhaupt in der Geschichte vor uns haben. Erwägt man, wie in dem weiten Reiche der Natur nirgends ein Stillstand, überall fortschreitende Entwickelung herrscht in der Weise, daß die Gegensätze der neu entstehenden Formen und Gebilde zu den alten durch eine stetige Reihe von Uebergangsformen gemildert und vermittelt werden, ja wie dieses Gesetz sogar in das Reich der freien Geistes-Thätigkeit hinüberreicht, und außerordentliche Begebenheiten in der Geschichte oft Jahrhunderte voraus durch Vorboten und vorbereitende Erscheinungen angekündigt werden: so ist man schon von vorne herein zu dem Schlusse berechtigt, daß auch in dem Charakter der welthistorischen Epidemien eine stetig fortschreitende Entwickelung möge Statt gefunden haben, und der Typus der Bubonenpest nicht mit Einem Male werde fertig und vollständig ausgebildet hervorgetreten sein, sondern durch vorbereitende Uebergangsstufen in frühern Epidemien seine Vermittlung werde gefunden haben.

Und so verhält es sich in der That. Das Hervortreten von Drüsenanschwellungen in pestilentiellen Krankheiten, von denen sich bei den Epidemien des fünften Jahrhunderts v. Chr. noch keine Andeutung findet, läßt sich als historisch beglaubigte Thatsache bis in das erste Jahrhundert christl. Zeitrechnung hinauf verfolgen. Eine höchst merkwürdige Stelle in einem von Angelo Mai in der vatikanischen Bibliothek aufgefundenen Werke des Oribasios (eines zu seiner Zeit sehr berühmten und bei dem Kaiser Julian dem Abtrünnigen viel vermögenden Arztes), welche, wie die Überschrift angibt, dem Werke des griechischen Arztes Rufos „περι βουβωνος" entnommen ist, besagt unter Anderem 49: „Die bei Epidemien auftretenden sogenannten Bubonen (οι λοιμουδεις καλουμενοι βουβωνες) sind sehr gefährlich und tödtlich; sie kommen am meisten in Lydien, Aegypten und Syrien vor…… Dioskorides und Poseidonios haben sich am meisten über sie verbreitet in der Schrift über die zu ihrer Zeit in Libyen herrschende Seuche. Als Symptome dieser Seuche geben sie an: heftiges Fieber, Schmerz, Aufruhr des ganzen Organismus, Delirien und die Eruption großer, harter, nicht zur Eiterung gelangender („ανεκπυητων") Bubonen, nicht bloß an den gewöhnlichen Stellen, sondern auch an den Kniekehlen und Ellenbogen 50." Es lebte aber Rufos von Ephesos jedenfalls nicht später als zur Zeit Trajans, Dioskorides aber von Anazarbos nach der spätesten Annahme zur Zeit Nero's 54.

Auch die beiden großen welthistorischen Epidemien der nächst folgenden Zeit unter Marcus Aurelius und Commodus im zweiten, und unter dem Kaiser Decius und seinen Nachfolgern im dritten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung, zeigen nicht undeutliche Spuren einer Uebergangs-Form zur Bubonenpest, während sie anderseits wieder, wie die hier geschilderte selbst, in ihren Symptomen unverkennbare Verwandtschaft mit der von Thukydides beschriebenen im fünften Jahrhundert v. Chr. haben. Von der ersten, jener oben genannten Seuchen wissen wir aus den Schriften des Arztes Galenos, welcher nach seiner eigenen Angabe 55 Augenzeuge derselben war, daß nicht selten Carbunkel bei den Ergriffenen vorkamen 56, daß ferner schwärze Pusteln bei Solchen entstanden bei welchen die Krankheit zu einem günstigen Verlaufe sich hinneigte, nach deren Auseiterung und Abfall die Genesung eintrat 54, — ein Exanthem, welches sonach offenbar gleich den Bubonen von kritischer Bedeutung war 55. Aber auch von „Drüsenanschwellungen in der Weichengegend, welche die Griechen Bubonen nennen", und der Gefährlichkeit der damit verbundenen Fieber spricht derselbe 56, wahrscheinlich aus Anlaß eigener Beobachtungen, welche er in jener Pestseuche gemacht haben mag. Von der zweiten jener Seuchen aber wird bei Kraus (p. 43) aus den Quellen unter anderen Symptomen „gangraena organorum sensibus indulgentium vel pudendorum aut extremitatum..,…" (brandige Entzündung der Drüsen in der Ohrengegend, in den Weichen, in den Achselhöhlen und an den Kniekehlen?) angeführt.

Aus Obigem, so wie aus einer näheren Vergleichung des Krankheitsbildes, welches die Quellenschriftsteller von den beiden vorerwähnten, und von der Seuche des 5. Jahrhunderts v. Chr. uns hinterlassen haben, dürfte das doppelte Resultat hervorgehen,

1) daß diese drei Epidemien, wie Kraus in seiner mehrerwähnten Schrift darzuthun sucht, unter sich verschwistert und mit der Justinianeischen Pest verwandten Charakters waren;

2) daß aber in denselben eine fortschreitende Entwickelung ihres Charakters Statt fand, und mindestens seit dem ersten Jahrhundert christlicher Aera die größeren oder kleineren Epidemien vermittelnde Uebergangsstufen zur Bubonenpest bildeten, welche in der Justinianeischen Epidemie zum ersten Male in ihrem vollständig ausgeprägten Charakter hervortrat.

4) Sonstige bemerkenswerthen Eigenthümlichkeiten der Krankheit.

Um das Gesammtbild dieser Seuche zu vervollständigen, sollen hier noch einige weiteren, von den Quellenschriftstellern aufbewahrten Züge ihren Platz finden.

1) Wie in allen Epidemien, so geschah auch hier die Fortpflanzung der Krankheit durch Ansteckung. Aber diese fand nur zum geringeren Theile durch unmittelbare Berührung der Kranken oder ihrer Atmosphäre Statt. Aus den übereinstimmenden Nachrichten der beiden Augenzeugen dieser Pest geht hervor, daß die Ansteckbarkeit durch contagium keine allgemeine, sondern eine durch individuelle — geistige oder körperliche — Zustände oder durch sonstige Verhältnisse bedingte war, eine Wahrnehmung, welche bekanntlich durch zahlreiche Beobachtungen und Versuche neuerer Aerzte über das Pestcontagium vollkommen bestätigt wird 57. Viele — sagt Euagrios — welche mit Pestkranken in stetem unmittelbaren Verkehre geblieben waren, auch Todte berührt hatten, erfuhren hieraus keinerlei Nachtheil. Ja, an Manchen, welche nach dem Verluste aller ihrer Lieben lebenssatt den Tod suchten und sich aller Gefahr der Ansteckung bloßstellten, schien der unbarmherzige Würger wie geflissentlich vorüberzugehen. Und Prokopios versichert, daß weder Aerzte noch Krankenpfleger in der Ausübung ihres Berufes angesteckt worden seien.

Die Verbreitung der Krankheit geschah also zum bei weiten größeren Theile auf miasmatischem Wege. Es war die Luft selbst, welche, schon vor dem Auftreten des großen Sterbens durch jene furchtbaren physischen Revolutionen in ihren Bestandtheilen alterirt und mit schädlichen Stoffen versetzt, während der Herrschaft desselben aber durch die Ausdünstungen der massenhaft Erkrankten und zuletzt der unbestatteten oder kaum bestatteten Leichen mit neuen Miasmen vergiftet, jenen Samen des Verderbens in sich trug, der aller Orten wuchernd aufschoß und in kurzer Zeit alle Wohnsitze des blühendsten Lebens in Stätten des Grauens und des Todes, verkehrte.

2) Wer die Krankheit schon einmal überstanden hatte, durfte sich dadurch weder gegen wiederkehrende Anfälle noch deren tödtlichen Ausgang für gesichert halten. Es kam vor, daß Einzelne, die von derselben schon mehr als einmal genesen waren, später noch einem erneuten Anfalle unterlagen.

3) Schwangere Frauen, die von der Pest ergriffen wurden, waren unrettbar dem Tode verfallen; sie starben entweder in Folge von Fehlgeburten, oder verschieden auch nach regelmäßig erfolgter Geburt sammt ihrer Leibesfrucht. Nach Prokopios wurden in Constantinopel nur drei Fälle beobachtet, wo pestkranke Mütter ihre neugeborenen Kinder, und nur einer, in welchem ein Kind seine im Geburtsacte verschiedene Mutter überlebte 58.

5) Heil- und Schutzmittel.

a. Aerzte und Krankenpflege.


Gegenüber der Riesenkraft einer so mörderischen und überdies ihrer Natur nach theilweise neuen Seuche erwies sich, wie uns Prokopios berichtet, die ärztliche Kunst ebenso ohnmächtig als die Pflege der Kranken, obwohl man nach demselben Zeugen vollkommen berechtigt ist, anzunehmen, daß weder die Eine noch die Andere an treuer Hingebung und aufopfernder Thätigkeit es habe fehlen lassen, so lange nicht die Wuth des Uebels alle menschliche Kraft überwältigte. Aber wie sorgfältig die Aerzte das Wesen der Krankheit durch Section an Leichen zu ergründen suchten, und ob auch ihr Messer hiebei insbesondere die Bubonen durchforschte, in denen sie den Sitz des Uebels vermutheten 59, die Natur der Krankheit blieb ihnen ein unlösbares Räthsel, und selbst die berühmtesten Aerzte zeigten in einzelnen Fällen bei der Beurtheilung des muthmaßlichen Krankheits-Verlaufes ihrer Sache sich so wenig gewiß, daß der Ausgang sehr häufig ihre Erwartungen und Voraussagungen aufs Entschiedenste Lügen strafte. So mußte die ärztliche Behandlung unsicher und schwankend bleiben 60: kein zuverläßiges Mittel — sagt unser Berichterstatter — ward aufgefunden, weder um die Gesunden vor der Erkrankung, noch die Erkrankten vor dem Tod zu schützen.

Was aber die Krankenpflege betrifft, so darf man, um die Art und Weise und die Gränzen derselben gehörig zu bemessen und dadurch das ganze Gewicht des schweren Verhängnisses zu würdigen, das nach Gottes Zulassung über der damaligen Menschheit lastete, nicht außer Acht lassen, daß nach den socialen Zuständen jener Zeit die Pflege der Kranken in keiner Weise Gegenstand öffentlicher Fürsorge war, sondern hierin Alles den Mitteln und Verhältnissen der Einzelnen überlassen blieb. Sie beschränkte sich demnach auf die Hingebung der Familien-Angehörigen, Freunde oder Hausgenossen des Kranken, auf die Treue seines Gesindes, auf den guten Willen gedungener Wärter 61. Wer von vorne herein allein dastand, oder die Seinen in jener Schreckenszeit eingebüßt hatte und die Mittel nicht besaß, um Lohnwärter zu halten, die für ihre schweren und gefahrvollen Dienste gewiß nicht geringen Sold gefordert haben mögen, blieb, seinem Schicksale überlassen. Keine Hospitäler oder Armenhäuser sorgten damals für die Pflege solcher Unglücklichen; auch jene erhabenen Erscheinungen, in denen später der unerschöpfliche Reichthum der christlichen Liebe auf so herrliche Weise zu Tage trat, die Verbrüderungen und Orden für Kranken- und Armen-Pflege nämlich, deren opfermuthige Hingabe seitdem in allen schweren Zeiten sich bewährte und in gleicher Weise, wie sie schon die düstere Nacht des schwarzen Todes als ein rettendes Gestirn erhellte 62, noch in jüngster Zeit auf den blutigen Stätten des letzten Krieges den Völkern der verschiedensten Bekenntnisse die vollste Anerkennung und Hochachtung abgenöthigt hat 63, waren jener Zeit fremd. Nimmer konnte auch das morschgewordene, nur von dem Ruhme der Vorzeit zehrende Römer-Reich im Osten und der ermattete Geist seiner Bewohner, in welchem selbst der befruchtende Keim des Christenthums kein anderes Leben als das eines erbitterten Sectenkampfes um theologische Lehrmeinungen zu erwecken vermochte, jene wunderbaren Blüthen am Baume des christlichen Lebens erzeugen, die erst in dem tiefen, innigen Gemüthe der germanischen Welt, gezeitigt von der Glaubenswärme und religiösen Begeisterung des Mittelalters, zur Reife gelangen mochten. Auch von besonderen Verdiensten Seitens der Klöster um die Armen- und Krankenpflege geschieht in den Quellen aus dieser Zeit nirgends Erwähnung; und so wenig das Schweigen der Schriftsteller an sich zu einem vollgültigen und allgemeinen Schlusse über das Verhalten der Klöster berechtigen könnte, so ist doch so viel gewiß, daß einerseits eine ausgebreitete gemeinnützige Wirksamkeit der oben bezeichneten Art überhaupt nicht im Geiste des morgenländischen Mönchthums lag, welches in stiller Beschaulichkeit einsiedlerischen Lebens von der Welt und ihrem Verkehre sich entschieden abschloß, anderseits aber die praktische, in das Leben vielseitig eingreifende Richtung der abendländischen Klöster, durch welche sich dieselben von den orientalischen Koinobien wesentlich unterschieden, damals — und zwar zuerst in Italien durch die Verbreitung der Regel des hl. Benedict — erst in der Entwickelung begriffen war.

Welche Phantasie aber vermöchte das Maß des Jammers und Elends von Tausenden und Tausenden zu schildern, deren Krankenlager bei solcher Beschränktheit der Pflege vereinsamt blieb, denen keine sorgende Hand die Qualen und Foltern des Körpers linderte, kein erhebender Zuspruch die Beängstigungen und Zweifel der Seele löste, und denen im Tode selbst der letzte Liebesdienst versagt war? Gewiß hatte an der ungeheuren Sterblichkeit, von der gleich nachher gesprochen werden soll, der Mangel an öffentlichen Verpflegungs-Anstalten einen wesentlichen Antheil.

d) Maßregeln von Seite des Staates.

Und doch wurde die Unzulänglichkeit der Heilmittel noch bei weitem überboten durch die geringe Fürsorge des Staates für geeignete Schutz-Maßregeln. So reich auch das Leben des Römischen Staates in den Verschiedensten Zweigen der gesellschaftlichen Verhältnisse sich entfaltet hat, so großartig das Gebäude seiner Rechts-Institutionen vor uns steht, und welche Anerkennung man auch den polizeilichen Einrichtungen desselben zollen mag: wo es auf den Schuß der Staats-Angehörigen wider die Macht feindseliger Naturgewalten ankam, erscheint die Obsorge des antiken, wie nicht minder des mittelalterlichen Staates im Vergleiche zu der großartig entfalteten Thätigkeit des Staates der Neuzeit noch auf einer sehr untergeordneten Stufe. Nirgends ist von einer Absperrung der Pestherde, oder auch nur von einer Beschränkung des Verkehrs, geschweige denn von einer zweckmäßigen Organisation der Widerstandskräfte die Rede, Maßregeln, mit denen der Staat der Neuzeit die Wuth verheerender Seuchen mit mehr oder minder günstigem Erfolge zu bekämpfen weiß. Das Eingreifen der Staatsgewalt beschränkte sich damals in Byzanz, so weit wir wissen, lediglich auf die Hinwegschaffung der unbeerdigt liegenden Leichen, als zur Todtenbeschickung die Kräfte der Privaten nicht mehr ausreichten. Es würde hiemit der kaiserliche Referendar Theodoros — so erzählt Prokop — von Justinian (welcher selbst von der Pest ergriffen, aber gerettet ward) speziell beauftragt und erhielt zu diesem Behufe ein Commando Soldaten und Geldmittel angewiesen, welche letzteren Theodoros mit anerkennenswerther Hingebung aus seiner eigenen Kasse vermehrte. Von einer anderweitigen Fürsorge des Staates findet sich keine Andeutung.

6) Dauer der Krankheit und Menschenverlust zu Constantinopel.

Nach dem Zeugnisse des Prokopios währte die Krankheit in der Hauptstadt vier Monate, und zwar drei davon mit besonderer Heftigkeit. Malalas 64 spricht zwar nur von einer zweimonatlichen Dauer; doch kann die Angabe dieses viel später lebenden Chronisten gegen die erstere wenig in Betracht kommen. Auch nach neueren Beobachtungen 65 beträgt die durchschnittliche Dauer einer Pest-Epidemie 3—4 Monate.

Nun versichert aber Prokop aufs Bestimmteste 66, daß die Pest damals an allen Orten ihres Auftretens in der Zeit ihrer Andauer eine strenge Gleichmäßigkeit und ein gewisses Gesetz eingehalten habe. Auch aus der Vergleichung der Nachrichten über andere großen Pestseuchen scheint hervorzugehen, daß bei denselben die Dauer des Einzelverlaufes zwar in verschiedenen Perioden ihres Auftretens einige Verschiedenheit zeigte, in derselben Periode aber überall sich gleich blieb 67.

Hatte demnach die Pest damals in allen Orten ihres Erscheinens im Allgemeinen eine viermonatliche Dauer, so ist es schwerlich ein bloß zufälliges Zusammentreffen, daß jene beiden Zahlen, welche uns in der Gesammtdauer und Gliederung ihrer großen Wanderzeit als bedeutsam entgegentraten, die 4 und die 15, auch in der Zeit ihres Einzelverkaufes vertreten find, und die Pest, wie in ihrer Gesammtdauer 4x15 Jahre, so in ihrem besonderen Verlaufe an den einzelnen Orten 4x15 Doppel-Tage umfaßte.

Den damaligen Menschenverlust in Constantinopel belangend, so war die Sterblichkeit anfangs nicht erheblich größer als sonst; bald nahm sie aber in furchtbarer Weise überhand, und es stieg die Zahl der täglichen Todesfälle auf 5000, später auf 10.000 und sogar darüber. Dieser Angabe des Prokopios zufolge dürfte als Gesammtverlust in dieser Stadt während jener vier Monate in annähernder Schätzung die Zahl von 400.000 Menschen sicher nicht zu hoch gegriffen sein! Erwägt man die vorausgegangenen, an Ausdehnung und Heftigkeit beispiellosen, physischen Störungen, welche eine gänzliche Alteration der atmosphärischen Luft theils bewirken mußten, theils von ihr Zeugniß gaben, und wie dadurch die Wuth der Krankheit allerdings zu einer ungewöhnlichen Höhe gesteigert werden mußte; bedenkt man außerdem den gänzlich ungenügenden Zustand der Heil- und öffentlichen Schutzmittel, und rechnet man zu allem Diesen die besonderen Verhältnisse Constantinopels als einer Seestadt und den Umstand, daß die Stadt sehr eng zusammengebaut 68 und demgemäß dicht bevölkert war: — so wird man keinen Grund finden, die obigen Zahlenangaben eines wohlunterrichteten Augenzeugen zu beanstanden.

7. Oeffentliche Zustände während der Pest in Constantinopel. — Todtenbeschickung. —Moralische Folgen.

Von der Physiognomie der oströmischen Kapitale und den öffentlichen Zuständen daselbst während der Herrschaft der Pest hat uns Prokop ein düsteres Bild, wenn auch nur in allgemeinen Umrissen, hinterlassen.

Die eherne Hand des Verderbens, die auf der Stadt lastete, schien alles Leben schon vor dem Tode gelahmt zu haben. Aller Geschäftsverkehr stockte, alle gewerbliche Thätigkeit ward eingestellt; Niemand dachte daran, seinen gewohnten Berufs-Arbeiten nachzugehen. Die Stadt, noch kurz vorher von dem bunten Gewühle des bewegtesten Lebens durchrauscht, schien wie ausgestorben; man begegnete Niemanden auf der Straße als Leichenträgern; die noch nicht von der Krankheit Befallenen hielt die Pflege erkrankter, oder die Trauer um verstorbene Familienmitglieder in ihren Wohnungen zurück. Der Stillstand aller Thätigkeit erzeugte bald den äußersten Mangel in einer Stadt, die sonst alle Bedürfnisse der üppigsten Genußsucht im reichsten Maße zu befriedigen gewußt; und da von keiner Seite Abhilfe geschah, kam es so weit, daß man kaum Brod zum nothdürftigsten Unterhalte sich zu verschaffen vermochte, und von den hilflos liegenden Kranken nicht Wenige verschmachteten.

In der Beschickung der Todten riß bald mancherlei Unordnung ein, die sich mit der zunehmenden Sterblichkeit zuletzt bis zum äußersten Grade der Verwirrung und Ratlosigkeit steigerte. Eine Zeit lang noch wurden die Verstorbenen, wenn auch ohne Geleite und Feierlichkeit, in den Begräbnißstätten, den eigenen oder fremden (die letzteren öffnete man heimlich oder erbrach sie mit Gewalt), beigesetzt; als aber allmählig ganze Familien und Häuser mit Gesinde und Dienerschaft ausstarben, blieb eine große Zahl von Leichen mehrere Tage lang unbeerdigt liegen. Diesem Mißstande half zwar, wie es scheint, die oben erwähnte Maßregel des Kaisers ab; aber wie wenig selbst hiedurch für den Schutz der noch nicht Erkrankten gesorgt war oder gesorgt werden konnte, beweisen die nachher bezüglich der Todtenbestattung getroffenen Anstalten. Als in den vorhandenen Begräbnißmalen kein Raum mehr für die Aufnahme der unzähligen Opfer des Todes sich fand, begrub man die Leichen auf den Feldern rings um die Stadt, und da es zuletzt an Händen zum Graben gebrach, warf man dieselben zu Hauf von oben in die abgedeckten Thürme der Mauern von Sykai, einer zu Constantinopel gehörigen, durch den Golf Chrysokeras von ihr getrennten Hafenstadt (j. Galata) hinab und setzte, wenn sie bis zum Rande gefüllt waren, die Dächer wieder auf; oder man begnügte sich, die Todten an das Meer hinab zu schaffen, wo sie in Lastschiffe geworfen, und mit diesen dem Spiele der Winde und Wellen überlassen wurden. Es war natürlich, daß der giftige Hauch, der von diesen Stätten massenhafter Verwesung, namentlich wenn der Wind aus dieser Richtung wehte, über die Stadt zog, der Pest wieder neue Nahrung zuführte.

Daß eine Heimsuchung so schrecklicher Art auf die Gemüther der Menschen und das ganze sittliche Gebahren derselben einen mächtigen Einfluß üben mußte, bedarf keiner Erwähnung. Aber bedeutsam erscheint der Umstand, daß die nächsten Wirkungen dieser Pest auf die Bewohner von Constantinopel ganz anderer Art waren, als jene, welche eine ältere Schwester derselben, die attische Pest zur Zeit des peloponnesischen Krieges, auf die Athener geäußert hatte. Dort erschütterte — wie Tukydides berichtet 69 — das allgemeine Unglück, welches Gute wie Böse traf, allen Glauben an die Götter; es lösten sich bei der Machtlosigkeit der Regierung die Bande der Ordnung und des Gesetzes; das Erhabene und Edle sank im Werthe, und man eilte nur, die letzten Stunden eines vielleicht schon zur Neige gehenden Lebens in rasch erbeuteten Genüssen zu verschweigen. Nicht so in Constantinopel. Hier wirkte das furchtbare Unglück zunächst nicht auflösend und demoralisirend, sondern — wenigstens momentan — emporrichtend und moralisch kräftigend auf die Masse. Die politischen Partheiungen — sagt Prokop — hörten auf; man vergaß des Hasses, mit dem man sich vorher verfolgt; aufgescheucht durch den schreckhaften Anblick der Gegenwart, und vom nahen Tode bedroht, entsagten die Lasterhaften ihren Ausschweifungen und wandten sich den vernachlässigten Vorschriften der Religion zu. — Wenn damals in der ostromischen Hauptstadt nicht ein ähnlicher Geist moralischer und politischer Unbotmäßigkeit in der Masse sich regte, so waren hierin ohne Zweifel die wohlthätigen Wirkungen der christlichen Religion zu erkennen, welche allein durch die Gewißheit eines jenseitigen Lebens, die sie gewährt, in den herben Tagen solcher Prüfungen die Gutgesinnten über sich selbst emporzuheben, die moralisch Gesunkenen aber aufzurütteln und zur

Besinnung zu bringen vermag. — Aber freilich waren damals die Wirkungen jenes gewaltigen Mahnrufes nur von kurzer Dauer. Kaum war — so klagt Prokopios, wie in ähnlicher Weise mehrere Berichterstatter aus der Zeit des schwarzen Todes 70 — die Gefahr anscheinend vorüber, als die aus ihren bösen Neigungen gewaltsam Aufgeschreckten aufs Neue in dieselben verfielen und für die kurze Zeit der Entsagung in neuen Ausschweifungen sich zu entschädigen suchten.

III. Zweite Indiction.

Nachdem das große Sterben seit seinem ersten Hervortreten im Jahre 541 nie mehr gänzlich erloschen 71, und noch gegen Ende des Jahres 556 wieder in mehreren Städten des Byzantinischen Reiches vorzüglich unter dem jugendlichen Alter hervorgetreten war 72, suchte es im Jahre 558 die Hauptstadt, deren Bewohner sich noch kaum von den Schrecknissen des 10tägigen Erdbebens im Dezember des vorigen Jahres erholt hatten, mit einem neuen furchtbaren Anfalle heim 73. Eine ausführliche Schilderung desselben ist nicht auf uns gekommen; aus den vorhandenen Nachrichten, unter denen die des Augenzeugen Agathias den ersten Platz einnehmen, ergibt sich im Wesentlichen Folgendes:

1) Die Krankheit zeigte bei diesem neuen Anfalle im Ganzen denselben Typus, wie bei ihrem erstmaligen Erscheinen. Das charakteristische Merkmal derselben, die Pestbeulen, stellten sich auch diesmal bei der Mehrzahl der Kranken ein, begleitet von heftigem, äußerst erschöpfendem, ununterbrochenem Fieber, das erst mit dem Tode endigte.

2) Die Pest trat dieses Mal mit noch größerer Intensität auf und hatte sehr häufig einen auffallend raschen Verlauf. Viele — sagt Agathias — wurden, ohne daß ein Fieber-Anfall oder sonst ein bemerkbares Anzeichen von Erkrankung vorausgegangen war, mitten in ihren gewohnten Beschäftigungen, zu Hause oder auf öffentlicher Straße ergriffen und stürzten in demselben Momente, wie von einem Schlagflüsse getroffen, entseelt nieder. Die längste Dauer ihres Verlaufes betrug bis zum Eintritt der Krisis fünf Tage.

3) Wie an intensiver Stärke übertraf dieser zweite Pestausbruch zu Constantinopel den ersten auch an Länge der Dauer. Er währte vom Februar, wo er begonnen, sechs Monate, und raffte in dieser Zeit eine ungeheure Menschenmenge hinweg, also daß auch diesmal zur Wegschaffung der Leichen, die in großer Zahl unbeerdigt liegen blieben, auf Befehl des Kaisers außerordentliche Maßregeln getroffen werden mußten.

Obwohl kein Alter und Geschlecht verschont blieb, erkor sich doch — wie alle Berichterstatter übereinstimmend hervorheben — die Seuche diesmal ihre Todesopfer vorzugsweise unter dem jugendlichen und blühenden Alter und in diesem wieder unter dem männlichen Geschlechte, eine Erscheinung, die um so mehr Beachtung verdient, als sie auch bei anderen großen Epidemien 74, wie namentlich beim schwarzen Tode 75, beobachtet wurde.

Außer diesem Pestausbruche zu Constantinopel findet sich aus der zweiten Indiction noch ein heftiges Auftreten des großen Sterbens in Kilikien und der dortigen Metropole Anazarbos, gegen Ende des Jahres 560 oder Anfangs 561, aufgeführt 76.

Schlußbetrachtung.

Fassen wir die Begebnisse jener Zeit, wie sie theils im Bisherigen geschildert wurden, theils aus der politischen Geschichte uns entgegen treten, zu einem Gesammtbilde zusammen, so sehen wir die dem Scepter Justinians unterworfenen Völker unter der vierfachen schweren Geißel des Krieges, der Pest, der Hungersnoth und der Erdbeben verheerungen erseufzen. Welche überreiche Ernte der Tod während der langen Herrschaft der großen Pest im ganzen Byzantinischen Reiche hielt, läßt sich aus dem Menschenverluste, den allein die Hauptstadt im Jahre 542 erlitt, entnehmen; es wird erklärlich, wie unter ihrem verzehrenden Hauche hier ganze Städte verödeten 77, dort aus Mangel an Schnittern und Lesern die reife Frucht auf den Halmen, die volle Traube am Stocke verdarb, und über Feld und Flur die Stille der Urzeit sich wieder zu lagern schien 78; und die Schätzung des Prokopios ('Ανεκδ. c. 18), daß durch die große Pest die Hälfte der Bewohner des Reiches weggerafft worden sei, wird schwerlich Jemanden zu hoch gegriffen erscheinen. Und welch großen Theil der Bewohner mögen außerdem die inneren Kampfe, die auswärtigen Kriege, die fortwährenden Einfälle der Barbaren hinweggetilgt haben, durch welche letzteren (Prokop. l. l.) die Römischen Untherthanen zu Hunderttausenden getödtet oder in die Sklaverei fortgeschleppt wurden!

Dabei ist nicht zu übersehen, daß jene unzähligen Opfer, welche durch die Schärfe des Schwertes und den Gifthauch der Pest fielen, großentheils den vollkräftigen Jünglingen und Männern, somit dem Kerne der Völker, den vorzüglichsten Trägern ihres geistigen Lebens angehörten.

Stürme solcher Art, welche über ein längst schon alterndes Reich ergingen und einer Bevölkerung, deren geistige und moralische Kraft in stetem Sinken begriffen war, noch so ungeheuere materielle Verluste zufügten, mußten hier den Gang des äußeren und inneren Verfalls entschieden beschleunigen, den weder die Tätigkeit eines einzelnen fähigeren, durch tüchtige Männer unterstützten Herrschers, noch die momentane Emporraffung der Masse zu hemmen vermochten. Die Folgen jener furchtbaren Stürme sind aber in der Geschichte durch zwei offenkundige Thatsachen ausgesprochen, durch die politische Ohnmacht des byzantinischen Reiches vom Tode Justinians ab, und durch das auffallend schnelle Sinken der byzantinischen Literatur gleich nach Prokopios.

Bedeutsam aber muß es erscheinen, daß zwei große Wendepunkte in der allgemeinen Geschichte durch das Hervortreten welthistorischer Pesten mit ihrem Gefolge von physischen Revolutionen bezeichnet sind: das sechste Jahrhundert, wo mit dem flüchtigen Prunkbilde einer oströmischen Weltherrschaft der letzte Rest des alten Römerthums und der antiken Welt zu Grabe ging, durch die große Pest unter Justinian, und das 14. Jahrhundert, in welchem die erhabenen Ideen des christlich-germanischen Lebens im Mittelalter, nachdem sie in den Kreuzzügen ihre Verwirklichung und Verklärung gefunden, in den Hintergrund zu treten begannen, durch das Auftreten des schwarzen Todes.


FUßNOTEN


1) Nach Kraus (de natur. morbi. Athen. P. 28 seq.) hatte z. B. die orientalische Pest in Europa in der Regel bösartige nervöse Fieber zu Vorläufern ihres Auftretens.

2) Darauf deutet schon die oben (pag. 20) angeführte Bemerkung des Prokopios, noch bestimmter aber das Zeugniß des Theophan. (p. Par. 171 in fin.) hin: Εν τουτωι τωι χρονωι ουτε πολεμος ουτε θανατος επιφερομενος τοις ανθρωποις επελειπεi.

3) Nach Prokop. (Pers. II. 20 u. 22), welcher zur Zeit des Pestausbruches in Constantinopel anwesend war, erfolgte derselbe in jener Stadt in dem Jahre, als Chosroes zum 3. Male in das Römische Gebiet einfiel. Der erste Feldzug aber desselben, bei welchem Antiocheia erobert ward, fand Statt, wie Prok. Pers. II, 5. angibt, nach vollendetem 13., also im Laufe des 14. Jahres der Regierung Justinians, oder nach Marcell., und Marius unter dem Consulate Justinians des Jüngeren, d. i. 540 — Cf. Weigel, II. ad. Ann. 1. — Der dritte Feldzug des Chosroes, da derselbe seitdem jedes Jahr das Römische Gebiet überzog, fällt somit in das Jahr 542. — Hiemit vollkommen übereinstimmend läßt Euagr. (hist. eccles. IV. 29) die Pest zwei Jahre nach der Einnahme Antiocheias auftreten. Da er den Ort nicht näher bezeichnet, hatte er wohl sein Vaterland Syrien im Sinne, wohin die Pest aus Aegypten gelangte, wahrscheinlich gleichzeitig mit ihrer Ankunft in Constantinopel. — Desgleichen Malal. XVIII. p. Oxf. 224. „im 5. Ind. Jahre." — Wenn Theop. p. P.188 angibt, die Pest sei im Oktober 541 in der Hauptstadt aufgetreten, so liegt hierin noch kein Widerspruch mit obigen Angaben, da einzelne Krankheitsfälle in Folge des Seeverkehrs mit Aegypten recht wohl schon im Herbste jenes Jahres vorgekommen sein mögen. — Nur die Stelle bei Agathias V. 10. scheint von dieser Angabe gänzlich abweichend. „In diesem Jahre" — sagt er, indem er den zweiten Pestausbruch in Constantinopel vom Jahre 558 beschreibt — „befiel die Pest aufs Neue die Stadt, nachdem sie niemals gänzlich erloschen war, seitdem sie zum ersten Male, im 5. Reg.-Jahre Justinians in unsern Länderkreis eingedrungen." Offenbar ist jedoch diese Zahlangabe durch Irrthum der Abschreiber aus ιε = 15. verderbt, so daß, wenn dem Schriftsteller sein Eigenthum zurückgestellt wird, damit ganz richtig das erste Auftreten der Pest in Aegypten, welches in das 15. Reg.-Jahr Justinians = 541 fällt, bezeichnet ist.

Darnach dürften die schwankenden Angaben der Neueren über den Anfang der großen Pest zu berichtigen sein. So wird derselbe noch bei Zinkeisen, Gesch. Griechenl. I. Thl. P. 672, zwischen 541—544 angesetzt, wahrscheinlich weil Pagius und beziehungsweise Baronius in ihren Berechnungen bis zu diesen Zahlen auseinander gehen. Cf. Vales. Annotat. zu Euagr. l. l.

4) Prokop, Pers. II. 22. — Malal. XVIII. p. Oxf. 224.

5) Es ist eine zwar allgemeine, aber irrige Aufstellung, daß die große Pest 52 Jahre gedauert habe. Dieselbe beruht aus einer unrichtigen Auffassung der oben erwähnten Stelle bei Euagrios. Dieser sagt aber, die Pest habe bis zu dem Zeitpunkte, da er seine Aufzeichnungen niederschrieb (μεχρι του δευρο), 52 Jahre gedauert, und fügt ausdrücklich bei: „Was aber noch weiter geschehen wird, ist ungewiß und steht in Gottes Hand." Daraus ist aber doch klar, daß die Pest damals (594) weder wirklich schon erloschen war, noch ihr baldiges Erlöschen mit einiger Sicherheit zu erwarten stand. — Die positiven Beweise dafür, daß sie nach 594 noch vorkam, s. m. oben im Texte.

6) Die Zahl 15 erscheint — vielleicht nicht ohne Bedeutung — auch in dem Verlaufe anderer Epidemien. So wird z. B. die Pest unter Decius etc. als eine 15jährige bezeichnet (M. s. die Quellen bei Kraus v. 43). Auch bei Euagr. l. l. geschieht einer solchen gelegentlich Erwähnung.

7) Irrig wird von Schnurr. I. p. 182 dieses Erlebniß des Schriftstellers in das Jahr 550 gesetzt.

8) Crusius, Schwäb. Chronik I. p. 209, ohne Angabe seiner Quellen: „Im Jahre 560 war im Orient und von da aus auch in Italien ein grausame Pest, welche man Inguinariam oder Bubonis hieße . . . Es währte aber das Uebel eine geraume Zeit." Es wäre nicht undenkbar, daß unter der Pest im Orient der Ausbruch von 558 gemeint ist, und daß sie dann, wie das erste Mal, schon im nächsten Jahre darauf nach Italien kam.

9) Paul. Diacon. de gestis langobard. II. 4.

10) Derselbe III,. 23 und Gregor. Turon. hist. Franc. X. 1. — Cf. Weigel, II. ad a. I. — Pabst Pelagius, eines der ersten Opfer, starb am 8. Februar 590.

11) Paul Diacon. IV. 4.

12) Derselbe IV. 15. — (Die obigen Jahres-Angaben entziffern sich aus dem im folgenden Kapitel erwähnten Kriege des Königs Theodobert mit seinem Oheim Chlotar II., der in das Jahr 600 fällt). — In beiden Stellen wird zwar die Krankheit nur allgemein „pestis gravissima" genannt. Da aber die einige Jahre vorher zu Ravenna und an anderen Orten ausgebrochene Pest ausdrücklich (IV. 4) als inguinaria bezeichnet ist, so wird auch im obigen Falle, namentlich da ein abweichender Charakter derselben nicht angegeben ist, kaum eine andere Epidemie als die eigentliche Pest anzunehmen sein.

13) Marius Avent. In Chron. ad ann. laud.

14) Marius in Chron. a. a. l. und Gregor. Turon. hist. Franc. IV. 31 cum not. Ruin.

15) Gregor. Tur. hist. France. VI. 14.

16) Derselbe, hist. Franc. VII. 1.

17) Derselbe, hist. Franc. IX. 21. Und 22. („Im 13. Jahre der Regierung Childeberts"[II.])

18) Derselbe, hist. Franc. X. 25. („Im 16. Jahre der Regierung Childeberts").

19) Fredegarii Scholast. Chron. Cap. 18. „Anno quarto regni Theuderici….clades glandolaria (wohl so vile als bubonum, von glandula, Drüse?) Massiliam etc. graviter vastavit.

20) Persic. II. 22.

21) Hist. eccles. IV. 29.

22) Cf. Kraus p. 40. Seq. Und den Bericht des französische Arztes Dr. Pariset, welcher sich längere Zeit in Aegypten aufgehalten hat, in der Allg. Zeitung, Jahrgang 1830, nr. 153 (Beilage). Die Schilderung, welche er hier von dem argen Schmutze in den Dörfern Unterägyptens macht, erinnert lebhaft an die charakteristische Etymologie der Namen Πελουσιον und Tineh (des Ortes, der jetzt auf den Ruinen von Pelusion steht), welche beide, ebenso wie der altägyptische Name dieser Stadt (Peromi) und der hebräische (Sin) „Rothstadt" bedeuten. — Cf. Forbiger, Handbuch d. alt. Geogr. II. p. 784.

23) Prokop. a. a. O.

24) M. s. die weiter unten anzuführende Stelle aus Victor Tunnun.

25) Prok. Pers. II. cap. 23 zu Ende.

26) „Ind. VI. post consul. Basilli anno secundo (= 543 nach Alm. Und Weigel). Mortalitas magna Italiae solum devastat, Oriente jam et Illyrico peraeque attritis." Fortsetzung d. Chronic von Marcell. Com.

27) „Post cons. Basil. anno secundo….Horum exordia malorum generalis orbis terrarum mortalitas sequitur, et inguinum percussione major pars populorum necatur." Vict. Tunnun. — Schwerlich konnte Victor von einer generalis mortalitas sprechen, wenn die Pest damals nicht auch seinen Sprengel (Tunis) und damit die übrigen Städte der nordafricanischen Küste schon ergriffen hatte. Ist, wie Valesius (Anmerkung zur oben genannten Stelle des Euagrios) bemerkt, nach der Sprechweise des Victor der Ausdruck „anno secundo p. c. B. für anno proxime sequente, i. e. primo, zu fassen, so ergibt sich für die Ankunft der Pest in Nordafrica — was der Sachlage nach nicht unwahrscheinlich ist — das Jahr 542.

28) Gregor. Turon. histor. Franc. IV. 5. „Hujus tempore" (des hl. Gallus, welcher als Bischof von Clermont starb, nach Ruinart um 554) „quum lues illa, quam inguinariam vocant, per diversas regiones desaeviret, et maxime tunc Arelatensem provinciam depopularetur, St. Gallus etc." Da die Pest hier, wie im Verfolg der Erzählung erwähnt wird, acht Jahre vor dem Tode des hl. Gallus auftrat, so entziffert sich für dieselbe das Jahr 545 oder 546. — Cf. des nämlichen Autors Vit. Patrum cap. VI. (de St. Gallo episcop.) n. 6.

29) Greg. Turon. de gloria martyr. Cap. 51.

30) Derselbe in libr. de gloria confessor. cap. 79. „Sed nec illud sileri palucuit, quod gestum est illo tempore (546 nach Ruinart), cum lues inguinaria populum primae Germaniae devastaret. Cum autem omnes terrentur hujus cladis auditu, concurrit Remensium populus ad Sti (Remigii) sepulcrum etc." Und gleich darauf: „Non post multos dies fines hujus civitatis (der Stadt Remi, j. Rheims) lues aggreditur memorata."

31) Prokop. de bell. Pers. II. 22.

32) Ueber Cypern, welches fast alle seine Bewohner verlor, cf. Deguignes, cit. bei Hecker p. 29. — Ueber Cicilien, wo u. a. die Seestadt Trapani gänzlich verödete, vergl. J. v. Müller, Gesch. d. Schw. Eidg. III. Th. II. Bd. cap. 3, und die daselbst sub. not. 121 b angeführten Quellen. — Ueber Marseille: Albert. Argent. in Urstis. German. hist. illustr. II. p. 147 und Monach, Rebdorf. ad ann. 1347. — Ueber Venedig: Chron. Neoburg. bei Pez, script. rer. Austr. I. p. 490, Rainald. Annal. Eccl. Vol. XVI. p. 280 und Monach. Rebd. l. l. Cf. Hecker p. 34 —35. — Ueber Lübeck s. m. Herm. Corneri chron. in Eccard, II. p. 1085 und Staindel. Chron. in Oefele, rer. boic. script. I. p. 521 b. Cf. Hecker p. 31. — Albert Argent. aber l. l. bemerkt ausdrücklich: „Facte est (1348) pestilentia mortalitatis hominum praesertim in partibus ultramarinis et maritimis et allis, qaulis a tempore diluvi non est facta. Ebenso Jo. Vitodurani Chron. in Eccard I. p. 1924: „Maxime in locis maritimis, praecipue tamen in Sicilia innumerabilem populum prostravit", und der Monach. Rebdorf. Ad ann. 1347: „….maxime in civitatibus juxta mare sitis homines sine numero moreibantur. — Cf. Andr. Ratisbon. etc. chronic. in Eccard, I. p. 2105.

33) L. l.: „Την πασαν αμοιβαδον περιεδραμεν (το καθος) οικουμενην…..— Ως δε γε ες το ακριβες επισκεψαιες κατειληφαμεν, αι απαθεις μεινασαι οικαι κατα τον εφεξης ενιαυτος μοναι επεπον θεσαν.

34) Der Bruder des berühmten Florentiner Geschichtschreiber Giovanni Vill. und Fortzetser seines Werkes, bis auch er (1364), wie sechzehn Jahre vorher sein Bruder, ein Opfer dieser Pest wurde.

35) Istorie (bei Muratori rer. ital. script. Tom. XIV.) IX. 107 in X. 103 — Diese Eigenthümlichkeit im Ausbreitungsgange des schwarzen Todes hat weder Schnurrer noch Hecker einer näheren Beachtung gewürdigt; von dem Ersteren wird sie nur kurz (I. p. 386) „als unsichere Beobachtung" erwähnt.

36) Prokop. Pers. II. 23. in f.: Επεσκηψε δε και εις την Περσων γην (also nicht blos in das nach Syrien vorgdrungene persische Heer) και ες βαρβαρους τους αλλους απαντας.

37) W. v. die in den Noten 330 und 27) angeführten Stellen. Ferner Malal. XVIII. p. Oxf. 224.: „Επηγαγε (ο θεος) πτωσιν ανθρωπων επι της γης ….εν πασαις ταις πολεσι και εν ταις χωραις.

38) Erst vom Jahre 584 findet sich eine Nachricht bei Gregor. Turon, hist. Franc. VI. 33, der zufolge die Pest selbst, oder eine als Vorbote derselben vorausgehende Seuche im Lande der Carpetani wüthete, deren Hauptort Toletum (das heutige Toledo) war.

39) Daß Prokopios dessen Schilderung von der attischen Pest kannte, ist aus manchen Anklängen, wie namentlich aus dem ganz ähnlichen Anfange seiner Beschreibung (Pers. II. 23. init.) ersichtlich, worin er, wie jener, eine Untersuchung der veranlassenden Ursachen der Pest ablehnt.

40) „Procopius, who observed ist progress and symptoms with the eyes of a physician etc." Gibbon VII. p. 378.

41) Diese Delirien gleich bei dem Krankheits-Anfalle, welche nach obiger Schilderung von den heftigen Delirien bei den Fieberparoxysmen in einem späteren Stadium wohl unterschieden werden müssen, sind, wie dem Verfasser denkt, eine sehr bedeutsame Erscheinung. Sie treten ganz in derselben Weise, indem auch jene vermeintlichen Verwundungen nicht fehlen, bei dem heftigen Wiederausbruche der Bubonenpest in den jahren 746 — 748 in Unteritalien und Griechenland hervor. (Theoph. p. Paris. 354 seqq. — Nikephor. Patr. breviar. hist. p. Par. 40 seq. — Histor. miscell. Lib. XXII. In Murat. rer. ital. script. I. p. 156. — Anastas. hist. eccles. p. 225 der Bonn. Ausgabe.) Aehnliche von Delirien zeugende Gesichte am Anfange der Krankheits-Anfälle werden ferner bei der mörderische Epidemie in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts n. Chr. erwähnt. (Cf. Schnurrer I p. 96). Hiedurch erhalten auch die Berichte des Dionysios von Halikarnassos (VII. p. Steph. 345) über die λοιμικη νοσος des Jahres 490 v. Chr. zu Rom, demzufolge ungewöhnliche Gesichte (οψεις ουκ ειωθυιαι) Vilen erschienen, und Stimmen sich vernehmen ließen, ohne daß man einen Sprechenden gewahrte, desgleichen des Livius (III. 5) über schreckhafte Visionen, welche der Seuche von 463 und 464 zu Rom und in der Umgegend vorausgingen ( „portenta aut obversata oculis aut vanas exterritia ostentavere species….His avertendis terroribus" etc) ihre volle Bestätigung und zugleich ihr richtiges Verständnis. Auch die „terrores" welche nach Livius IV. 21 die Epidemie von 436 — 428 v. Chr. zu Rom sc. Eröffneten, scheinen in gleichem Sinne wie in der erstgenannten Stelle (III. 5) gefaßt werden zu müssen. Hieraus dürfte man zu dem Schlusse berechtigt sein, daß die großen Epidemien jener Zeit ziemlich allgemein mit einer heftigen Affection des Nervensystems begannen, in welcher ohne Zweifel jene krankhaften Störungen des Seelen-Lebens ihren Grund fanden.

42) Das Wesentliche dieser Schilderung gibt in Kürze auch Kraus p. 47 sc, der sie jedoch irrig auf die zweite Pest-Indiction bezieht. Eine Beschreibung der Pest (mit einigen Ungenauigkeiten in der Benützung der Quellen) hat auch Gibbon VII. p. 377. seqq.

43) Histor. eccles. IV. 29.

44) I. pag. 127 seqq. und beziehungsweise p. 46 ihrer mehrerwähnten Schriften,
45) M. s. u. Canstatt, spec. Pathologie, 2. Aufl. II. Bd. p. 443—450.

46) Gibbon VII. p. 378 sagt ohne Angabe der Quelle: „The fifth (?) day was commonly the term of his life." Wahrscheinlich hat derselbe die Nachricht, welche Agathias über den Krankheits-Verlauf bei dem zweiten Pestauebruche zu Constantinopel im Jahre 558 gibt, auch aus den vorliegenden ersten bezogen.

47) De gest. Langob. II. 4.

48) Pathol. II. Bd. p. 450, Par. 917

49) Sie gehört zu dem 44. Buche von des Oribasios Ιατρικαι συναγωγαι und steht in Classicer. Auctorum e Vaticanis codd. editorum curante Ang. Maio, Rom 1831, Tom IV. p. 11. Abschn. VII.

50) M. s. Canstatt, Pathol. II. Bd, p. 455, wo sich indeß einige Irrungen eingeschlichen haben.

51) Vergl. über dieselben Schöll, Gesch. der Griech. Literatur, übersetz von Plader, II. Bd. P. 772 und beziehungsweise p. 761 seq.

52) Galen. method. medendi V. (Ed. Basil. latina Tom. VI. p. 129).
53) Derselbe, de different. febr. I. (Ed. Bas. P. 120).

54) Derselbe, method. med. V. (Ed. Bas. P. 131).

55) Cf. Kraus p. 43 seq.

56) De different. febr. p. 121.

57) Cf. Canstatt II. p. 461 —466.

58) Ueber ähnliche Erscheinungen, die von neueren Aerzten bei der orientalischen Pest beobachtet wurden, stehe Canstatt II. p. 466.

59) Man fand in denselben — sagt Prokopios — ein brandiges Geschwür von ungeheuer Gröβe („ανδρακος δεινον τι χρημα").

60) Daβ es auch solche gab, erhellt — wie es schon in der Natur der Sache liegt — auβerdem aus der Bemerkung bei Prokopios (Pers. II. 29): …."πολλοι…α’ει και τους ουδεν σφισι ποσηκοντας η θαπτοντες η θεραπευοντες etc. etc.

62) M. s. Hecker p. 32 u. 34 mit den dort angeführten Quellen.

63) Wer vermöchte z. B. Scenen, wie die von einem Darsteller des letzten Krim-Feldzuges („Unter dem Doppeladler". Herausgegeben von Pflug. Dritte Aufl. II. Bd. p. 168 geschilderte, ohne tiefe Rührung zu lesen?

64) Chronogr. XVIII. p. Oxford. 324.

65) M. s. Canstatt II. p. 438.

66) Persic. II. c. 22. „Επι ρητοις γαρ (certa lege) εδοκει χωρειν και χρονον τακτον εν χωραι εκαστη διατριβην εχειν"

67) So wird z. B. beim ersten Antreten des schwarzen Todes die Dauer des Einzelverlaufes überall ziemlich constant auf ungefähr 6 Monate angegeben. (Cf. Schnurr. I. p. 330.) In der Periode seiner spätern Wiederkehr scheint dieselbe eben so gleichmäβig 4 Monate betragen zu haben. Der Monach. Rebdorfens. ad ann. 1361 berichtet: „Eodem anno invaluit iterato pestilentia Avialone magna, ita quod a festo Paschae usque ad Pentecosten et ad festum Jacobi Apostoli (bis zum ersteren Zeitpunkte währte die Pest vielleicht mit gröβerer Heftigkeit) moriebantur XVII milia hominum etc. etc.; und das Chron. anonym. de ducib. Bavar. in Oefele, rerum hoic. script. Tom. I. p. 44b bemerkt von einer abermaligen Wiederkehr der Pestseuche i. J. 1373, die sich über Constantinopel, Venedig und das südwestliche Deutschland erstreckte: „….per quatuor menses, videlicet Julium — Octobrem …saeviit…"

68) Agath. V. p. Par. 146.

69) II. 53.

70) So n. A. Matteo Villani, istorie (in Murat. rer. ital. script. Tom. XIV.) I. 4. u. 5. — Desgleichen die Limburger Chronik in Eccard. Corp. hist. med. aev. Tom. 1. und Martin. Fuldens. chronic. in Eccard. I. p. 1728.

71) Agath. V. p. Par. 153.

72) Theop. ed. Par. P. 195. — Malal. XVII. p. Oxf. 238. Letzterer hat als Zeitangabe — wahrscheinlich irrthümlich — den Dezember des 4. statt des 5. Indiction-Jahres.

78) Agath. l. l. — Theoph. p. Par. 197. — Malal. XVIII. p. Oxf. 234. — Kedren. p. Par. 385. — In der Zeitangabe stimmen Alle vollkommen überein: der Pestausbruch erscheint bei ihnen im nächstfolgenden Jahre nach der groβen Erdbeben-Katastrophe (von 557) aufgeführt; Theoph. und Malal. geben für denselben noch auβerdem das 6. Indict. Jahr (558), Kedrenos, mit Rücksicht auf den Anfang der Seuche im Februar, das 31. Regierungs-Jahr Justinians an, welches von seiner Erhebung zum Mitregenten (1. April 527) gerechnet, seit 1. April 557 lief.

74) Livius III. 6 und Oros. II. 12 berichten Dasselbe von der verheerenden Seuche der Jahre 463 und 462 v. Chr. zu Rom.

75) M. s. die Nachrichten im Monach. Rebdorfens. ad ann. 1347 und in Andr. Ratisbon. et Chraft. Chron. bei Eccard I. p. 2105

76) Theoph. p. Par. 190.

77) Euagr. IV. 29.

78) Paul. Diac. de gest. Langob. II. 4.


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Die

Epidemien-Periode des fünften Jahrhunderts

vor Christus

und

die gleichzeitigen

ungewöhnlichen Natur-Ereignisse.

Mit besonderer Berücksichtigung der attischen Pest.

Aus den Quellen bearbeitet

als

Programm

zum Schlusse des Studienjahrs 1868/69

von

Valentin Seibel

Professor der Philologie und der Geschichte am k. Lyceum zu Dillingen

Dillingen

Druck der A. Kolb’schen Buchdruckerei

 

 

Vorwort.


Als der Verfasser im Jahre 1857 als Programm für die hiesigen k. Studien-Anstalten eine aus den Quellen bearbeitete Darstellung der großen Pest im Zeitalter Justinians I. und der sie einleitenden und begleitenden ungewöhnlichen Naturereignisse, als einer großen in sich abgeschlossenen Periode einer gewaltigen Revolution, der Oeffentlichkeit übergab, sah er sich in den Gefühle der Befangenheit, da er sich bewußt war, als Laie in den medicinischen Wissenschaften auf ein ihm theilweise fremdes Gebiet sich gewagt zu haben, veranlaßt, im Voraus die wohlwollende Nachsicht seiner Leser, und insbesondere der Männer vom Fache unter denselben, in Anspruch zu nehmen. Diese Nachsicht ist demselben auch, wie er mit dem innigsten Danke erkennen muß, und zwar von Männern des Faches, zum Theile weit über das Maß seiner bescheidenen Erwartung und seines geringen Verdienstes, zu Theil geworden. Nachdem sein Programm in dem Berichte über die Leistungen in der Geschichte der Medicin und der epidemischen Krankheiten für 1857 Nro. 11 von Professor Dr. H. Häser, desgleichen im ärztlichen Intelligenz-Blatt Jahrg. 1858 Nro. 20, einer Anzeige und sehr anerkennenden Beurtheilung gewürdigt worden war, hat Herr Professor Häser, der von seinen Fachgenossen als eine der ersten Autoritäten auf dem Gebiete der historischen Pathologie anerkannt ist, in seiner Geschichte der epidemischen Krankheiten, 2. Auflage (Jena 1865) von Seite 41—43, unter Hinweisung auf das oben erwähnte Programm des Verfassers, und mit der ehrendsten Anerkennung seiner — in Wahrheit nur sehr untergeordneten — Leistungen, die in jenem Programme gegebenen Ausführungen über die mannigfaltigen Erschütterungen des Naturlebens, über den Gang und die Verbreitung der Pest, sowie über die Nachwirkungen und Folgen derselben, somit also den eigentlich historischen Kern jener Abhandlung, dem wesentlichen Inhalte nach, theilweise mit wörtlichen Anführungen aus derselben, in seine Darstellung der Justinianischen Pestperiode aufgenommen. Desgleichen hat ein hochverehrter Collega des Verfassers, Herr med. Dr. Höh, Professor am k. Lyceum zu Bamberg, in seinem Werke „Gift und Contagium" Leipzig 1862, bei der kurzen historischen Skizze, die er von den drei großen weltgeschichtlichen Pestseuchen gibt, bezüglich der Pest unter Justinian (pag. 683 u. f.) das mehrerwähnte Programm wesentlich zu berücksichtigen nicht Anstand genommen.

Diese gütige Nachsicht, die seine Arbeit gefunden, hat den Verfasser ermuthigt, in diesem Jahre, da der übliche Turnus in der Abfassung des jährlichen Programms für die hiesigen Studien-Anstalten wieder an ihn gekommen ist, mit einem Versuche verwandten Inhalts sich hervorzuwagen, und das Ergebniß seiner Studien über die große Seuchenperiode des 5. Jahrhunderts vor Christus, die, zum Theil unter zahlreichem Gefolge von verschiedenartigen Erschütterungen des Naturlebens, die Zeit von 480 - 412 — mit Abrechnung einer kurzen Zwischenpause — umfaßt, und von der die sogenannte attische Pest nur ein einzelnes Glied bildet, zunächst dem engern Kreise verehrter Amtsgenossen mitzutheilen.

Zur Wahl dieses Stoffes hat den Verfasser auch noch der Umstand bewogen, daß, so vielfach auch die attische Pest theils in besonderen Monographien, theils in umfassenderen Werken historisch-pathologischen oder allgemein geschichtlichen Inhalts behandelt worden ist, die außerhalb Attika in verschiedenen Ländern, und namentlich in Italien, theils ungefähr um dieselbe Zeit, theils schon früher aufgetretenen verheerenden Seuchen, welche in dem letzteren Lande wiederholt in streng regelmäßigen Zeit-Intervallen sich einstellten, und mit der attischen Pest und den zahlreichen Erdbeben, vulkanischen Eruptionen sc. dieser Zeit, zu einem großen Ganzen einer umfassenden Epidemien-Periode zusammen gehören, weder für sich allein, noch in dem angedeuteten Zusammenhange, so weit dem Verfasser bekannt ist, bisher näher betrachtet worden sind. Auch in der Behandlung der attischen Pest selbst, die er zur Vervollständigung des Gesammtbildes für nöthig er achtete, glaubt er, namentlich durch eingehende Erörterung der bedeutsamen Nachwirkungen und Folgen derselben in materieller und geistiger Beziehung, wenigstens einzelne neue Gesichtspunkte zur richtigen Würdigung dieses für das hervorragendste Cultur-Volk des Alterthums so verhängnißvollen Ereignisses sowohl vom allgemein geschichtlichen als vom culturhistorischen Standpunkte geboten zu haben.

Schließlich erübrigt dem Verfasser nur, den Wunsch auszusprechen, daß vorliegende Arbeit einer gleich wohlwollenden Nachsicht, wie seine frühere, sich möge zu erfreuen haben.

Quellen und Hilfsmittel.

A. Quellen

s) Gleichzeitige Schriftsteller:


Thukydides, zugleich Augenzeuge der Seuche zu Athen von 430—426 v. Chr.

Hippokrates, ebenfalls Augenzeuge der Epidemie an verschiedenen Orten und ausübender Arzt.


b) Spätere Schriftsteller:


Diodoros von Sicilien, unter Cäsar und Augustus,

Dionysios von Halikarnassos, unter Augustus lebend.

Livius, †18 n. Chr.

Plutarchos, † 120 n. Chr.
Galenos, † um 200 n. Chr.

Außerdem vereinzelte Notizen bei Herodotos, Strabon, Eusebios (Chronic.), Ammianus Marcellinus, Paulus Orosius, dem unbekannten Verfasser der — gewöhnlich dem Soranos zugeschriebenen — Biographie des Hippokrates, sc. sc.

B. Hilfsmittel und neuere Bearbeitungen.

Die Erklärer zu Thucydides II. 47—SS, insbesondere Poppo, edit. maj. und minor, und der neueste Herausgeber Classen.

Die Monographie über die attische Pest von Fabius Paulinus (Venet. 1603), Sprat (Lond. 1676), Euerel (Wien 1810), Georgiades (Hal. 1815), Meister (Züllichau 1816), Schönke (Lips. 1821), Grimm (Rostock 1829), Ireland (Lond. 1332), Biedrlack (Berol. 1841). Die vollständigen Titel nebst kurzer Würdigung ihres Werthes findet man bei Häser (Epidem.-Geschichte). Hier sollen nur zwei von dem


Verfasser benützte Monographien vollständig aufgeführt werden:

Kraus, disquisito historico-medica de natura morbi Atheniensum, Stuttg. 1831, und

Brandeis, die Krankheit zu Athen, nach Thucydides; mit erläuternden Anmerkungen. Stuttg. 1845.


Häser, Geschichte der epidemischen Krankheiten, 2. Aufl. Jena 1865.

Hoff, Geschichte der Veränderungen der Erdoberfläche.

Wachsmuth, hellenische Alterthumskunde.

Curtius, griechische Geschichte, II. Band.

Niebuhr, Vorträge über alte Geschichte und über römische Geschichte; ferner dessen römische Geschichte.
Schwegler, röm. Geschichte.

Bernhardy, Grundriß der griechischen Literatur, 3. Bearbeitung, I. Theil.

Einleitendes.

Die aus dem 5. Jahrhundert vor Christus uns überlieferten ungewöhnlichen Natur-Erscheinungen bilden, übereinstimmend mit den neben ihnen her ziehenden Epidemien 1 — man sehe die am Schlusse beigefügte Uebersichtstabelle — zwei Gruppen, eine intensiv minder bedeutsame, gleichsam eine Vorgruppe (480—452), und eine bedeutsamere oder Hauptgruppe (436—412), welche durch einen 16jährigen Stillstand in beiderlei Ereignissen, von 442—436 v. Chr., gesondert sind. In beiden Gruppen aber ist um die Mitte ihres Zeitverlaufes, und zwar sowohl bei den Erdbeben und sonstigen Natur-Phänomenen, als auch bei den Seuchen, ein gewisses Culminiren ersichtlich, und zwar so, daß die Erscheinungen der einen wie der andern Art entweder gleichzeitig oder doch in unmittelbarer Aufeinanderfolge die Höhenpunkte ihres Verlaufes erreichen. In der ersten Gruppe erscheinen die häufigsten Störungen im Ganzen der äußern Natur in die Zeit von 464—456 (454) zusammengerückt, und in derselben Zeit, in den Jahren 463—462, treten die Seuchen mit der größten Heftigkeit und wahrscheinlich auch in der größten Ausbreitung auf. In der zweiten Gruppe erreichen die tellurischen Revolutionen zwischen den Jahren 428—420 an Heftigkeit und Ausdehnung ihren Höhenpunkt: theils unmittelbar vor, theils noch in diese Jahre, zwischen 433—427, fallen auch die furchtbarsten Störungen in der Lebensthätigkeit des menschlichen Organismus durch die verheerendsten und umfassendsten Seuchen, welche in den Jahren 430, 429 und 427 zu Athen die höchsten Schrecknisse ihrer mörderischen Gewalt entfalten, während zu gleicher Zeit auch Italien, das Nilthal und ein großer Theil der Länder des persischen Reiches von ihrem verpestenden Hauche berührt werden.

Uebersichtliche Darstellung des Einzelnen.

  1. Gruppe.

a) Die Erdbeben und ungewöhnlichen Natur-Ereignisse.


Dem Beginne der eigentlichen Periode jener gewaltsamen Natur-Bewegungen steht um 10 Jahre voraus ein Erdbeben auf Delos, einer Insel der Kykladen-Gruppe, welches im Jahre 490, kurz nach der Abfahrt der persischen Flotte unter Datis aus jener Meeresgegend nach Eretria, sich ereignete 2, und bei der physischen Beschaffenheit dieser Insel auf die Zeitgenossen einen mächtigen Eindruck hervorbringen mußte. Die bekannte Sage 3 von dem Festwerden dieses ehedem schwimmenden Eilandes, seitdem Leto dort Mutter geworden, weiset zwar auf heftige neptunische Störungen in der vorhistorischen Zeit hin. Aber seit der Zeit der beglaubigten Geschichte war Delos dadurch berühmt, daß es von den im ägäischen Meere häufigen Erderschütterungen nur höchst selten heimgesucht wurde 4. In der That berichtet Herodotos — nach seinen bei den Einwohnern selbst eingezogenen Erkundigungen —, daß dieses Erdbeben erst seiner Zeit das erste und letzte auf dieser Insel gewesen sei, und erkennt in demselben eine von der Gottheit an Hellas ergangene Vorherverkündigung der kommenden schweren Leiden, deren dieses Land während der Regierungen der drei Großkönige Dareios, Xerxes und Artaxerxes eine größere Zahl erduldet, denn in zwanzig Menschenaltern vorher 5

Vom Jahre 480 berichtet derselbe Geschichtschreiber 6 ein außerordentliches Phänomen im ägäischen Meere bei der Stadt Potidaia, welches ohne Zweifel, wie die weiter unten zum Jahre 426 anzuführenden Meeres-Einbrüche, mit gleichzeitigen — nicht näher bekannt gewordenen — Erderschütterungen im Zusammenhange stand. Als bei dem Abzuge des persischen Heeres aus Hellas in Folge der Seeschlacht bei Salamis der persische Feldherr Artabazos mit einem Theile der Truppen, die bestimmt waren, unter Mardonios in Thessalien und Makedonien zurückzubleiben, die Stadt Potidaia belagerte, welche, wie die Städte auf der benachbarten Halbinsel Pallene, der persischen Obmacht sich zu entziehen gesucht hatte, begab es sich im dritten Monate der Belagerung, daß eine ungewöhnlich starke und lang andauernde Ebbe die Meeresgewässer weit von der Küste des Festlandes zurückzog. Die Buchten und Meereseinschnitte umher waren trocken gelegt oder zu seichten Waten geworden. Da gedachten die Perser quer durch eine dieser Buchten nach der Halbinsel Pallene überzusetzen, deren Städte den Potidaiaten Hilfstruppen gesendet. Aber ehe sie noch die Hälfte des Weges zurückgelegt, trat die Fluth ein, mit so ungewöhnlicher Stärke und Ausdehnung, wie dies nach der Versicherung der Eingebornen noch nie der Fall gewesen war. Die Perser kamen theils in den Wellen um, theils wurden sie von den zu Schiffe herbeieilenden Potidaiaten in den Fluthen niedergemacht. Der Verlust derselben war so groß, daß Artabazos die Belagerung aufhob und die Trümmer des Heeres, welches bei seiner Ankunft in dieser Gegend 60,000 Mann betragen hatte, zu Mardonios nach Thessalien führte. Nicht lange vorher war auch die von Xerxes über den Hellespont geschlagene Brücke durch einen heftigen Sturm zerstört worden 7.

Ein Jahr später, 479, erfolgte nach längerer Ruhe ein heftiger Ausbruch des Aetna 8, der wahrscheinlich mit kurzen Unterbrechungen durch vier Jahre sich fortsetzte 9 denn noch 475 entfloβ ein verheerender Lavastrom diesem Vulkane 10, dessen unheimliche Thätigkeit sich übrigens weit hinauf in das graue Alterthum verliert, da — nach den Angaben eines einheimischen Schriftstellers 11 — schon die ältesten Bewohner der Insel, die Sikaner, durch häufige Lava-Ausströmungen des Aetna sollen veranlaßt worden sein, den östlichen Theil Siciliens aufzugeben und auf den westlichen sich zu beschränken.

Alle diese Ereignisse wurden an Schreckhaftigkeit des Auftretens und Bedeutsamkeit der Folgen bei weitem durch das furchtbare Erdbeben übertroffen, welches Sparta 12 um das Jahr 464 13 heimsuchte und den nächsten Anlaß zum Ausbruch des dritten messenischen Krieges gegeben hat. So häufig auch Erdbeben in Lakonien waren 14, so wird uns doch weder aus früherer noch aus späterer Zeit ein Ereigniß von ähnlicher Heftigkeit in diesem Lande berichtet. An vielen Stellen klaffte die Erde auf; von dem wankenden Taygetos rissen sich einige Felsgipfel los und stürzten zerschmetternd in das Thal nieder; die Stadt Sparta selbst ward in einen Schutthaufen verwandelt, aus welchem nur wenige Häuser, emporragten. Ueber 20.000 Menschen, darrunter viele spartanische Knaben und Jünglinge, die eben in einer Stoa den Leibesübungen oblagen, fanden unter den stürzenden Trümmern ihr Grab 15. Zu den Schrecknissen der Natur kam noch die drohende Gefahr einer allgemeinen Erhebung der Heloten. Diese nämlich, die in den Perserkriegen mitgefochten hatten und dabei ihre Kraft mochten kennen gelernt haben, glaubten in der allgemeinen Verwirrung und bei dem großen Verluste an streitbaren Männern in Sparta eine günstige Gelegenheit gefunden zu haben, sich der Dienstbarkeit ihrer harten Herren zu entziehen und eilten, so wie sie von dem Vorgefallenen vernommen, vom flachen Lande allenthalben bewaffnet herbei. Der König Archidamos rettete zwar durch die Entschlossenheit und Geistesgegenwart, womit er sogleich die geeigneten Maßregeln traf, die Stadt vor der ersten und dringendsten Gefahr eines Ueberfalles durch die Heloten. Doch konnte der tapfere König nicht hindern, daß jene, über das ganze flache Land sich zerstreuend, aller Orten die zu gleicher Dienstbarkeit geknechteten Messenier aufwiegelten und, indem sie in Verbindung mit ihnen die messenische Bergveste Jihonte besetzten, einen förmlichen Krieg gegen die Spartaner eröffneten, der erst nach zehn Jahren, und keineswegs zum Vortheile der Letzteren, beendigt ward. Es darf zur richtigen Würdigung der Tragweite dieses Ereignisses nicht übersehen werden, daß die schweren Wunden, welche dieser Krieg und namentlich das vorausgegangene Erdbeben dem spartanischen Staate schlug, für die ganze Folgezeit dort sichtbar blieben. Denn die beträchtlichen Verluste an spartanischen Bürgern, welche der Staat hier wie dort erlitt, legten den ersten Grund zu der großen Verringerung jenes geschlossenen Bürger-Standes, die am fühlbarsten nach dem peloponnesischen Kriege hervortrat. Mit diesem gingen aber die tiefeingreifenden Veränderungen in der Ordnung des Grundbesitzes gleichen Schritt, mit deren Verfall der altehrwürdigen Lykurgischen Verfassung aller Halt entzogen, und in der Folge eine förmliche Oligarchie der geringen Zahl der vollberechtigten Altbürger (όμοιοι) herbeigeführt werden mußte 16.

In demselben Jahre, da in Sparta das furchtbare Erdbeben wüthete — 464 —, wurden in Rom ungewöhnliche Feuer-Erscheinungen am Himmel — vielleicht Nordlichter? — wahrgenommen 17; auch gespenstische Schreckgestalten glaubten Einzelne zu erblicken 18. Die Aufregung der Gemüther war so groß, daß der Senat für nöthig fand, eine dreitägige Feier anzuordnen, während welcher alle Tempel sich mit Schaaren von Betenden füllten.

Dieselben Erscheinungen kehrten, nachdem Rom in der Zwischenzeit von einer mörderischen Seuche schwer betroffen worden war, nach drei Jahren — 461 — wieder 19, mit größerer Heftigkeit, und begleitet von anderen, deren einige, wie Dionysios bemerkt, ohne Beispiel in schriftlichen Aufzeichnungen oder mündlichen Ueberlieferungen waren. Am Himmel, auf der Erde und in der Luft schien in gleicher Weise der gewöhnliche Gang der Natur unterbrochen: dort erblickte man leuchtende Meteore, die das Firmament durchzuckten, und feurigrothen Schein, der ruhig auf derselben Stelle blieb 20; die Erde erbebte von anhaltenden Erschütterungen und aus ihrem Schooße ertönte dumpfes Tosen; durch die Luft zogen gespenstische Erscheinungen (μορφαι ειδωλων, Dionysios) in mannigfach wechselnden Gestalten, und schreckhafte Töne klangen an das Ohr der Menschen. Größere Bestürzung noch erregte ein anderes, bis dahin ganz unerhörtes Phänomen. Es fielen nämlich größere und kleinere Flocken einer fleischartigen Substanz vom Himmel, welche theils noch in der Luft von Schaaren allerlei Gevögels weggehascht wurden, theils in Rom und der Umgegend zur Erde niederkamen und dort mitunter einige Tage liegen blieben, ohne Farbe oder Geruch zu ändern, oder sonstige bemerkbare Spuren eingetretener Fäulniß zu zeigen.

Bei solchen ungewöhnlichen Natur-Ereignissen erschienen die gewöhnlichen Sühnmittel nicht ausreichend, und der Senat erachtete für nöthig, die heiligen Bücher befragen zu lassen.

Noch hat sich in dem Sammel-Werke des Joannes Skobaios 21 eine Stelle aus Wellan’s Ποικιλη ίστορια erhalten, in welcher eines Aetna-Ausbruches im 1. Jahre der 84. Olympiade (456) gedacht, und berichtet wird, zwei edle Jünglinge von Katane, Philonomos und Kallias, hätten damals ihre Väter auf ihren Schultern vor dem hereinbrechenden Lavastrome glücklich geflüchtet 22. Allein da Thukydides 23, jedenfalls ein viel verlässlicheren Gewährsmann, als der diesem Ereignisse bei weitem ferner stehende Aelian, zwischen den Ausbrüchen von 475 und 425 einen mittleren nicht kennt, so ist sicher anzunehmen, daß obige Angabe auf einem Irrthume oder auf einem Fehler in den Handschriften beruhe, und jenes Ereigniß wahrscheinlich einer viel früheren, vielleicht der vorhistorischen Zeit angehöre, worauf auch die Abweichungen, die sich bezüglich der Einzelheiten dieser Sage in andern Schriftstellern finden, Hinweisen 24.

d) Die Epidemien.

Während der Kreis der Erderschütterungen und ungewöhnlichen Natur-Ereignisse dieser Gruppe sich über Griechenland, Italien und Sicilien ausdehnte, scheinen die neben denselben hergehenden Störungen im animalischen Leben ihre Berührungs-Sphäre nach den erhaltenen Nachrichten nur auf Italien und vielleicht einzelne Inseln und Küstenländer des ägäischen Meeres beschränkt zu haben. Denn die Seuche, welche im Landheere des Xerxes auf dessen Rückmarsche von Thessalien nach dem Hellespont wüthete 25 steht jedenfalls mit den italischen Epidemien dieser Periode in keinerlei Verbindung. Sie war eine heftige Ruhr (δυσεντερίη, Herod.), erzeugt durch die unzureichenden und schlechten Nahrungsmittel des übel versorgten Heeres während der furchtbaren Anstrengungen aufreibender Eilmärsche. Ganz anderer Natur waren die Epidemien, welche in dieser Zeit Italien und namentlich Rom betrafen, dessen vulkanische, ungesunde Umgebung für verheerende Seuchen ein fruchtbarer Boden war 26.

Nach den vorhandenen Quellen lassen sich vier größere Stürme unterscheiden, die in dieser Periode über die Bevölkerung der Halbinsel dahingingen und die, wenn sie auch manches Abweichende in ihrer äußeren Erscheinung und in dem Bereiche der ihrem zerstörenden Hauche zunächst ausgesetzten Lebensalter zeigen, doch alle in der Größe der angerichteten Verheerungen übereinstimmen.

Der erste dieser Angriffe, der eigenthümlicher Weise dem Beginne der eigentlichen Epidemien-Periode ebenso um ein Bedeutendes voransteht, wie das Erdbeben zu Delos der um 480 beginnenden Gruppe der ungewöhnlichen Natur-Ereignisse, umfaßt die Seuchen von 492 und 490 vor der aer. vulg. Die erstere derselben — im Jahre 492 — war namentlich den Völkern verderbliche 27. Diese, kurz vorher von den Römern besiegt, ersahen sich einen günstigen Zeitpunkt, da Rom von Mangel und Siechthum hart bedrängt war, und rüsteten in der Stille zu einem neuen Angriffskampfe. Da brach unter ihnen ein schreckliches Sterben (ηθορος) aus, das unter jeglichem Geschlechte, Alter und Stande wüthete und in der volkreichen Stadt Velitrae allein neun Zehntel (?) der Bevölkerung dahinraffte. Die Volker mußten von ihrem Vorhaben abstehen; in die verödete Stadt Belitrae aber wurden römische Colonisten gesendet.

Ueber die Art und die Erscheinungen der Krankheit schweigt der einzig erhaltene Bericht des griechischen Gewährsmannes.

Zwei Jahre darauf — 490 — ward Rom selbst von einer Seuche (λοιμινη τις νοσος) heimgesucht 28, welche unter Menschen und Thieren hauste, und unter letzteren große Verheerungen anrichtete, während bei den ersteren ein tödtlicher Ausgang nicht häufig war. Eigenthümlicher Art sind die Erscheinungen, die dem Auftreten der Krankheit, wie es scheint, unmittelbar voraus, oder vielleicht zum Theil auch neben hergingen und auf eine krankhafte Störung der Nerventhätigkeit schließen lassen: ungewöhnliche Gesichte (οψεις ουκ ειωθυται), welche Vielen erschienen, Stimmen, welche sich vernehmen ließen, ohne daß man einen Sprechenden wahrnahm, Frauen, vom Geiste der Weissagung plötzlich erfüllt und der Stadt Unglück verkündigend. Nicht minder seltsam ist ein anderes Phänomen, das zu gleicher Zeit mit jenen Visionen beobachtet ward: man sah häufig Geburten von Menschen und Thieren von ihrer naturgemäßen Gestalt und Bildung, mit der sie zur Welt gekommen, zu Mißgestaltungen entarten (εις το απιστον τε και τερατωδες εφεροντο). Ob, oder in wie weit dieser Angabe Glaube zu schenken sei, mögen Fachmänner entscheiden; wenigstens läge hier ein analoger Fall, wie in der Krankheits-Erscheinung der nächstfolgenden Epidemie von 472, vor. Wie dort vorzugsweise das Leben und die Entwicklung der ungeborenen Leibesfrucht krankhaft ergriffen ward, so hätte hier, obigem Berichte zufolge, die verderbliche Macht der Seuche in ihrem ersten Stadium sich vorzugsweise gegen das Neugeborene von Menschen und Thieren gerichtet und dessen naturgemäße Entwicklung und Ausbildung gestört.

Ob übrigens diese Epidemie zu Rom zu der kurz vorher im Volsker-Lande aufgetretenen in näherer Beziehung stand, ob sie vielleicht eine abgeschwächte, und theilweise durch locale Ursachen modificirte Nachwirkung der volskischen war, muß bei der Mangelhaftigkeit der Nachrichten dahin gestellt bleiben.

Ungleich schwerer ward Rom von dem zweiten Sturme betroffen, welcher (472) 18 Jahre später eintrat 29. Angekündigt durch mancherlei ungewöhnliche Erscheinungen — über deren Art etwas Näheres nicht berichtet wird — brach daselbst eine heftige und tödtlich erlaufende Epidemie aus (νοσος καλουμενη λοιμικη και θανατος όσος ουπω προτερον, Dionys.), welche in ihrem ersten Stadium vorzugsweise das Fötus-Leben zum Ziele ihrer mörderischen Angriffe zu nehmen schien. Schwangere Frauen, in großer Zahl von ihr befallen, gebaren vor der Zeit, oder todte Kinder und erlagen selbst mit dem Geborenen im Akte der unglücklichen Geburt. Nach zahlreich abgeforderten Opfern trat eine längere Pause ein, während welcher die im allgemeinen Unglücke gedämpfte Flamme der innerne Kämpfe zwischen den Patriciern und Plebejern mit neuer Heftigkeit aufloderte. Aber noch im selben Jahre trat auch die Seuche mit erneuter Wuth wieder auf, die jetzt von Rom auch über die übrigen Länder Italiens sich verbreitete und in diesem zweiten Stadium ihrer Erscheinung kein Alter, kein Geschlecht, keine Körper-Constitution verschonte. Nirgends aber hausete sie schrecklicher, als in Rom selbst, wo weder menschliche Hilfe Linderung gewährte — denn mit und ohne Pflege starben die Befallenen, und keine Arznei vermochte dem Uebel zu steuern —. noch Opfer und öffentliche Bittgänge Erfolg hatten. Zum Glücke war sie nicht von Dauer; dadurch allein ward, wie Dionys, berichtet, die Stadt vor gänzlicher Verödung bewahrt. Rasch wie ein Meßbach oder eine Feuersbrunst war sie mit aller Macht hereingebrochen: aber so wüthend ihr Anfall gewesen, so schnell war auch ihr Verschwinden.

Ueber das Wesen und die Symptome der Krankheit entbehren wir auch hier aller Nachrichten.

Der dritte große Einbruch fand nach 9jähriger Ruhe in den Jahren 463 und 462 Statt. Nach Orosius 30 erfolgte zwar schon einige Jahre früher — 467 oder 466 — ein Anfall; dieser kann jedoch, auch wenn man der ganz isolirt stehenden Angabe dieses späteren Schriftstellers Glauben beimessen will, in keinem Falle von Bedeutung gewesen sein. Dagegen war dieser dritte Krankheitssturm nach den Schilderungen der Quellenschriftsteller 31 entschieden der heftigste und verderblichste, der bisher über Rom ergangen war.

Nach dem Berichte des Dionysios befiel die Seuche zuerst das auf den Fluren weidende Heerdevieh, welches fast gänzlich hinweggerafft wurde, und erfaßte dann die Hirten und Landleute, bis das Uebel, über alles flache Land verbreitet, zuletzt auch in die Stadt einbracht 32. Von den ersten Tagen des Septembers an, wo die Epidemie — wahrscheinlich unter Begünstigung der zu dieser Jahreszeit herrschenden ungesunden Südwinde 33 — zum Ausbruch gekommen, hielt sie mit bisher unerhörter Heftigkeit bis in das folgende Jahr ununterbrochen an, indem sie unter allen Schichten der Bevölkerung wüthete, aus jeglichem Geschlechte und Lebensalter zahlreiche Opfer forderte. Am meisten scheint sie jedoch, wie früher die Neugeborenen, oder die ungeborene Leibesfrucht, diesmal die in voller Lebenskraft stehenden Jünglinge und Männer 34 zum Ziele ihrer Angriffe ersehen zu haben, ein Umstand, der um so mehr beachtet zu werden verdient, als derselbe in verschiedenen Epidemien älterer und neuerer Zeit wiederkehrt 35.

Einen bedeutsamen Zug erhält dies Gemälde durch die mannhafte Haltung der Leiter des römischen Gemein-Wesens. Aequer und Volsker wollten, diese Zeit furchtbarer Bedrängniß benützen, und griffen, um die Römer aller Unterstützung von Seite ihrer Verbündeten zu berauben, rasch die Latiner und Herniker an. Als Gesandte dieser Völker Hilfe suchend in Rom erschienen, war an diesem Tage eben der Eine Consul, Aebutius an der Seuche gestorben, der andere, Servilius, trug, von der Krankheit gleichfalls ergriffen, schon den Tod im Herzen. Doch versammelte er den Senat, der, durch Todesfälle gezehntet, nur unvollständig zusammentrat; viele seiner Mitglieder mußten sich, schwer erkrankt, in Sänften zur Curie tragen lassen. Dort ward den Gesandten der Bescheid, man sei für jetzt nicht im Stande sie zu schützen und überlasse es ihrer Tapferkeit, die Einfälle der Feinde abzuwehren. Die Aequer und Volsker drangen hierauf, nachdem sie die wider sie ausgerückten Herniker geschlagen, plündernd allmählig in das römische Gebiet, und bedrängten, da sie auf dem flachen Lande nirgends Widerstand gefunden, die Städte selbst, in welche vor ihrem Anzuge die Landbewohner mit ihren Heerden sich mochten geflüchtet haben. Allein die Bürger Roms, obwohl nun beider Consuln beraubt — denn auch Servilius war kurz vorher gestorben — und obwohl Krankheit und Sterben die Reihen der waffenfähigen Bevölkerung so sehr gelichtet, daß die rüstigeren Männer des Rothes dem Postendienst auf den Mauern sich unterziehen mußten, vertheidigten die Stadt mit heldenmüthiger Anstrengung. Die Feinde gaben daher die Hoffnung auf, der wehrlos gewähnten Stadt sich zu bemächtigen, und kehrten unter Verheerungen nach Hause 36. An eine Verfolgung derselben konnte natürlich nicht gedacht werden.

Erst nach dem Amts-Antritte der Consuln des nächsten Jahres 462 — es geschah derselbe aber in diesem Jahre am 11 Augusts 37 — erlosch die Seuche 38.

Daß dieselbe sich diesmal über das römische Gebiet hinaus verbreitet, und, wie Niebuhr anzunehmen geneigt ist 39, auch die Volsker und Aequer ergriffen habe, wird nirgends erwähnt, ist auch aus dem Grunde nicht wahrscheinlich, weil beide Völker im Jahre 462 wieder feindlich in die Ländereien der Herniker einfielen, von wo aus eine Schaar sogar bis in die Nähe Roms sich vorwagte, in der Hoffnung, durch einen kecken Handstreich sich vielleicht der Stadt zu bemächtigen, oder den Römern wenigstens eine Diversion zu machen 40.

Anlangend die Natur dieser Krankheit und ihre Erscheinungsformen, so hat sich zwar hier so wenig wie bei den früheren eine Aufzeichnung erhalten; beachtenswerth dürften jedoch jene oben berichteten Störungen im Bereiche des Seelen-Lebens erscheinen, die dem Anfange der Seuche vorausgingen und ihrem Erlöschen folgten. Die Bedeutung derselben und ihre Beziehung zu der Seuche selbst gewinnt durch die Vergleichung mit den Visionen, die unter den Krankheits-Symptomen in späteren Epidemien berichtet werden, (m. s. oben p. 6, Anmerk. 18) einiges Licht. Nach den Schilderungen der 15jährigen Pest von 250—265 n. Chr. glaubte man in die Häuser derer, die von der Krankheit befallen wurden, Abends vorher ein Gespenst eintreten zu sehen; und Prokop in seiner Beschreibung der Pest unter Justinian (im Jahre 542 ff.) berichtet, daß bei Vielen der Krankheitsanfall mit Visionen begann, die sie zu haben wähnten. Es werden aber in den Nachrichten hierüber diese Visionen kurz vor dem Anfalle von den Fieber-Delirien in einem späteren Stadium der Krankheit sorgfältig unterschieden. Von der Steigerung des seelischen Lebens aber, in Folge einer heftigen, die Nerventhätigkeit im höchsten Grade afficirenden Krankheit, bis zur Ekstase der Prophetie finden sich in den Nachrichten über die Pestseuche des schwarzen Todes (1347—50) mehrere merkwürdige Beispiele bei Kindern*). Hienach möchte der Schluß ziemlich nahe liegen, daß auch jene von den Jahren 464 und 461 berichteten Störungen in den Zuständen des Seelenlebens, wie oben bemerkt wurde, mit der Epidemie der Zwischenjahre in Verbindung standen, und daß zu dem Charakter der letzteren überhaupt eine heftige Affection der Nerventhätigkeit gehört habe. Beachtenswerth ist endlich noch, daß wir von der Epidemie der Jahre 463 und 462 die ersten etwas näheren Nachrichten über den Verlust an Menschen haben. Es erlagen derselben außer den beiden Consuln des ersteren Jahres der vierte Theil des Senates, die Mehrzahl der Volkstribunen, die Hälfte des Auguren-Collegiums (zwei von vieren), Sklaven und niederen Volkes aber eine unzählbare Menge, deren Leichen anfangs noch, auf Wagen geschichtet, zur Bestattung hinausgefahren, zuletzt aber nur mehr in die Tiber geworfen wurden. Nach diesen Angaben, und da — wie in der Natur der Sache liegt — unter den niederen Schichten die Zahl der Opfer gewiß verhältnißmäßig viel größer war als unter den höheren Ständen 41, dürfte man leicht auf einen Gesammt-Verlust von 30—40 Prozent zu schließen berechtigt sein.

Von ärztlicher Hilfe wird Nichts erwähnt; der Senat, an menschlicher Kraft verzweifelnd, verwies das Volk an eine höhere Macht, indem er zu zahlreichen Bittgängen nach den Tempeln der Götter, zu Gebeten und Opfern aufforderte.

Ungefähr in diese Zeit — etwa in das Jahr 464 — mag jene Epidemie zu setzen sein, welche nach Thukydides 42 längere Zeit vor dem Ausbruche der großen Seuche in Athen in weiter Verbreitung theils auf Lemnos und den benachbarten Inseln und Küsten, theils in anderen Gegenden herrschte. Daß dieses Ereigniβ ziemlich lange vor dem Auftreten der attischen Pest Statt gefunden haben, und einer Zeit angehören müsse, welche außer dem Bereiche der von ihm unter voller Bürgschaft berichteten Begebenheiten steht, geht aus der ganzen Fassung der betreffenden Stelle hervor 43. Anderseits aber scheint in derselben wieder eine Andeutung zu liegen, daß der Schriftsteller selbst von dem Ereignisse als einem zu seiner Zeit vorgefallenen sprechen hörte. Es müßte dasselbe somit in seiner früheren Jugendzeit sich begeben haben. Wird nun diese Epidemie etwa in das Jahre 464 gesetzt, so war Thukydides, der nach einer Notiz bei Aulus Gellius 44 vierzig Jahre vor dem Ausbruche des peloponnesischen Krieges geboren ward, damals ein siebenjähriger Knabe, und konnte somit im elterlichen Hause recht wohl mittelbar oder unmittelbar aus dem Munde von Reisenden mancherlei Erzählungen hierüber vernommen haben 45, deren Grund oder Ungrund er unter diesen Umständen auf sich beruhen lassen wollte.

Dazu kommen noch andere Umstände, welche zu obiger Annahme zu berechtigen scheinen. Fürs Erste fällt höchst wahrscheinlich in dieses Jahr das große Erdbeben zu Sparta; daß aber derartige Natur-Erscheinungen in der Regel dem Ausbruche großer Epidemien voran, oder denselben zur Seite gehen, ist eine nunmehr von der Wissenschaft anerkannte Thatsache, die auch im Verlaufe gegenwärtiger Darstellung oft genug ihre Bestätigung finden wird. Ferner berichtet Thukydides in jener Stelle, daß von jener weithin (πολλαχοσε) verbreiteten Epidemie außer Lemnos und der Umgegend auch noch andere Orte berührt wurden. Welche diese waren, wird zwar nicht angegeben; allein nach dem von den Epidemien regelmäßig eingehaltenem Zuge von Osten nach Westen ist es sehr wahrscheinlich, daß dieselben westwärts von Lemnos zu suchen seien, und etwa an die Küstenländer von Makedonien, vielleicht auch an Päonien und Illyrien gedacht werden müsse, Landstriche, die auch später, wahrscheinlich kurz vor der Zeit des Ausbruches der Seuche in Athen, von derselben heimgesucht wurden, und daß von Illyrien aus die Epidemie nach Italien sich verbreitet habe. Da nun auβer erwähnten Stelle bei Thukydides sich vermuthen läßt, daß die lemnische Seuche mit der attischen in ihrem Wesen von gleicher Beschaffenheit, nur minder intensiv (ουτο σουτος) , gewesen 46, letztere aber nach der weiter unten aufzuführenden Schilderung einen entschieden nervösen Charakter zeigt, so würden, vorausgesetzt daß jene Seuche auch in Rom — locale Färbungen abgerechnet — ihr eigenthümliches Wesen beibehielt, jene oben berichteten Störungen in den Funktionen des Nervensystems hiedurch sich wohl genügend erklären.

Auf diese Weise würde also die römische Epidemie während der Jahre 463 und 462 nicht als vereinzelt stehende Begebenheit, sondern als ein Glied einer größeren Kette von Krankheits-Erscheinungen, als der äußerste westliche Anhaltspunkt eines Seuchenzuges sich darstellen, der vielleicht ebenfalls von Aethiopien 47, wie die spätere attische Pest, ausgehend, in Rom das Ziel seiner Wanderung fand. Das Bedenken, das man gegen diese Vermuthungen vielleicht aus dem Grunde erheben könnte, daß von einem Auftreten der Seuche in den östlichen Gegenden Italiens, die sie vor ihrem Ausbruche zu Rom berührt haben müßte, nirgends sich eine Nachricht findet, dürfte, auch wenn man die Unvollständigkeit der über diese frühere Zeit erhaltenen Berichte nicht in Anschlag bringen will, in dem Umstande seine Erledigung finden, daß in verschiedenen Pesten alter und neuer Zeit 48 ein sprungweises Vorrücken beobachtet worden ist.

Nach neunjähriger Ruhe auf diesem Gebiete menschlicher Leiden — während welcher indeß die heftigen Kämpfe um Abfassung eines geschriebenen Landrechts tobten — brach über Rom im Jahre 453 der vierte Krankheits-Sturm herein 49, der an Heftigkeit dem dritten nicht nachstand, an Umfang seines Gebietes denselben jedenfalls weit übertraf. Auch diesmal litten, wie das vorige Mal, nicht minder das Heerde-Vieh als die Menschen unter der Geißel dieser Landplage. Ob übrigens die Seuche auch hier zuerst die Thiere ergriff, ehe sie in weiterer Entwicklung ihre verderbliche Macht gegen die Menschen wandte, oder ob beide Erscheinungen gleichzeitig Statt fanden, ist aus den Angaben nicht klar; man möchte jedoch das Erstere vermuthen, da Dionysios berichtet, die Landleute seien durch den Verkehr mit den Schaf- und Rinder-Heerden angesteckt worden. Die intensive Kraft der Seuche läßt sich aus den erhaltenen Nachrichten über die große Ansteckbarkeit derselben, über die gänzliche Entmuthigung der Menschen, über die schreckliche Zahl der Opfer entnehmen, die ihr namentlich in den unteren Schichten der Bevölkerung erlagen. Bei der Menge der Kranken, sagt Dionysios, reichten die Aerzte ebenso wenig hin, als die Pflege von Hausgenossen oder Freunden; denn Diejenigen, welche Anderen in der Krankheit Hilfe leisten wollten, wurden durch unmittelbare Berührung oder beständigen Verkehr selbst von dem Uebel befallen. Daher verödeten nicht selten ganze Häuser, da zuletzt kein Gesunder mehr zur Wartung übrig geblieben. Die Wuth der Seuche steigerte sich vollends noch ans den höchsten Grad, als man anfing, die Leichen nicht mehr gehörig zu bestatten. Denn da hiefür die Arme der Ueberlebenden nicht mehr ausreichen wollten, warf man die Todten zuletzt theils in die unterirdischen Cloaken enger Gäßchen, zumeist aber in die vorbeifließende Tiber. Der verpestende Geruch der vom Fluße wieder ausgeworfenen Körper verbreitete die Ansteckung mit reißender Schnelligkeit unter den noch Gesunden; auch war nun das Wasser der Tiber untrinkbar geworden, oder flößte, wenn es getrunken ward, schädliche Substanzen den Genießenden ein. Um das Maß des Unglückes voll zu machen, so gesellte sich zu dem Schmerze über die erlittenen, zu der quälenden Unruhe über die noch drohenden Verluste theurer Angehörigen, zu den Schrecken eines stündlich bevorstehenden Todes noch eine gänzliche Entmuthigung und das trostlose Gefühl völliger Verlassenheit. So lange noch das Vertrauen auf göttliche Hilfe vorgehalten, hatte man keinerlei Opfer und gottesdienstliche Handlungen verabsäumt, ja sogar zu neuen, wahrscheinlich von auswärtigen Culten entlehnten Sühnmitteln gegriffen, die für eine Götterverehrung wenig passend waren; als aber hierauf keine Linderung erfolgte, da wankte auch der letzte Halt im Unglücke, der religiöse Glaube, und in dumpfer Verzweiflung an der Macht oder dem Erbarmen der Götter unterließ man jeglichen Cultus derselben.

So Dionysios. Mag man immerhin in vorstehender Schilderung einige Anklänge an des Thukydides Gemälde von der attischen Seuche erkennen; mag auch bei der Ausführung des Einzelnen die Phantasie des Darstellers ihren Antheil gehabt haben: gewiß hat derselbe doch in den von ihm benutzten Quellen sichere Anhaltspunkte für seine Schilderung vorgefunden, und von einem so gewissenhaften und sorgfältigen Schriftsteller wie Dionysios 50 läßt sich wenigstens annehmen, daß er nichts erfunden habe.

Anlangend die Zahl der Opfer, welche diese Epidemie forderte, so erlagen ihr der eine der Consuln des Jahres 453, Sextus Quintilius, und der an seine Stelle nachgewählte, Sp. Furius, einer der vier Auguren, der flamen quirinalis (einer der drei obersten flamines), vier Volkstribunen von zehn 51, viele Senatoren; ungleich größer war die Zahl der Opfer unter den niederen Volksklassen; nach Dionys, wurden beinahe sämmtliche Sklaven, und von den Bürgern etwa die Hälfte hinweggerafft 52.

Nicht zu übersehen ist, daß die mörderischen Wirkungen dieser und der vorhergehenden Seuchen besonders hart die Patricier, als einen geschlossenen Stand, der nicht von außen ergänzt werden konnte, treffen mußten, wie in ähnlicher Weise die Folgen des Erdbebens von 464 die Spartaner. Die Patricier, durch die vorgeschilderten Sterbeläufe in ihrer Zahl nach und nach gedrittelt, wo nicht gar gehälftes 53, erschienen fortan nur mehr als eine Oligarchie, deren Prärogative unter diesen Umständen immer schwieriger zu behaupten waren. Die reißenden Fortschritte der Plebs in dem innerne Kampfe während der nächstfolgenden Zeit finden daher wesentlich in dem durch diese Seuchen geänderten numerischen Verhältnisse der beiden Stände ihre Erklärung.

Die Wuth der Seuche beschränkte sich aber nicht blos auf die Stadt; sie verbreitete sich auch über das flache Land und drang über das römische Gebiet hinaus 54. Denn als die Aequer diesen Zeitpunkt wie früher benützen wollten und sich zu einem Einfalle rüsteten, wurden während der Vorkehrungen hiezu auch sie von derselben ergriffen, desgleichen die Volsker und Sabiner, und überall zahlreiche Opfer dahingerafft. Dadurch ward allerwärts die Bestellung der Felder gehemmt, und zu den Schrecknissen der Seuche gesellte sich noch eine zweite, nicht minder arge Landplage, Hungersnoth und Theuerung (Liv. III. 32. — Dionys. A. a. O.)

Erst im nächsten Jahre, 452, (nach Dionys.) erlosch die Epidemie; aber Mangel und Theuerung währten noch längere Zeit fort.

II. Gruppe

a)      Die Erderschütterungen und ungewöhnlichen Natur-Erscheinungen.


Von dem Jahre 461 ab herrschte in dem geheimnißvollen Reiche jener furchtbaren Kräfte, deren Wirken und Schaffen den Forschungen und Berechnungen des menschlichen Geistes entrückt ist, eine fünfundzwanzigjährige Ruhe. Doch diese Ruhe glich der unheimlichen Windstille vor dem Ausbruche eines Orkanes. Denn nunmehr trat ihr schreckliches Walten aufs Neue in einer langen Kette tellurischer und neptunischer Revolutionen zu Tage, welche nahezu zwei Jahrzehnte [436(435)—413(412)]* währten, und in dieser Zeit beinahe jedes Jahr mit einem ungewöhnlichen Naturereignisse bezeichneten. Insbesondere scheint Hellas der Herd und Mittelpunkt jener Störungen gewesen zu sein, mit denen sich noch die Wuth einer mörderischen Seuche und die Leiden eines siebenundzwanzigjährigen, mit leidenschaftlicher Erbitterung geführten, inneren Krieges verbanden, um diese Periode zu einer der unheilvollsten der Hellenischen Geschichte zu machen. — „Was man früher nur vom „Hörensagen kannte," — sagt der unsterbliche Geschichtschreiber jenes Krieges 55 — „durch die Wahrheit aber „nur selten bestätigt sah, das stellte sich jetzt in seiner ganzen schrecklichen Wirklichkeit dar und verscheuchte dadurch jeglichen Zweifel: Erderschütterungen, die über den größten Theil des Landes sich verbreiteten und zugleich mit äußerster Heftigkeit und Andauer auftraten, Sonnenfinsternisse, welche gegen die Ueberlieferungen „aus der Vorzeit auffallend häufig sich einstellten; große Dürre in manchen Ländern und in ihrem Gefolge „Hungersnoth und die verderbliche, einen großen Theil der Bevölkerung dahinraffende Pestkrankheit: alle „diese Schrecknisse waren Zugaben jenes Krieges.

Die Reihenfolge dieser ungewöhnlichen Naturerscheinungen eröffnet ein größeres Erdbeben in der Römischen Landschaft 56 im Jahre 436 (435), welches gleichzeitig mit dem Beginne einer längeren Seuchenperiode dortselbst auftrat, und in häufig wiederholten Stößen viele Gebäude niederwarf.

Fünf Jahre darauf, kurz vor Eröffnung der Feindseligkeiten im peloponnesischen Kriege, 431 — wie es scheint im Frühjahre —, ward Delos, „das unerschütterte Eiland", wieder von einem Erdbeben erschüttert 57, eine Begebenheit, welche, an sich schon auffallend, in jener Zeit allgemeiner Aufregung und Spannung, die damals in Hellas herrschte, und während welcher man sich in allen Städten mit inhaltsschweren Weissagungen und Orakelsprüchen trug, natürlich als ein Vorzeichen großer Ereignisse aufgenommen wurde 58.

Das Jahr 428 (427) war im Römischen Gebiete ausgezeichnet durch eine ungewöhnliche Dürre. Kein Regen tränkte die schmachtenden Fluren, es versiegten Quellen und Bäche, während zu gleicher Zeit Stadt und Land nach mehrjähriger Ruhe einen nochmaligen Seuchenanfall zu bestehen hatte 59.

Im folgenden Jahre sodann, 427, im Spätherbste, während eines nochmaligen Auftretens der attischen Pest, zahlreiche Erdbeben, die ihre Erschütterungskreise über den östlichen Theil von Mittelgriechenland zogen. Unter den betroffenen Gegenden macht Thukydides 60 Athen, Euboia, Boiotien und in letzterem Lande vorzugsweise die Stadt Orchomenos namhaft. Daß diese tellurischen Revolutionen bedeutend gewesen sein müssen, zeigt schon der Umstand, daß der Berichterstatter, ohne sich auf eine nähere Schilderung einzulassen, für genügend erachtet, auf dieselben als auf allbekannte, in der Erinnerung der Zeitgenossen noch in voller Kraft fortlebende Ereignisse hinzuweisen (εγενοντο δε και πολλοι τοτε σεισμοι της κ. τ. λ).

Im Sommer des nächsten Jahres 426 traten aufs Neue zahlreiche Erderschütterungen und in ihrem Gefolge große neptunische Revolutionen auf, deren erweitertes Gebiet sich diesmal südlich bis in die Peloponnesos und nördlich bis auf die Inseln an der Ostküste Thessaliens erstreckte 61. Die Peloponnesier — erzählt Thukydides —, welche einen Einfall nach Attika beabsichtigten, waren schon bis an den Isthmos gekommen, als sie durch häufige Erdbeben (offenbar in der Gegend wo sie standen) erschreckt, umkehrten und den ganzen Zug aufgäben. Zur selben Zeit, während die Erschütterungen noch allerwärts anhielten, zog sich bei Orobiai, einer am Euripos gelegenen Stadt von Euboia, das Meer von der Küste zurück, und überschwemmte darauf, mit gewaltiger Fluth wiederkehrend, einen Theil der Stadt mit solcher Schnelligkeit, daß die Bewohner kaum noch auf die Höhen sich retten konnten, und manche in den Wogen ihr Grab fanden. Eine Strecke der Küste war vom Meere hinweggerissen worden. Ein ähnlicher Meereseinbruch geschah in derselben Meerenge auf der Insel Atalante an der Küste der Opuntischen Lokrer, durch welchen, außer sonstigen Beschädigungen, ein Stück von dem dortigen athenischen Befestigungswerke abgerissen ward 62. Ein heftiges Zurücktreten des Meeres, jedoch ohne nachfolgendes Ueberfluthen, ward auch bei der Insel Peparethos 63 an der Ostküste von Thessalien beobachtet, und die Insel selbst durch ein Erdbeben erschüttert, welches in der gleichnamigen Stadt auf derselben mancherlei Zerstörungen an den Stadtmauern und Gebäuden anrichtete. Daß diese sämmtlichen neptunischen Störungen mit den tellurischen Revolutionen in unmittelbarem Zusammenhange standen, hat schon Thukydides ohne Zweifel ganz richtig vermuthet 64.

Gegen Anfang des Frühlings 425 ergoß der Aetna einen Lavastrom, der eine beträchtliche Strecke des Gefildes von Katane verheerte 65, während zugleich ein heftiges Erdbeben Sicilien erschütterte 66.

Im Frühlinge von 424, einige Tage nach der Sonnenfinsterniß dieses Jahres 67, erfolgte wieder ein Erdbeben 68. Eine Angabe des Ortes fehlt zwar; jedoch die von Thukydides beigesetzte, dem attischen Kalender entnommene Zeitbestimmung läßt vermuthen, das; dasselbe in Athen selbst, der Vaterstadt des Geschichtsschreibers, oder in der Umgegend vorfiel.

Im Sommer des Jahres 420 wurde zu Athen eine Volksversammlung, in der ein Bündniß mit den Argeiern geschlossen werden sollte, in Folge eines dazwischen eingetretenen Erdbebens, wie Gebrauch bei solchen und ähnlichen Natur-Erscheinungen, noch bevor ein endgültiger Beschluß gefaßt worden war, vertagt 69.

In gleicher Weise ward bald darauf, noch im nämlichen Sommer, zu Korinthos ein Congreβ von Abgeordneten verschiedener hellenischen Staaten aus Anlaß eines Erdbebens aufgelöst, und die Gesandten gingen, noch ehe die Verhandlungen zu einem Resultate geführt hatten, auseinander 70.

Einige Jahre später — um 416 — wurde der Sparterkönig Agis, welcher in Elis einzufallen gedachte, und bereits bis Olympia und an den Alpheios gekommen war, durch ein Erdbeben zum Rückzuge bestimmt 71.

Ebenso veranlasste zwei Jahre darauf (im Frühlinge 414), als die Lakedaimonier einen Zug wider Argos unternahmen, und bereits bis zu der aegeischen Stadt Kleonai vorgedrungen waren, ein Erdbeben in dieser Gegend dieselben zum Rückzuge 72.

Gegen Ende des Winters von 412 wieder eine Erderschütterung zu Sparta, in Folge dessen ein vorher gefaßter Beschluß der Spartaner, über die den Bewohnern von Chios und Erythrai zu sendende Unterstützung an Schiffen, aus religiösem Bedenken in mehrfacher Beziehung abgeändert wird 73.

b) Die Seuchen.

1) In Thrakien, auf Thasos und in Makedonien, vielleicht um 436 oder etwas früher.


Aus den als unzweifelhaft ächt anerkannten Büchern I. und III. des griechischen Arztes Hippokrates über „Landseuchen" (επιδημιων) geht hervor, daß derselbe längere Zeit als ausübender Arzt im Norden von Hellas sich aufgehalten und unter anderem auch über Gang und Wesen dort herrschender Epidemien Beobachtungen angestellt habe. Er bezeichnet selbst die thrakischen Städte Datos, Doriskos, Kardia, Abdera, ferner die an der Küste gelegene Insel Thasos, endlich die makedonischen Städte Pella, Olynthos und Akanthos als Schauplätze seiner Beobachtungen und feiner ärztlichen Thätigkeit 74.

So sicher nun auch feststeht, daß Hippokrates schon frühe weite Reisen bis nach den Gegenden nördlich und östlich vom Pontos Eureinos unternommen, auch in Thrakien und Makedonien längere Zeit gelebt, so wenig läßt sich anderseits über den Gang und die Reihenfolge dieser Reisen, oder über die Zeit, wann er die einzelnen Punkte berührt und wie lange er an denselben geblieben, etwas Sicheres ermitteln. Daß jedoch sein Aufenthalt in den oben erwähnten thrakischen und makedonischen Städten und auf der Insel Thasos, und somit auch das Auftreten der von ihm dort beobachteten Epidemien höchst wahrscheinlich um einige Jahre früher als der Ausbruch der attischen Pest, und muthmaßlich um oder kurz vor 436 zu setzen sei, dürfte sich aus folgenden Erwägungen ergeben:

1) Daß die Epidemie in den vorerwähnten Ländern gleichzeitig mit der attischen Pest von 430 aufgetreten sei, somit also dem nämlichen Seuchenzuge angehört habe 74, ist aus dem Grunde nicht wahrscheinlich, weil Thukydides an den Stellen, wo er von dem Gange dieses Seuchenzuges spricht und jeden der drei Aeste, in die er sich nach seinem Austritte aus Aegypten spaltete, näher verfolgt (II. 38 und 54), von einem Weiterdringen dieser Epidemie nach den oben genannten Ländern nichts erwähnt. Hätte wirklich der mittlere Ast, der Attika verheerte, und, wie man aus der Darstellung dieses Schriftstellers schließen muß, in diesem Lande auch sein Ziel fand, sich nach dem Norden weiter fortgesetzt, so ist ein genügender Grund, warum Thukydides dies unerwähnt gelassen, nicht abzusehen; so gut, wie von dem Eindringen der Pestseuche von 430 in die Länder der persischen Monarchie und nach der Nordküste von Afrika, hätte er auch von einem Vordringen derselben nach Makedonien sc. Kenntniß erhalten müssen; der Einwand aber, daß Thukydides die in Rede stehenden nordhellenischen Seuchen überhaupt nirgends erwähnt, und dies aus dem Grunde gethan haben werde, weil dieselben auf den Gang der von ihm zu schildernden Begebenheiten keinen Einfluß übten, ist gewiß nicht stichhaltig. Dagegen erklärt sich das Stillschweigen des Schriftstellers über dieselben viel leichter, wenn sie mit dem großen Seuchenzuge von 430 nicht in Zusammenhang standen, und namentlich wenn sie einige Jahre vor dem peloponnesischen Kriege, dem eigentlichen Gegenstande seiner Darstellung aufgetreten waren. Auch Häfer (Gesch. d. epid. Krankh. p. 15) erklärt es für zweifelhaft, ob die von Hippokrates im III. Buche der Landseuchen geschilderten Krankheiten der Zeit nach mit der attischen Seuche zusammenfallen 76.

2) Die Annahme, daß die makedonisch-thrakische Epidemie erst nach der attischen Seuche aufgetreten sei, würde — abgesehen davon, daß hiefür gar keine Anhaltspunkte sich finden — noch weiter die mißliche Folge haben, daß dann die Abfassung der ächten Bücher des Hippokrates über die Landseuchen in eine ziemlich späte Lebensperiode des Verfassers herabgerückt werden müßten, gegen die übereinstimmende Ansicht der neueren Kritik, welche jene Schriften für eines seiner ersten Werke hält und einem früheren Lebensalter desselben zuschreibt 77.

3) Es dürfte demnach nur die Annahme übrig bleiben, daß die fraglichen Seuchen-Erscheinungen der attischen Pest vorausgingen. Hiefür aber scheint zunächst folgender Umstand zu sprechen. In den angeblichen Briefen von und an Hippokrates findet sich die Nachricht, daß derselbe zur Zeit der attischen Pest nach Athen berufen und wegen seines ersprießlichen Wirkens daselbst durch öffentliche Anerkennung ausgezeichnet worden sei 78. Obwohl nun in der Frage über die Aechtheit dieses Briefwechsels die neuere Kritik ein entschiedenes Verwerfungs-Urtheil gesprochen hat 79, so ist doch anzunehmen, daß der spätere Gelehrte, der diese Briefe schmiedete, wenigstens so vorsichtig werde gewesen sein, keine Nachrichten zu geben, die von vorneherein schon als unwahrscheinlich sich darstellen mußten. Glaubwürdig aber war jene Berufung des Hippokrates nach Athen — und daß jedenfalls an eine ärztliche Thätigkeit desselben zu Athen in der Zeit der großen Pest wirklich im späteren Alterthum geglaubt wurde, ergibt sich aus mehreren Zeugnissen 80 — doch nur dann, wenn seine Tüchtigkeit in Behandlung epidemischer Krankheiten schon anderswo sich bewährt hatte. Man muß demnach im Alterthum jene nordhellenischen Seuchen der Zeit nach für früher als die attische Pest gehalten haben.

4) Die oben ausgesprochene Vermuthung aber, daß selbe um 436 zu setzen sein möchten, dürfte dadurch gerechtfertigt erscheinen, weil in dem genannten Jahre die mehrjährige große Epidemie zu Rom und in der näheren und ferneren Umgegend beginnt, für deren Zusammenhang mit den Seuchen im Norden von Hellas eine in der Biographie des Hippokrates 81 enthaltene, auch von Plinius 82 theilweise bestätigte Notiz von einer Pest in Paionien und Illyrien ein gewichtiges Zeugniß liefern dürfte. Allerdings fehlt in jener Notiz eine nähere Zeit-Angabe; aber nach dem constanten Gange aller großen Epidemien darf man gewiß mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, daß von Makedonien und Thrakien aus die Seuchen sich in jene westlichen Nachbarländer und von da nach Italien mögen verbreitet haben.

5) Bei der Annahme des Jahres 436 oder 437 für die mehrerwähnten Epidemien würde man sich auch mit den allgemeinen Aufstellungen über die Zeit der Abfassung des III. Buches von den Landseuchen in voller Übereinstimmung befinden. Wenn Hippokrates, nach der Berechnung von Petersen 83, um 475 geboren ist, so wäre er bei der Abfassung dieses Werkes etwa im 39. oder 40. Lebensjahre gestanden, einem Alter, das, wie es einerseits für schriftstellerische Thätigkeit immer noch ein frühes zu nennen ist, anderseits jene nur durch längere Erfahrung zu gewinnende Reise des Geistes, wie sie namentlich dem Schriftsteller in einer empirischen Wissenschaft unerläßlich ist, nicht ausschließt. Die Frage endlich, die allenfalls der obigen Annahme entgegen gehalten werden könnte, warum Thukyd. II. 47) bei Erwähnung der gleichfalls vor der attischen Pest aufgetretenen lemnischen Seuche nicht auch jener nordhellenischen Epidemie gedacht habe, dürfte sich dahin beantworten lassen, daß der Schriftsteller letztere vielleicht nicht für gleicher Natur mit der attischen Pest gehalten habe, als wofür er offenbar die lemnische ansah.

Die Art und Natur der von Hippokrates oben bezeichneten Krankheiten betreffend, so zerfielen dieselben nach dem Urtheile eines Fachmannes — Kraus 85 — in zwei nach ihrem Wesen und Verlaufe verschiedene Gruppen. Die erstere bildeten die von Hippokrates im 1. Buche von den Landseuchen beschriebenen hitzigen, mit heftigen Delirien verbundenen Fieber, die derselbe auf Thasos und einigen benachbarten Inseln und Städten beobachtete und von welchen Kraus annimmt, daß sie nach den von Hippokrates geschilderten Symptomen mit dem typhus communis der neueren Pathologie zusammenfielen. Von diesen wesentlich verschieden seien die im 3. Buche des genannten Werkes geschilderten Krankheitsfälle, welche die zweite Gruppe ausmachten; diese seien als eine eigentliche Epidemie anzusehen, in deren Natur und Charakter, obgleich Hippokrates dieselben nur von allgemeinen Ursachen, insbesondere von atmosphärischen und Witterungsverhältnissen ableite, doch bestimmte Anzeichen auf ausländischen Ursprung hinwiesen. Es sei aber wahrscheinlich, daß die Krankheiten der ersten Gruppe jener eigentlichen Epidemie vorausgegangen seien, gleich wie die orientalische Pest in Europa häufig bösartige nervöse Fieber zu Vorläufern gehabt habe. Hiebei wird beispielsweise auf die ganz gleiche Erscheinung in der Pest des Jahres 1665 zu London — Sydenham opera omnia, sect. III. Lond. 1695 — hingewiesen. Von den Krankheits-Erscheinungen der letzteren Gruppe aber sucht Kraus 85 nachzuweisen, daß sie dem Grundcharakter nach für eine und dieselbe Krankheits-Form mit der attischen Pest zu halten seien. Die von Hippokrates und von Thukydides angeführten Krankheits-Symptome stimmten in den wesentlichsten Punkten überein; und wenn einzelne der von Hippokrates beobachteten Erscheinungen — wie z. B. die Anschwellungen (φυσηματα) in der Weichgegend — von Thukydides nicht erwähnt werden, so seien sie von dem Letzteren vielleicht absichtlich, als nicht wesentlich, bei der Schilderung weggelassen worden, wie denn Thukydides selbst bemerke, er habe, mit Uebergehung mancher ungewöhnlichen Einzelheiten, nur ein Gesammt-Bild der Krankheitserscheinungen geben wollen. Auch hätten ohne Zweifel locale Verhältnisse in Athen — wie namentlich die damalige Ueberfüllung der Stadt — manche Modificationen in den dortigen Erscheinungs-Formen der Seuche bedingt 86; so hätte auch, nach dem Zeugnisse des Verfassers der „history of Great-Britain" Vol. II. pag. 172 ff., zu London vor dem Jahre des großen Brandes 1666 in der eng zusammengebauten, dicht bevölkerten Stadt die Pest einen viel heftigeren Charakter und Verlauf gezeigt, als nach jenem Zeitpunkte, seit welchem die Stadt weitläufiger gebaut wurde.

Endlich, so wie gleiches Wesens, so dürfte die Epidemie im Norden von Hellas nach Kraus auch gleiches Ursprungs mit der attischen Pest zu halten, und als gemeinschaftliches Vaterland beider Africa zu betrachten sein 87, von woher auch wahrscheinlich die obenerwähnte Seuche auf Lemnos und in der Umgegend eingewandert sei 88.

Dies die Ansicht eines Arztes. Der Verfasser, als Laie, beschränkt sich einfach auf das vorstehende kurze Referat derselben und behält sich nur vor, weiter unten einige nahe liegende Wahrscheinlichkeits-Schlüsse bezüglich der römischen Epidemie von 436 (435) ab darauf zu begründen.


2) Die große Epidemie zu Rom und in der Umgegend während der Jahre

436 (435) — 428 (4 27).


Ueber diese mehrjährige Seuche, welche dem Ausbruche der furchtbaren Epidemie zu Athen

um wenige Jahre vorausging, in der letzteren Zeit ihres Verlaufes aber mit der Herrschaft derselben

zusammenfiel, haben sich nur bei einem einzigen Schriftsteller (Livius IV. 21—30), und auch bei diesem nur sehr ungenügende Nachrichten erhalten.

Sie begann im Jahre 436 (435), angekündigt oder begleitet, nach dem Berichte des Römischen Historikers 89 von häufigen Erderschütterungen in der Römischen Landschaft, Schrecken erregenden Erscheinungen 90 und Wunderzeichen. Ihre steigende Macht veranlaßte noch im selben Jahre den Senat, zu religiösen Sühne-Mitteln zu greifen, durch welche in jenen Zeiten noch fast ausschließlich dergleichen Uebel bekämpft zu werden pflegten, und es ward zufolge der heiligen Bücher ein öffentliches Bittfest angeordnet.

Im nächsten Jahre, 435 (434), griff die Seuche mit gesteigerter Heftigkeit um sich 91. Die Stadt erödete unter ihren Verheerungen; es bemächtigte sich der Gemüther eine solche Niedergeschlagenheit, daß nicht nur das bisher nach außen befolgte System aggressiver Politik vor der Hand aufgegeben ward, sondern sogar die abtrünnig gewordenen Einwohner von Fidenä in Verbindung mit einem Heere der etruskischen Stadt Veji ungehindert gegen Rom vordrangen und unfern des Collinischen Thores Stellung nahmen. In dieser Noth schien es erforderlich, einen Dictator zu ernennen, um welchen sich Alles, was noch Kraft hatte, die Waffen zu führen, auf dessen Aufruf schaarte 92. Es gelang demselben, die Feinde in offenem Felde zu schlagen und die drohende Gefahr von Rom glücklich abzuwenden 93.

Auch noch im folgenden Jahre, 434 (433), scheint die Epidemie, wiewohl mit geringerer Heftigkeit, angedauert zu haben, da Livius ihrer nicht gedenkt, ohne gleichwohl das Erlöschen derselben ausdrücklich zu bemerken, wie er sonst wohl zu thun pflegt. Im Jahre 433 (432) aber erreichte sie ihren Höhenpunkt. In der Stadt selbst wie auf dem flachen Lande, unter Menschen und Heerde-Thieren hausete jetzt der Würgengel dieser Seuche mit furchtbaren Verheerungen 94. Da es an rüstigen Armen zur Bestellung der Felder mangelte, fiel die Ernte dieses Jahres bei weitem nicht zureichend aus 95, weshalb, um schlimmen Folgen zu begegnen, Getreide in Etrurien, im Pomptinischen Lande, in Cumä, zuletzt sogar in Sicilien aufgekauft wurde, während zur Linderung der Seuche selbst dem Heilgotte Apollo ein Tempel gelobt und viele andere Sühnemittel nach dem Ausspruche der heiligen Bücher angewendet wurden.

Die Epidemie scheint übrigens in diesem Jahre nicht nur in Rom selbst mit der größten Intensität gewüthet, sondern auch ihren Ansteckungs-Kreis über das Römische Gebiet hinaus verbreitet, und namentlich Etrurien befallen zu haben. Nach dem unglücklichen Ausgange der Kriegsfahrt der Fidenaten und Vejenter wider Rom im Jahre 435 (434) war, wie Livius berichtet 96, ganz Etrurien in Bewegung gekommen, und es hatten auf Andringen der Vejenter und Falisker die Abgeordneten der zwölf Bundesstaaten im Tempel der Voltumna bei Volsinii getagt; die Römer aber hatten in Erwartung eines großen Kampfes ungewöhnliche Rüstungen getroffen und wieder einen Dictator ernannt. Gegen Erwarten aber ward im nächsten Jahre, 434 (433), weder von der Gesammtheit des Bundes, noch von den Vejentern für sich allein etwas unternommen 97; ebenso verfloß das Jahr 433 (432) den Römern ohne Kampf. Sehr nahe liegt daher die Vermuthung, daß die Etrusker, wie die sonstigen Völker, die zu Rom in feindlicher Stellung standen, damals aus dem Grunde Ruhe hielten, weil auch zu ihnen die Epidemie vorgedrungen war 98.

Für diese Vermuthung spricht noch ein weiterer Umstand: unmittelbar nach der Stelle, wo Livius die Abnahme der Seuche in Rom im Jahre 432 (431) berichtet, erfahren wir von ihm, daß in den Landtagen der Volsker und Aequer wieder von kriegerischen Unternehmungen gegen Rom die Rede ist, daß von Seite der etruskischen Bundes-Staaten zu diesem Zwecke im Tempel der Voltumna aufs neue getagt 99, von beiden ersteren Völkerschaften aber der Krieg auch sogleich eröffnet wird 100.

Im Jahre 432 (431) brach sich endlich die Macht der Seuche 1, und es scheint dieselbe in den nachfolgenden Jahren allmählich ganz erloschen zu sein. Aber nach kurzer Ruhe erhob sie sich, gleich der attischen Pest, ehe sie auf längere Zeit ans diesen Gegenden schied, noch einmal im Jahre 428 (427) 2 mit voller Kraft, um auf dem leichenvollen Felde ihrer Ernte eine letzte Nachlese zu halten 3. Ungewöhnliche Dürre herrschte in diesem Jahre, den Wiederausbruch der Seuche begünstigend. Gleich der Epidemie von 463 zeigte sie sich im ersten Stadium ihres Wiederauflebens den Heerde-Thieren verderblich; in weiterer Entwicklung befiel sie die Menschen und zwar zunächst die Landleute und die Sklaven; zuletzt ward auch die Stadt von ihr erfüllt. Daß dieselbe unter großen Verheerungen aufgetreten sein müsse, beweis't der von Livius (IV. 39) berichtete Umstand, daß die Menschen, an der Macht einheimischer Götter verzweifelnd, zu mannigfachen von ausländischen Culten entlehnten Opferbräuchen und Sühnen ihre Zuflucht nahmen, so daß zuletzt der Senat den Aedilen Auftrag geben mußte, strenge darüber zu wachen, daß nur Römische Gottheiten und nach vaterländischer Weise verehrt würden.

Ueber den in jenen Seuchenjahren erlittenen Menschenverlust fehlen, ebenso wie über das Wesen der Krankheit, nähere Nachrichten. Doch darf in ersterer Beziehung nicht unbeachtet bleiben, daß diese Epidemie gleich der von 463 ihre Opfer vorzugsweise unter den kräftigen Männern und Jünglingen sich ersehen zu haben scheint, wie dies theils aus der oben not. 92 schon erwähnten Stelle des Livius zu entnehmen ist, theils noch besonders bei einer andern Gelegenheit (IV. 26) von diesem Schriftsteller bemerkt wird, wo derselbe unter anderen Gründen, weshalb im Jahre 431 (430) der Senat auf die Ernennung eines Dictators drang, mich anführt: „et aliquantum Romanae juventutis morbo absumptum erat."

Anlangend aber die Natur der beiden letzteren großen Epidemien, so dürfte man aus den im Obigen

dargelegten Prämissen — die Richtigkeit oder Wahrscheinlichkeit derselben vorausgesetzt — zu der Vermuthung berechtigt sein, daß sowohl die römische Epidemie von 436 — 428, als wahrscheinliche Fortsetzung der makedonischen und thrakischen Seuchen, deren Natur Kraus im Wesentlichen für identisch mit der attischen hält, als auch die Epidemie zu Rom von 463 — 462, vermöge ihres muthmaßlichen Zusammenhanges mit der lemnischen, welche Thukydides ebenfalls für gleichartig mit der attischen Pest betrachtete, im Großen und Ganzen denselben Grund-Charakter wie die attische Seuche gehabt haben mögen. Innere, aus dem Wesen und den Krankheits-Erscheinungen selbst abzuleitende Gründe für diese Muthmaßung lassen sich, bei dem äußerst mangelhaften Bilde der römischen Epidemien in den Quellen-Schriftstellern, freilich nicht auffinden, wenn man nicht vielleicht jene in der Schilderung der beiden römischen Epidemien vorkommende Andeutung von heftigen Affektionen des Nervensystems, welche ja auch zum Wesen der attischen Pest gehörten, hieher rechnen will. Doch sind bei aller Mangelhaftigkeit der Beschreibungen in der Physiognomie der beiden römischen Epidemien einige übereinstimmende Züge nicht zu verkennen, wie die vorwaltende Richtung beider gegen das Jünglings- und rüstige Mannes-Alter, ferner die successive Aeußerung ihrer Wirkungen erst im Bereiche des niederen, dann des höheren animalischen Lebens.

Doch um den freundlichen Leser aus dem dunklen Bereiche mehr oder minder unsicherer Vermuthungen wieder auf das Feld sicherer Thatsachen zu führen, möge es schließlich gestattet sein, denselben auf eine interessante Erscheinung in der Geschichte der römischen Epidemien dieses Jahrhunderts aufmerksam zu machen. Die am Schlusse angefügte Tabelle weis't aus, daß dieselben von 492—412 in regelmäßigen Zeitabschnitten wie in gleichmäßigen Pulsschlägen — von 10 zu 10 Jahren — über Rom dahingegangen, und daß diese Pulsschläge nur dreimal aussetzten. Denn auch das Jahr 412 (411) ist nach Livius (IV. 52) noch einmal durch eine Epidemie bezeichnet, die zwar nicht sehr bösartig war, aber durch zahlreiche Erkrankungen sich bemerkbar machte. Die Jahre 492, 472, 462, 452, 432, 4l2 waren Seuchen-Jahre; nur die Jahre 482, 442, 422 erscheinen von Epidemien frei.


3) Die sogenannte attische Pest während der Jahre 430— 427/426 incl.


Unter allen Epidemien des Alterthums ist keine so allgemein bekannt, als die attische Pest in den ersten Jahren des peloponnesischen Krieges. Sie verdankt diese Notorietät ohne Zweifel theils dem Griffel eines der tüchtigsten Meister der historischen Kunst, theils dem Umstande, daß sie in die Zeit jener schweren Krisis für Athen fiel, und daß zu ihren zahlreichen Opfern auch der Mann gehörte, der, wie er seine Vaterstadt durch seine staatsmännische Einsicht ans die Sonnenhöhe ihres Glanzes und ihrer politischen Bedeutsamkeit emporgehoben hatte, so auch bei längerem Leben höchst wahrscheinlich jenen verhängnißvollen Krieg zu einem ganz anderen Ausgange für Athen geführt haben würde.

Aus dem, was Thukydides, welcher bekanntlich diese herbe Zeit Athens im vollen Sinne des Wortes durchlebte 4, von den äußern Erscheinungen der erwähnten Epidemie, von dem Gange ihrer Verbreitung und den damaligen Zuständen in Athen in seinem ausführlichen Berichte aufgezeichnet hat 5, ergibt sich im Wesentlichen Folgendes.


a) Ursprung und Verbreitungsgang der Seuche.


Die Pest soll 6 ihren Ursprung im Lande Aethiopien, südlich von Aegypten, genommen haben; von hier verbreitete sie sich, dem Laufe des Nils folgend, über Aegypten, und theilte sich sodann auf ihrer weiteren Bahn in drei Arme 7, von denen der eine westwärts zur Nordküste Africa's sich wendete, der zweite ostwärts in die Länder des westlichen Asiens eindrang, während der mittlere in nördlicher Richtung sprungweise 8 und ohne Berührung der dazwischen liegenden Eilande Mittel-Griechenland erfaßte, um vorzugsweise Attika zum Schauplatze seiner mörderischen Wuth zu machen. Der zuerst ergriffene Punkt war hier — nach einer in dem Ausbreitungs-Gange aller großen Epidemien stetig wiederkehrenden Eigentümlichkeit — ein Küsten-Platz, der Peiraieus, Athens prachtvolle Hafenstadt. Später brach sie in der höher gelegenen Stadt Athen selbst („ή ανω πολις") aus und entfaltete hier erst alle Schrecken ihrer furchtbaren Macht. Doch blieb sie nicht auf die Hauptstadt des attischen Landes beschränkt, sondern ergriff von hier aus auch die bevölkertsten der übrigen Plätze, begleitete die athenischen Schiffsmannschaften auf ihren Expeditionen unter Perikles nach verschiedenen Punkten der peloponnesischen Küste, und ward auch mit einer neugesendeten Verstärkung unter Hagnon und Kleopompos in das athenische Feldlager vor Potidaia verschleppt 9.


d) Aeußeres und inneres Krankheits-Gebiet.


Damit ist zugleich das äußere Gebiet der Seuche angedeutet, welches das Nilthal, einen Theil des Nordküste Africa's, dann des westlichen Asiens („den größeren Theil der Länder des Großkönigs", Thuk. II. 48), und in Europa vorzüglich die hellenische Landschaft Attika, sowie einen Theil der Apenninen-Halbinsel umfaßte, wenn anders die im vorigen Abschnitte geschilderte italische Epidemie, deren letzter Ausbruch mit der Periode der attischen Pest zusammenfällt, dem Wesen nach von gleicher Natur mit dieser letzteren war. Daß der Peloponnes, trotz der mannigfachen feindlichen Berührungen, in welchen die Peloponnesier mit den Athenern kamen, von der attischen Pest — einige unerhebliche Fälle abgerechnet — nicht berührt wurde, wird von Thukydides ausdrücklich hervorgehoben 10.

Was das innere Gebiet der Krankheit betrifft, so erlitt die Ausbreitung ihrer Herrschaft weder durch die individuelle Verschiedenheit der Menschen, noch durch äußere Umstände und Verhältnisse irgendwelche Beschränkung; es verfielen ihren Angriffen starke Constitutionen so gut, wie schwache; man starb bei der sorgfältigsten Pflege nicht minder, als bei gänzlichem Mangel derselben 11. Nirgends findet sich eine Andeutung, daß irgend ein Alter oder Geschlecht, irgend ein Stand oder eine Beschäftigungsweise vor ihrem Anfalle oder wenigstens vor einem tödtlichen Ausgange desselben einigen Schutz gewährte.

c) Dauer der Epidemie.


Die Seuche trat in Athen zuerst im Frühlinge des Jahres 430 v. Chr. auf und wüthete in diesem und im folgenden Jahre 429 dortselbst mit voller Kraft, nur daß sie — wenigstens nach der Art und Weise,

wie Plutarchos 12 den Krankheitsverlauf bei Perikles schildert — gegen das Ende des zweiten Jahres in einzelnen Fallen einen minder acuten, mehr schleichenden und langsam aufreibenden Charakter angenommen haben mag; noch im ersten Jahre verbreitete sie sich in das athenische Feldlager vor Potidaia und brach auch unter den nach dem Peloponnes segelnden Expeditions-Mannschaften aus. Hierauf trat während der Jahre 428 und 427 einiger Nachlaß ein, ohne daß jedoch das Uebel gänzlich erlosch. Schon mochte die durch Krieg und Seuche schwer heimgesuchte Bevölkerung Athens der Hoffnung sich hingeben, von dem Einen Feinde wenigstens in Kurzem ohne größere Opfer erlös't zu sein. Diese Hoffnung wurde bitter getäuscht. Nach kurzer Rast erhob sich im Spätherbste des Jahres 427 — nach der gewöhnlichen Weise der großen Epidemien — die attische Pest mit erneuter Heftigkeit, während zugleich zahlreiche Erderschütterungen theils Athen selbst, theils Euboia und Böotien betrafen, und hausete, zahlreiche Opfer abfordernd, noch ein volles Jahr, bis zum Spätherbste 426 über Athen 13. Kurz vorher hatte auch die seit 436 (435) über Rom wüthende Epidemie nach einigen Ruhejahren ihre Kraft noch einmal zu einem letzten Angriffe zusammengerafft. Nach dem Jahre 426 geschieht der attischen Pest nicht mehr Erwähnung, und es scheint dieselbe von da ab erloschen zu sein.


d) Symptome und Krankheitsbild.


Fragt man nach den äußeren Erscheinungen und Symptomen der Seuche, so ergibt sich aus der sehr eingehenden Schilderung des Thukydides — der ältesten genaueren Beschreibung einer Pestseuche durch einen Augenzeugen und zugleich Selbsterkrankten, die auf uns gekommen ist — etwa folgendes Krankheits-Bild.

Die Seuche, welche ihre Opfer mit plötzlichem Angriffe und ohne alle merkbaren Vorzeichen 14 befiel, begann mit einem starken Blutandrange nach dem Kopfe, der sich durch heftige Fieberhitze in demselben, durch Rothe und Entzündung der Augen, dann des Schlundes und der Zunge (vielleicht des Hinteren Zungen-Randes?) ankündigte; zu letzteren Symptomen gesellten sich bald übelriechender Athem, Niesreiz und Heiserkeit, als Anzeichen von eingetretener Entzündung der Schleimhäute der Nase und der Kehle. Auf dieses erste Stadium erfolgte nach kurzer Frist ein zweites, in welchem das Uebel in die Brusthöhle sich verbreitete und die Respirations-Organe ergriff, von deren Entzündung ein heftiger Husten Zeugniß gab. Im dritten Stadium, wo der fortschreitende Gang der Krankheit den Magen erreichte, erfolgten Uebelkeiten, heftige und äußerst schmerzhafte gallichte Erbrechungen, zu denen bei dem größeren Theile der Kranken — wie Kraus 15 vermuthet, als Folge theils des Reizes der scharfen gallichten Ergießungen auf die Mägenwände, theils der plötzlichen Leere nach dem heftigen Erbrechen — erfolglose Brech-Anstrengungen (λυγξ κενη "leerer Schlucken") mit furchtbaren Convulsionen sich gesellten. Diese letzteren verloren sich manchmal erst lange nach überstandener Krankheit 16. Es erreichte aber die Macht der Krankheit, wie es scheint, in diesem Stadium ihren höchsten Grad, durch die zunehmende Entzündung innerer Organe und die Intensität des damit verbundenen Fiebers. So furchtbar war die innere Gluth, daß die Kranken auch nicht die leichteste Hülle ertragen mochten, so schrecklich die Qual des unlöschbaren Durstes, daß sie sich am liebsten in kaltes Wasser gestürzt hätten, und Viele wirklich in unbewachten Augenblicken den nächsten Cisternen zueilten 17. Die peinlichste Unruhe und Schlaflosigkeit folterte die Leidenden und verzehrte alle Kräfte. In dem Maße als die Heftigkeit der inneren Entzündung sich steigerte, zog sich alle Lebenskraft von den äußeren Theilen nach dem Innern zurück. Die Hautoberfläche zeigte daher nicht die erhöhte Temperatur oder die fahle Blässe, wie bei gewöhnlichen fiebern, sondern erschien röthlich, dunkelgefärbt und mit einem Exanthem von schwarzen Pusteln und Geschwürchen bedeckt, einem schwachen aber erfolglosen Heilbestreben der Natur, den Krankheitsstoff aus dem Körper unschädlich nach Außen abzuleiten.

Gewöhnlich trat in diesem Stadium am 9. oder 7. Tage des ganzen Krankheits-Verlaufes die Krisis ein, bei den Meisten zum Tode, der noch vor völliger Aufzehrung der Kräfte unerwartet (wahrscheinlich in Folge der zum Brande gesteigerten Entzündung edler Organe) erfolgte, bei denen aber, die sie überstanden, zur Dysenterie. Denn in dem nun beginnenden vierten Stadium, dem der Nachkrankheit, ergriff das Uebel die Unterleibshöhle und erzeugte in den Gedärmen Geschwüre (Ulcerationen) und unhemmbaren Durchfall, so daß hier noch die Meisten aus Entkräftung erlagen. Ja, wenn alle diese Gefahren und Leiden überstanden waren, warf sich das Uebel häufig noch auf die auβersten Theile der Ertremitäten, oder auf die Genitalien, oder die Augen, so daß also die zerstörende Gewalt der furchtbaren Krankheit nicht selten den ganzen Körper, vom Haupte bis zu den Fingern und Zehen, durchzog. In dem letzterwähnten Falle pflegten die ergriffenen Gliedmassen, wahrscheinlich in Folge brandiger Entzündung, allmählig eiternd abzufaulen, und so mußten Viele das gerettete Leben noch mit dem Verluste des einen oder anderen Gliedes oder der Augen bezahlen 18.


e) Sonstige bemerkenswerthen Eigenthümlichkeiten.


Zur Vervollständigung des Gesammtbildes dieser Krankheit mögen noch folgende einzelnen Züge dienen, die uns Thukydides aufbewahrt hat.

1) Vor dem Auftreten der Krankheit war in Athen der Gesundheits-Stand ein ungewöhnlich günstiger gewesen. Bei den Wenigen, die zur Zeit des Pestausbruches an anderen Krankheiten darniederlagen, ging — wie bei Epidemien gewöhnlich — die mildere Krankheitsform in die Natur der Seuche über, die auch während der Zeit ihrer Herrschaft keine andere der sonst gewöhnlichen Krankheitsformen neben sich bestehen ließ 19.

2) Wer die Krankheit überstanden hatte, blieb zwar nicht gegen einen neuen Anfall derselben, wohl aber in der Regel gegen einen tödtlichen Ausgang gesichert.20.

3) Als die schrecklichste Erscheinung in der ganzen Krankheit bezeichnet Thukydides die gänzliche Mutlosigkeit und Verzweiflung, die sich der Kranken gleich von dem ersten Gefühle ihrer Erkrankung an bemächtigte, so daß sie sich von vorne herein aufgaben, und die noch kämpfende Lebenskraft ohne Unterstützung durch einen moralischen Widerstand blieb 20.

4) Eben so eigenthümlich ist der Umstand, daß bei Einigen unmittelbar nach der Genesung ein so gänzlicher Verlust des Gedächtnisses sich einstellte, daß sie weder sich noch ihre Angehörigen mehr zu erkennen vermochten 21.

Letztere beiden Erscheinungen auf dem Gebiete des psychischen und des Geisteslebens mögen wohl ihren Grund in einer heftigen Affection des Nervensystems gehabt haben, und demnach zu der Annahme berechtigen, daß auch das letztere von der Macht der Krankheit ergriffen oder jedenfalls in Mitleidenschaft gezogen wurde.


f) Ansteckbarkeit.


So schildert Thukydides im Wesentlichen den Verlauf und die Symptome dieser Epidemie, die schon bei ihrem ersten Austreten im Peiraieus mit solcher Schnelligkeit unter der dortigen Bewohnerschaft um sich griff, daß sich die Sage verbreitete, die Peloponnesier, welche einige Tage vorher verheerend in das attische Gebiet eingefallen waren und dasselbe noch nicht verlassen hatten 23, hätten Gift in die offenen Cisternen geworfen; denn verschlossene Quell-Brunnen gab es dort noch nicht 24. Auch in manchen anderen Bemerkungen bei Thukydides wird der ungewöhnlichen Ansteckbarkeit der Krankheit gedacht. Die Menschen, sagt er (II. 51), starben dahin, wie die Schafe einer Heerde, einer von dem Verkehre mit dem andern angesteckt. Während man bei anderen Epidemien die Bemerkung machte, daß Aerzte und Krankenwärter von der Krankheit nicht ergriffen wurden, oder doch wenigstens der Gefahr der Ansteckung minder ausgesetzt waren 25, erlagen hier die Aerzte gleich als die ersten Opfer ihres schweren Berufes 26. Ja selbst auf Thiere ging das tödtliche Gift der Ansteckung über. Die Raubvögel, die sich vom Aase nähren, enthielten sich theils aus Instinct der zahllosen Menge unbeerdigter Leichname, theils, wenn sie denselben überwanden, verendeten sie an dem Fraße 27. Dies bewies die ausfallend geringe Zahl solcher Vögel, die damals bei Leichen oder sonst überhaupt zu sehen war; noch bestimmter waren diese Wirkungen der Ansteckung an den Hunden zu bemerken, da diese aus der Nähe der Menschen sich nicht zu entfernen pflegen. Selbstverständlich kennt Thukydides nur Eine Art der Ansteckung, die durch unmittelbare Berührung (Contagium) der Erkrankten und ihrer Atmosphäre erzeugte; aber daß man damals schon eine dunkle Ahnung davon hatte, es könne eine so rasche und allgemeine Verbreitung der Krankheit unmöglich durch Berührung allein — die bei Vielen der Erkrankten gewiß gar nicht Statt gefunden hatte — bewirkt worden sein, sondern es müsse dieselbe nothwendig in der Alterirung eines zur Erhaltung des menschlichen Organismus überhaupt unentbehrlichen Mediums, in der Vergiftung eines Lebens-Elementes ihren Grund gehabt haben, beweist offenbar jener merkwürdige Wahnglaube von der Brunnenvergiftung durch die Peloponnesier. Man irrte nur darin, daß man nicht in der atmosphärischen Luft, die von den Ausdünstungen der Kranken und Todten mit giftigen Miasmen erfüllt, vielleicht auch in Folge tellurischer Störungen mit schädlichen Dünsten inficirt war 28, den Hauptfactor und Träger der Ansteckung vermuthete, sondern in dem Trinkwasser und dessen künstlicher Vergiftung durch Menschenhand. Auf diese Weise wird es erklärlich, wie um viele Jahrhunderte später und bei ganz verschiedenen Völkern, bei gleichen Veranlassungen, derselbe oder ein ähnlicher Wahnglaube auftauchen konnte. Wie hier die Peloponnesier, denen die wilde Verbitterung der Gemüther in diesem Kriege und der nationale Haß eine solche schmachvolle und barbarische Weise der Kriegführung wohl zutrauen zu dürfen glaubte, durch das Gerücht als die Urheber dieses Unheils durch Vergiftung der Brunnen bezeichnet wurden, und der Umstand, daß der Peloponnes von der Krankheit so gut wie ganz verschont blieb, diesem Wahne auch später noch bei Vielen Glauben verschaffen mochte, so wurden in ähnlicher Weise ein Jahrhundert später zu Rom, als im Jahre 331 v. Chr. eine Epidemie vorzugsweise, wie es scheint, unter den Männern herrschte und zahlreiche Opfer ans den höheren Ständen hinraffte, die Römischen Matronen der Giftmischerei bezüchtigt, ja auf die angebliche Entdeckung eines weitverzweigten Complottes unter denselben zur Vergiftung ihrer Männer sogar ein gerichtliches Verfahren wider sie eingeleitet, und an 170 dieser Unglücklichen hingerichtet 29. Das merkwürdigste Seitenstück aber zu jenem Wahnglauben in der attischen Pest bietet im 14. Jahrhunderte nach Christus, während der Schreckenszeit des schwarzen Todes, der allgemein verbreitete Glaube einer Brunnenvergiftung durch die Juden zur Ausrottung der Christen, welcher, ähnlich wie dort, durch die — auch in spätern Epidemien häufig gemachte — Wahrnehmung bestärkt werden mochte, daß die Juden von der Pest verhältnißmäßig weniger zu leiden Hatten 30. Gegen Einzelne derselben wurde förmliche Untersuchung, wie gegen jene römischen Matronen, mit peinlichem Verhöre, eingeleitet 31, in der Regel aber gegen die Unglücklichen eine barbarische Volksjustiz geübt, und zahlreiche Städte Deutschlands und Frankreichs befleckten sich damals mit den Gräueln einer wüthenden Judenverfolgung. Einen deutlichen Beweis aber für die oben ausgesprochene Ansicht, daß sich in dem Volksglauben von der Vergiftung des Wassers, als eines unentbehrlichen Lebens-Elementes, eine dunkle Vorahnung von der Verbreitung der Seuchen durch die Alterirung und Infection der Luft (also auf miasmatischem Wege) ankündigte, liefert die Thatsache, daß beim schwarzen Tode wirklich auch von einer Vergiftung der Luft die Rede ist, deren die Juden neben der Brunnenvergiftung bezichtigt werden 32.


g) Befördernde Umstände.


Verschiedene Umstände begünstigten theils den Ausbruch der Seuche, theils erhöhten sie ihre schrecklichen Wirkungen. Als solche sind aufzuführen:

1) Die große Dürre und Hungersnoth, die nach dem Berichte des Thukydides (l. 23) an einzelnen Orten der Epidemie vorangegangen waren.

2) Die Ueberfüllung der Stadt Athen. Man hatte nämlich kurz vor dem Ausbruche der Pest, als die Peloponnesier das flache Land verheerten, einer großen Zahl flüchtiger Landleute sammt ihren Heerden — wie Plutarch berichtet 33, auf den Rath des Perikles — Aufnahme theils in die Stadt selbst, theils in den durch die sogenannten langen Mauern befestigten Raum zwischen der Stadt und dem Peiraieus gewährt. Indem diese während der heißen Jahreszeit in erstickend engen, für das augenblickliche Bedürfnis; schnell errichteten Baracken, dicht zusammengedrängt wohnten, ward die Macht der Ansteckung und damit die Wuth der Seuche selbst gesteigert. Doch würde man die Bedeutung dieses Umstandes, jedenfalls überschätzen, wollte man in demselben mehr als ein bloßes Beförderungsmittel, und, wie dies verschiedentlich in alter 34 und neuer Zeit 35, ja schon während der Pest selbst von einer gegen Perikles entstandenen Oppositionspartei geschehen ist 36, sogar die eigentliche Ursache der Epidemie erblicken, während letztere doch schon vorher im Nilthale aufgetreten war. Dazu kam

3) später bei der gesteigerten Intensität der Krankheit die große Menge von Leichen, die unbestattet in Häusern und Tempeln, ans den Straßen und an den Brunnen lagen, und deren verpestende Ausdünstungen der Seuche wieder neue Nahrung zuführten 37

Außerdem werden von Diodor 38 an der Stelle, wo er den Wiederausbruch der Krankheit (im Jahre 427) berichtet, als einflußreiche Umstände hiebei aufgeführt: a) die ungewöhnliche Nässe des vorausgegangenen Winters, welche zur Folge gehabt habe, daß an vielen Orten, namentlich in muldenförmigen Niederungen Sümpfe sich bildeten, aus denen dann unter dem Einflusse der Sommerhitze verpestende Nebel sich entwickelten; b) eine Mißärnte in diesem Jahre in Folge des ersteren Umstandes, und daraus entstandener Mangel; c) das Ausbleiben der Passatwinde (ενησιαι) im Sommer kurz vor dem Ausbruche der Epidemie. Diese pflegten regelmäßig um die Zeit der Hundstage auf dem ägäischen Meere und in den Küstenländern gegen 40 Tage von Norden her zu wehen und durch ihren erfrischenden Hauch die unerträgliche Gluth eines südlichen Sommers zu mildern. Letzterem Umstande schreibt Diodor namentlich die Intensität der Fieberhitze bei den Kranken, zu. Der historische Werth dieser Angaben übrigens ist, wie der Verfasser glaubt, vielfach überschätzt worden. Man vermißt vor Allem eine genauere Bezeichnung der Zeit. Sollen die gemeldeten Witterungsverhältnisse vor dem ersten Pest-Ausbruche Statt gefunden haben, so befindet sich Diodor nicht nur mit Thukydides, der von denselben nichts weiß, ja in Athen selbst um diese Zeit den Gesundheitsstand als ungewöhnlich günstig angibt und von einzelnen Orten sogar große Dürre berichtet, sondern mit sich selbst in Widerspruch, da er kurz vorher (c. 45) die Ueberfüllung Athens als Ursache der Krankheit bezeichnete. Sind aber jene Angaben von der Zeit vor dem zweiten Ausbruche zu verstehen, so steht denselben wieder das gänzliche Schweigen eines sorgfältig beobachtenden Augenzeugen entgegen, der selbst die mit der Seuche anscheinend nicht im Zusammenhange stehenden Naturereignisse in der Nähe und Ferne gewissenhaft verzeichnet. Wie die Angabe der Zeit, so fehlt auch die des Ortes 39. Ein so ungenauer Gewährsmann kann auf Glaubwürdigkeit keine besonderen Ansprüche machen, und keinenfalls können jene Witterungs- und Luftverhältnisse, wenn sie in der Zeit der Epidemie wirklich vorkamen, von irgend wesentlichem Belange gewesen sein.


h) Art und Wesen der Krankheit.


Fragt man nun, welcher Art die im Vorstehenden geschilderte Krankheit gewesen sei, so begegnet man unter den Fachmännern selbst, die sich hierüber ausgesprochen haben, der weitgehendsten Meinungs-Verschiedenheit. Die orientalische Pest, das gelbe Fieber, den Scharlach, den Typhus, die Blattern, das sogenannte heilige Feuer, selbst die lues Venerea, und noch manche anderen epidemischen Krankheitsformen hat man in der attischen Seuche wieder zu erkennen geglaubt. Aber gerade in dieser großen Divergenz der Urtheile scheint ein deutlicher Beweis zu liegen, daß die attische Pest nach ihrem eigentlichen Wesen von allen diesen Krankheits-Formen verschieden war, wenn sie auch in einzelnen Symptomen mit der einen oder der andern derselben Ähnlichkeit zeigte.

In neuerer Zeit glaubte man daher von dem Versuche, die attische Pest mit irgend einer der später zur Erscheinung gekommenen oder noch heut zu Tage bestehenden epidemischen Krankheits-Formen zu indentificiren, ganz abgehen zu sollen, und man betrachtete die attische Pest unter dem Namen "typhus aethiopicus" oder "typhus pustulosus antiquorum" als eine besondere Krankheitsform, gleichsam als eine Uebergangsform, aus der sich später im Laufe der Zeit die orientalische oder sogenannte Bubonenpest entwickelt habe 40. Diese letztere Ansicht wird auch von Kraust 41 vertreten, und unter Hinweis auf die Schrift des Letzteren hat der Verfasser in seinem Programme von 1857 (pag. 33 ff.) wahrscheinlich zu machen gesucht, daß die attische Pest, ferner die beiden großen Epidemien im zweiten und dritten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung während der Regierung des Marcus Aurelius und des Decius unter sich verschwistert und mit der Justinianischen Pest verwandten Charakters waren, daß aber in denselben eine fortschreitende Entwicklung ihres Charakters zu erkennen sei, daß namentlich die charakteristischen Eruptionen der orientalischen Pest, die Bubonen und Karbunkel— die weder von Thukydides erwähnt werden, noch in den betreffenden Schriften des Hippokrates mit Sicherheit sich nachweisen lassen — in den beiden mittleren Epidemien immer deutlicher hervortraten, bis endlich mit der vierten, der Justinianischen Seuche, die Bubonen-Pest in ihrem vollständig ausgeprägten Charakter zur Erscheinung kam. Diese Vermuthung dürfte noch unterstützt werden durch die mehr oder minder bei allen diesen vier Epidemien nachweisbare Übereinstimmung in dem Gange ihrer Verbreitung: allen gemeinsam ist der gleiche Ausgangspunkt der Seuche aus den Nilländern, und die vorherrschende Zugesrichtung von Ost nach West; die erste und vierte stimmen außerdem noch in ihrem sprungweisen Vorrücken und in der vorzugsweisen Befallung von Küstenpunkten überein. Eine genauere Würdigung dieser Ansicht muß selbverständlich der Fachwissenschaft überlassen bleiben.

In neuester Zeit endlich hat eine hervorragende Autorität, Häser, (Gesch. der epidem. Krankheiten p. 13) sich dahin ausgesprochen, daß zwar ein sicheres Urtheil über die Natur der attischen Pest zu fällen unmöglich sei, daß aber die meisten Gründe sich zu Gunsten derer vereinigen, welche dieselbe für ein typhusartiges Nebel (und zwar für exanthemathischen Typhus) erklären 42. Als solche Gründe werden angeführt: die Sumpf-Miasmen, worauf Diodor’s Bericht 43 hinweise; die Ueberfüllung Athens; der Eintritt der Krisis am 7.-9. Tage; das Delirium und die Neigung der Kranken sich in's Wasser zu stürzen; die brandige Zerstörung der äußersten Körpertheile, endlich die abgeschwächte Heftigkeit bei einem zweiten Krankheits-Anfalle an 'demselben Individuum.

Indem der Verfasser sich der Sache gemäß darauf beschränkt, das vorstehende gewichtige Urtheil eines der ersten Fachgelehrten in der beregten Frage dem Leser einfach darzulegen, erlaubt er sich nur noch bezüglich des Werthes, welcher den Angaben Diodor's vom Standpunkte der historischen Kritik beizulegen ist, auf seine obige Erörterung sich zu beziehen.


i) Menschen-Verlust.


Die Größe des Menschen-Verlustes in dieser Seuche läßt sich, wenn nach bestimmten Zahlen oder Procent-Sätzen gefragt wird, bei der Mangelhaftigkeit der auf uns gekommenen Nachrichten kaum annäherungsweise ermitteln. Es haben sich in dieser Beziehung — abgesehen von einer Notiz bei Diodor, die eine offenbare Unrichtigkeit enthält — nur zwei Angaben erhalten: bei Thukydides II. 58 und III. 87. An ersterer Stelle wird berichtet, daß im Sommer 430 die Seuche auch unter dem Heere der Athener, welches Potidaia belagerte, ausbrach, nachdem sie durch die unter Hagnon aus Athen gesendete Verstärkung dorthin verbracht worden war. Die Belagerung hatte, da die Pest „hier erst in besonders hohem Grade" wüthete 45, einen schlechten Fortgang, und Hagnon sah sich genöthigt, mit seinen Leuten zur See nach Athen zurückzugehen, nachdem er von 4000 Schwerbewaffneten 1050 durch die Krankheit in höchstens 40 Tagen verloren hatte 45. Diese Notiz gibt aber nur den Verlust eines kleinen Truppen-Körpers, und noch dazu während einer ganz kurzen Zeit der Krankheitsdauer an. Denn der Zusatz "in höchstens vierzig Tagen" kann doch nicht den Sinn haben, als habe der Schriftsteller hiemit die ganze Dauer der Krankheit bei dieser Truppen-Abtheilung bezeichnen wollen; derselbe wollte damit vielmehr nur sagen, es sei im Momente der Einschiffung, vierzig Tage nach dem Ausbruche der Epidemie im Lager vor Potidaia, der oben genannte Verlust — 26—27 Procent — constatirt worden. Durch die Einschiffung der Truppen horte die Seuche sicherlich nicht auf; hat sie ja doch, wie wir von demselben Gewährsmanne schon erfahren haben, auch die zur Verheerung der Küsten der Peloponnesos in diesem Jahre unter Segel gegangenen Mannschaften nicht verschont. Zu einem Schlusse auf den Procentsatz des Gesammt-Verlustes der attischen Bevölkerung in der ganzen Dauer dieser Seuche kann demnach obige Notiz keinen Anhaltspunkt gewähren, zumal in dem vorliegenden Falle die Intensität der Krankheit als eine außergewöhnliche bezeichnet wird.

Von größerer Wichtigkeit ist die zweite Stelle bei Thukydides, welche den Gesammtverlust eines Theiles der athenischen Wehrkraft, und zwar ohne Zweifel während der ganzen Dauer der Epidemie, angibt 46. Nachdem derselbe nämlich das zweite Auftreten der Seuche in Athen erwähnt, fährt er fort: „Sie dauerte aber das zweite Mal nicht weniger als ein Jahr, das erste Mal sogar zwei Jahre, so daß Nichts die Wehrkraft der Athener in höherem Grade geschädigt hat. Denn es starben nicht weniger als 4400 Schwer-Bewaffnete aus den zum Dienste in dieser Waffengattung verpflichteten Bürgern 47 und 300 Reiter, von dem übrigen Volke aber eine nicht mit Bestimmtheit festzustellende Zahl 48."

Nun wird aber in einem officiellen Nachweise über den Stand der attischen Wehrkraft unmittelbar vor dem Beginne des peloponnesischen Krieges 49 die Zahl der Hopliten und Reiter in folgender Weise angegeben

a) Zum Felddienste bestimmte Schwerbewaffnete 13,000 Mann

b) Als Besatzungsmannschaft für die festen Plätze in Attika und zum Wachdienste auf

den Mauern von Athen bestimmte Schwerbewaffnete 16,000 Mann,

Zu diesen gehörten aber — außer den jüngsten und ältesten der Bürger — auch eine Anzahl Schutz-Verwandte,

c) Reiter, mit Einschluß der berittenen Schützen 1,200 Mann.

Um nun den Procent-Satz des Verlustes bei den Schwerbewaffneten zu ermitteln, fragt es sich zunächst, da unter den 4400 der Epidemie Erlegenen nur Bürger zu verstehen sind, aus wie hoch etwa die Zahl der bei d) mitbegriffenen Schutzverwandten anzuschlagen sei; denn Zahlen-Angaben finden sich nicht.

Eine unter dem Archonten Demetrios dem Phalereer (Olymp. 117. 4 = 309 vor der christlichen Aera) vorgenommene Volkszählung in Attika 50 — die einzige, von der sichere Nachrichten sich erhalten haben — ergab 21,000 Bürger- und 10,000 Schutzverwandten-Familien. Dieses numerische Verhältniß der Bürge zu den Schutzverwandten — 21:10 — auch bei dem obenerwähnten combinirten Corps von 16,000 Schwerbewaffneten zu Grunde gelegt, so würden sich etwa 11,000 Bürger und 5000 Schutzverwandte ergeben. Bringt man noch in Anschlag, daß unter den Schutzverwandten verhältnißmäßig weniger Wohlhabende, als unter den Bürgern gewesen sein mögen 51, und schlägt man die Anzahl der damals unter den Schwerbewaffneten dienenden Schutzverwandten nur auf 4000 an, so würde man bei dem in Rede stehenden Truppenkörper eine Anzahl von 12,000, im Ganzen also eine Gesamtsumme von 25,000 schwerbewaffneten Bürgern erhalten. Der Verlust durch die Epidemien bei den schwerbewaffneten Bürgern und den Reitern würde sich demgemäß auf 18, beziehungsweise auf 25 Procent entziffern.

Daß unter dem übrigen, ärmeren und darum gewiß auch dichter gedrängt wohnenden Theile der Bürger und Schutzverwandten, und vollends bei der Sklavenbevölkernng die Sterblichkeit bedeutend größer gewesen sein wird, läßt sich nicht bezweifeln.

Gegen obige Angaben des Thukydides kann die erwähnte Notiz bei Diodor kaum in Betracht kommen.

Nachdem derselbe (XII. 58) den heftigen Wiederausbruch der Krankheit nach kurzer Ruhepause erwähnt hat, führt er unmittelbar darauf fort: „Sie (die Athener) wurden nämlich von der Krankheit so schwer heimgesucht, daß sie von den Kriegsleuten über 4000, an Reitern 400, von dem übrigen Volke aber, Freien und Sklaven, über zehn Tausende verloren." Ganz abgesehen von der ungenauen Bezeichnung „Kriegsleute", worunter wohl Hopliten sollen verstanden werden, abgesehen ferner davon, daß aus dem Zusammenhange sich nicht entnehmen läßt, ob man in den angegebenen Zahlen den Gesammt-Verlust während der ganzen Dauer der Pest, oder blos den Verlust bei diesem zweiten Anfalle vor sich habe, nehmen sich die 10,000 der gesammten übrigen Bevölkerung mit Einschluß von Weibern, Kindern und der ganzen Sklavenschaft beinahe komisch aus. Bei der oben erwähnten Volkszählung in Attika findet sich die Sklaven-Bevölkerung bei 21,000 Bürger- und 10,000 Schutzverwandten-Familien auf 400,000 Köpfe 52 angegeben. Böckh 53 glaubt dieselbe auf 365,000 ermäßigen zu müssen. Wollte man nun auch annehmen, die Sklavenbevölkerung sei zu Anfang des peloponnesischen Krieges noch geringer gewesen (wozu bei einer Zahl von mindestens 26,000 schwerbewaffneten oder als Reiter dienenden Bürgern, die damals Athen zählte, gewiß kein Grund ist), und wollte man ferner den Umstand, daß, als im Anfange des Krieges der Feind in Attika einfiel, die Sklaven schaarenweise entliefen 53, noch so sehr in's Gewicht fallen lassen, so würden, selbst bei einer Sklavenzahl von nur 250,000 Köpfen, jene 10,000 von der Seuche Dahingerafften, auch wenn sie alle dem Sklavenstande angehört hätten, doch nur einen Verlust von 4 Procent darstellen.

Ist aber auch die Gröβe des Menschen-Verlustes nicht durch sichere Zahlen zu ermitteln, so ergibt sich doch aus dem Bilde, das Thukydides entwirft, daß sie eine furchtbare Höhe erreichte, so daß die Kraft der Ueberlebenden und die bisher gebrauchten Räume nicht mehr ausreichten, die Menge der Todten noch in einiger Ordnung zu bestatten. Die Einen, sagt unser Berichterstatter 54, die nicht mehr die Kraft hatten, sich hinauszuschleppen, blieben als Leichen liegen, wie sie auf und neben einander (επαλληλοις ) gestorben waren. Andere, die sich noch fortschleppen konnten, wälzten sich mit dem Tode ringend auf den Straßen und in der Nähe der Brunnen, nach denen sie schmachteten. Selbst die geweihten Räume, die bei der Ueberfüllung der Stadt gleichfalls zu Wohnstätten benützt worden waren, lagen voll von Leichen. Das Uebermaß des Elendes brachte die Menschen dahin, daß sie in völliger Rathlosigkeit, wie sie die Erkrankten insgemein hilflos ihrem Schicksale überließen, auch bei der Beschickung der Todten sich nicht mehr um geweihte Stätten oder religiöse Gebräuche bekümmerten, daß hiebei überhaupt alle Rücksicht auf gesetzliche Anordnungen, alles Gefühl für Anstand und Sitte aufhörte.

Unter den zahllosen Opfern aber, welche die Krankheit aus allen Ständen und Schichten der Bevölkerung abforderte, war keines hervorragender, keines, dessen Verlust schwerer auf Athen lag und von einsichtsvollen Freunden des Vaterlandes schmerzlicher beklagt wurde, als Perikles. Nachdem der gefeierte Staatsmann in den letzten unheilvollen Jahren seiner 40jährigen Staatsleitung noch die Wandelbarkeit der Volksgunst erfahren, nachdem er sein Haus und den Kreis seiner Freunde durch die Pest hatte veröden, und binnen acht Tagen seine beiden einzigen vollblütigen — freilich dem Vater sehr unähnlichen —Söhne Xanthippos und Paralos hatte in's Grab sinken sehen, wurde auch er von ihr ergriffen. Nach dem oben erwähnten Berichte des Plutarchos verzehrte sie langsam, wie ein schleichendes Gift, seine körperliche und geistige Kraft. Er starb im Herbste des Jahres 429.


k) Aerzte, ärztliche Behandlung und Krankenpflege.


Gegen die furchtbare Macht der Krankheit erwies sich, wie Thukydides berichtet, die damalige ärztliche Kunst völlig wirkungslos. Anfangs behandelten die Aerzte die Krankheit ohne alle Kenntniß von dem Wesen derselben 56, und erlagen überdieß in großer Zahl als ihre ersten Opfer. Und wenn sie auch später dieselbe in ihren Erscheinungen näher kennen lernten und einige Erfahrungen machten, so vermochten sie doch kein einziges Heilmittel oder Heilverfahren ausfindig zu machen, das sich allgemein als bewährt herausgestellt hätte 57. Allerdings war die Wissenschaft in Erforschung des Wesens der Krankheit nicht müssig. Hippokrates, damals im rüstigsten Mannesalter stehend, hatte ihr, wohl schon früher, an anderen Orten eine vorzügliche Thätigkeit gewidmet; daß er aber im Laufe derselben längere oder kürzere Zeit in Athen als ausübender Arzt gewesen, läßt sich durch ein sicheres Zeugniß nicht nachweisen. Die Nachricht, die Galenos, bekanntlich nächst Hippokrates der berühmteste und gelehrteste Arzt des Alterthums, der übrigens einer viel späteren Zeit — dem zweiten Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung — angehört, in einer seiner zahlreichen Schriften 58 uns überliefert hat, Hippokrates habe nur durch Alteration und Desinfection der Luft gegen die Epidemie gewirkt, und zu diesem Zwecke (brieflichen?) Auftrag ertheilt, in der ganzen Stadt (Athen?) Feuer anzuzünden, die Flammen mit wohlriechenden Kräutern zu unterhalten und Salben und Oele darüber zu gießen, dürfte — ebenso, wie eine andere von Plutarchos 59 gerüchtweise mitgetheilte Nachricht, der griechische Arzt Akron habe in der großen Pest zu Athen bei den Kranken nicht ohne Erfolg Feuer anzünden lassen — gegenüber dem Schweigen unseres ersten und wichtigsten Gewährsmannes kaum in einigen Betracht zu ziehen sein, obwohl auch der neueste Forscher über griechische Geschichte, Curtius (Band II p. 339), hievon als von einer beglaubigten Thatsache spricht. Ein so eigenartiges Mittel, wenn es in größerem Maßstabe und noch dazu mit Erfolg in Anwendung gebracht worden wäre, hätte doch der Beobachtung des Thukydides nicht entgehen und bei seiner sorgfältigen Berichterstattung nicht unerwähnt bleiben können. Große Wahrscheinlichkeit hat daher die Vermuthung Petersens 60, daß die oben erwähnte Thätigkeit des Hippokrates in eine spätere Zeit, etwa um 420, zu setzen sei.

Eben so unzureichend als die ärztliche Kunst, zeigte sich die Kranken-Pflege. An eine Organisation derselben von irgend welcher Seite, durch welche es in neueren Zeiten gelungen ist, den Würgengel verheerender Seuchen mit Erfolg zu bekämpfen 61, darf hier selbstverständlich, wie überhaupt im Alterthume, nicht gedacht werden. Die Krankenpflege war ausschließlich Privat-Sache. Hier aber besiegte bald die Furcht vor der fast sicheren Ansteckung die anfangs noch opferwillige Hingabe beherzterer Freunde; die Pflege von Seite der eigenen Angehörigen ermattete, von Nachbarn oder Freunden nicht unterstützt, und so starben viele Häuser aus Mangel an Pflege gänzlich aus 62. Die Wartung der Erkrankten beschränkte sich zuletzt größtentheils ans Diejenigen, welche die Krankheit glücklich überstanden hatten, und nun theils aus Mitleid, nach den selbst erfahrenen schrecklichen Leiden, theils im Gefühle der Sicherheit, weil erfahrungsgemäß ein zweiter Anfall wenigstens keinen tödtlichen Ausgang hatte, sich der armen Leidenden und Sterbenden annahmen 63

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1) Moralische Wirkungen der Krankheit.


So furchtbar aber alle diese physischen und materiellen Leiden und Verluste waren, unter denen das schwer heimgesuchte Volk seufzte, so waren sie doch entfernt nicht den moralischen Wirkungen dieser Seuche an die Seite zu stellen, der hier zuerst hervortretenden Auflösung aller sittlichen und religiösen Ordnung. Angesichts des raschen Wechsels, mit dem das Besitzthum stets in neue Hände überging, drängte sich Allen die furchtbare Gewißheit auf, daß Leben und Vermögen kaum auf Einen Tag sich verbürgen ließen. Da wollte Niemand mehr um der Idee des Sittlichguten willen Opfer und Entsagungen sich auferlegen. Eine völlige Verwirrung der Begriffe schien eingetreten: die augenblickliche Sinnenlust ("ο τι ηδη ηδυ") und das, was diese, gleichviel durch welche Mittel, förderte, galt jetzt für gut und ersprießlich. Götterfurcht und Staatsgesetz verloren ihre Kraft, da man Gottesfürchtige und Gottlose dem gleichen Verderben erliegen sah, und der Verbrecher längst dem Todesloose verfallen zu sein gedachte, ehe der Arm der strafenden Gerechtigkeit ihn erreichte. Nur vor dem über Allen gleichmäßig drohenden Verhängnisse bangte man, und nahm nicht Anstand, vor dem Eintritte desselben, den jede nächste Stunde bringen könne, die Neige des Lebens noch zur Erbeutung jedweden Genusses auszunützen. Dies ungefähr sind die Züge, mit welchen der Augenzeuge Thukydides 64 jenes düstere Nachtstück in der Geschichte des athenischen Volkes gezeichnet hat.


m) Folgen der Seuche in politischer und culturhistorischer Beziehung.


Und doch, wie schwer auch alle diese Leiden waren, Athen wäre noch glücklich gewesen, wenn ihre Dauer nur auf einige Jahre sich beschränkt hätte. So aber bewirkte das Zusammentreffen mehrerer verhängnißvollen Umstände, unter denen der lange Krieg die erste Stelle einnimmt, daß die tiefen Wunden, welche diese Pest geschlagen, auf eine lange Zeit hinaus auf politischem wie auf culturhistorischem Gebiete sichtbar blieben, ja zu offenen Schäden wurden, von denen Staat und Volk von Athen sich nie wieder ganz zu erholen vermochten.

a) In politischer Beziehung waren zuvörderst von schwerwiegender Bedeutung die namhaften Verluste, welche das athenische Vollbürgerthum — der eigentliche, schwer zu ersetzende Kern der Bevölkerung — und damit nicht nur die Wehrkraft 65, sondern auch die Tüchtigkeit des Staates überhaupt durch die Pest erlitten hatte. Wie derartige plötzlich gerissene Lücken in geschlossenen politischen Körperschaften überhaupt eine weit größere Bedeutung haben, als in der übrigen Bevölkerung, ist oben bei den Verlusten des römischen Patriciats hervorgehoben worden. Perikles, dessen staatsmännischer Blick in jenem Vollbürgerthum den Träger der Kraft und der moralischen Tüchtigkeit des Staates erkannte, hatte, um dasselbe in ungetrübter Reinheit zu erhalten, früher die Bestimmung durchgesetzt, daß nur ehelichen Kindern, und zwar von Eltern, welche beide das Indigenat hatten 66, das volle Bürgerrecht zustehen sollte.

Dem Berichte des Plutarchos 67 zufolge hätte Perikles selbst nach dem Verluste seiner vollbürtigen Söhne, damit sein Haus nicht gänzlich veröde, die Aufhebung oder Abänderung jenes Gesetzes — vielleicht auch nur speciell für seinen und Aspasia's Sohn — beantragt und durchgesetzt. Jedenfalls muß nach dem großen durch die Seuche herbeigeführten Verluste von der Handhabung jenes strengen Gesetzes auf lange Zeit abgesehen worden sein, da man, sicheren Nachrichten zufolge, unter dem Archon Eukleides — im Jahre 403 — für nöthig fand, es ausdrücklich wieder herzustellen, jedoch ohne rückwirkende Kraft 68. Waren doch vor der Seeschlacht bei den Arginusen — 406 v. Chr. — Schutzverwandte und Sklaven, unter der Verheißung des Bürgerrechts und beziehungsweise der Freiheit, zu den Waffen aufgerufen worden 69.

Auf diese Weise drangen — abgesehen von mancherlei Einschleichungen — fremdartige Elemente in großer Zahl in die Bürgerlisten und in den Familien-Verband, welche die Abgänge nur der Zahl nach, nicht durch Thatkraft und Tüchtigkeit der Gesinnung zu ersetzen vermochten. Dazu kam, daß durch die am Anfange des Krieges in Folge der Einfälle der Peloponnesier nöthig gewordene Uebersiedlung zahlreicher Familien vom flachen Lande in die Stadt ein großer Theil der Bürger den ländlichen Beschäftigungen und der gewohnten Thätigkeit auf längere Zeit entfremdet wurde 70, daß während der Seuche, und wahrscheinlich noch längere Zeit nach dem Aufhören derselben, die öffentlichen Uebungsplätze, jene Pflanzschulen der bürgerlichen Wehrhaftigkeit, leer standen 71, während die öffentlichen Plätze mit müssigem, an dem Partheitreiben und den Neuigkeiten des Tages sich ergötzenden Volke aller Art sich füllten.

Wie die Wehrkraft und die Tüchtigkeit des Staates, so erlitt auch der materielle Wohlstand einen starken Stoß. Das jüngere Geschlecht, über dessen Entartung Platon in einem seiner trefflichsten Dialoge 72 den Sokrates Klage führen läßt, wobei als die auffallendsten Beweise mißrathener Söhne der edelsten Väter die Söhne des Perikles und des Bildhauers Polykleitos angeführt werden, ergab sich der Genußsucht, die ja gerade in der Zeit der Pest so furchtbar um sich gegriffen, und verpraßte das von den Vorfahren gesammelte und mit weiser Sparsamkeit zusammengehaltene Vermögen in kurzer Zeit, so daß die wohlhabendsten und angesehensten Familien der Stadt gänzlich in Verfall geriethen. Als eines der hervorragendsten Beispiele dieser Art begegnet uns in demselben Platonischen Dialoge Kritias, welcher, aus einer altehrwürdigen, ebenso durch ungewöhnlichen Reichthum, wie durch die bisher von ihren Gliedern bekleideten Staatswürden angesehenen Familie entsprossen, in der außerdem das ehrenvolle Amt eines Heroldes und Fackelträgers in den eleusinischen Mysterien erblich war, in eitler Schaustellung seiner Gönnerschaft für die fremden Sophisten, mit diesen und ihren zahlreichen Jüngern, sowie in niedrigen sinnlichen Genüssen das ganze Vermögen vergeudete, und vergessen und verachtet in höchster Dürftigkeit endete 73.

b) Was Wachsmuth 74 von den Nachwirkungen der Krankheit bemerkt: „Die Pest, welche im „zweiten Jahre des Krieges ausbrach, ist ein Wendepunkt in der Geschichte des athenischen Demos; von da geht "es abwärts," hat auch noch, in einer andern als der oben dargestellten politischen und materiellen Beziehung seine volle Berechtigung. "Die Pest," fährt derselbe fort, "tilgte nicht blos Menschenleben allein, ..... sondern auch Bürgertugend." Und in der That, wie im Aeußeren die Physiognomie Athens in den nächsten Jahren bei der Minderung der Wehrkraft und des Wohlstandes eine wesentlich veränderte sein mußte, so sehen wir gleichzeitig auch alle Kreise der geistigen Atmosphäre von einem vergiftenden Pesthauche durchzogen; überall in den verschiedenen Sphären des geistigen und des Culturlebens die gesunden Zustände von einer Reihe krankhafter Erscheinungen und After-Bildungen verkümmert oder verdrängt: im staatlichen Leben die ächte Staatskunst und Volkesleitung von der Demagogie; in der öffentlichen Rechtspflege den gesunden Rechtssinn von der Sykophantie; im Kreise des ethischen Lebens die alte Zucht und Sitte von moderner Unsitte; auf dem religiösen Gebiete den alten Götterglauben von Unglauben und Aberglauben, endlich im Bereiche des wissenschaftlichen Strebens und der höheren Geistesbildung die wahre Philosophie von der Sophistik.

Alle diese tiefeingreifenden Uebel, im Grunde lauter Mißtöne einer und derselben verstimmten Saite — der Verderbniß des geistigen Lebens —, stehen mit der Pestseuche im innigsten Zusammenhange. Denn jene Verderbniß des geistigen Lebens entstand in der Pest und wesentlich durch dieselbe, und anderseits ist es großen Theils auch der Pest und ihren Wirkungen zuzuschreiben, daß das Verderben sich dauernd festsetzte und bei den mächtigen Dimensionen, die es bald annahm, nicht mehr bewältigt werden konnte.

Durch das plötzliche Aussterben vieler Familien, welche die Träger der alten, ehrenfesten Gesinnung und Sitte gewesen, wurde die stetige Kette der Tradition, in welcher sich diese Gesinnung aus der Zeit eines Aristides und Kimon bis in die Gegenwart fortgepflanzt hatte, mit einem Male abgerissen, und so der Wall, der sich einer, sei es von Außen einreißenden, oder im Innern aufkeimenden, Entsittlichung wirksam hätte entgegen stellen können, vielfach durchbrochen. Diese Entsittlichung kam aber durch die Pest zum schrecklichen Ausbruche, und konnte bei dem Mangel einer kräftigen Reaction nicht eine blos vorübergehende Wirkung derselben bleiben 75. Daß sie immer tiefere Wurzeln schlug, immer weiter fortwucherte, dazu trug außerdem auch der Krieg das Seine bei, der unheilvollste, den Hellas je geführt, da er nicht nur die Gesammtheit seiner Staaten in zwei feindliche Heereslager schied, sondern auch in den einzelnen Staaten selbst wieder die Aristokratisch-Gesinnten, die meistens einen Rückhalt an den Spartanern hatten, in wüthendem Partheihasse gegen die Demokraten, deren sich gewöhnlich die Athener annahmen, entflammte und ganz Griechenland zu einer großen Wahlstätte machte, auf der, sei es in den Felsschluchten der kriegführenden Hauptmächte, sei es in erbitterten Straßenkämpfen der von denselben unterstützten Factionen, Bürgerblut in Strömen floß. Noch hatte kein Krieg bei den Hellenen solche Beispiele von Wuth und Grausamkeit durch Zerstörung von Städten, gewaltsame Austreibung ihrer Bürgerschaften, Hinschlachtung von Besiegten und Wehrlosen, Mißhandlung der sonst durch das Völkerrecht geschützten Herolde, Weihestätten und Gefangenen aufgezeigt, wie dieser 76.

a) Staatsmänner von ungewöhnlichem Geiste und unbeugsamer sittlichen Kraft hätte es in solcher Zeit entfesselter Leidenschaften bedurft, um in demokratischen Gemeinden das souveräne Volk in wichtigen Fragen der innern und äußern Politik zu berathen, über seine, wahren Interessen aufzuklären und bei derartigen Beschlußfassungen seinen Sinn über die Eingebungen unedler Leidenschaften hinweg auf die Gebote der Ehre und der Humanität zu lenken. In diesem Sinne hatte Perikles gewirkt. Die Männer aber, die nach seinem Tode dem Volke sich als Führer aufdrängten, nicht, wie früher, den alten, geachteten Geschlechtern, sondern den niederen Schichten der Gesellschaft angehörig, — die berüchtigten Demagogen — waren weder befähigt noch gewillt, an das Volk, wie ihr Vorgänger, höhere sittlichen Anforderungen zu stellen, sondern nur darauf bedacht, zur Behauptung ihres Einflusses den jeweiligen Launen oder Leidenschaften des großen Haufens zu schmeicheln, und wurden so, statt weiser Berather und segensreich wirkender Leiter des Volkes, dessen Verderber und Verführer, so wie selbst hinwiederum von ihm verführt, da sie, wollten sie ihre Popularität nicht auf's Spiel setzen, gelegentlich auch ihre bessere Einsicht und Denkart verläugnen mußten. Die Periode der Demagogie bildet eines der unheilvollsten und schmachvollsten Blätter in der Geschichte Athens77.

b) Hand in Hand mit der Demagogie in den Volksversammlungen, welche das staatliche Leben und den politischen Sinn des Volkes vergiftete, ging an den Stätten, wo dieses seine richterliche Thätigkeit als Jury zu üben hatte, das Treiben der Sykophanten, durch welches der gesunde Rechtssinn des athenischen Volles verpestet ward. Die leicht erregbaren Leidenschaften dieses Volkes, seine Abneigung gegen die Aristokraten, seine Lust an Skandal-Prozessen wurden von gewissenlosen Anklägern — man gab ihnen den Nachnamen Sykophanten — unter Benützung aller möglichen Chicanen und Rechtsverdrehungen, um des Gewinnes willen, der bei siegreicher Durchführung des Prozesses lockte, ausgebeutet, und die Geschwornen nicht selten zu Verdicten verleitet, die man hinterher bei ruhigerer Stimmung bitter bereute 78.

c) Zur Signatur dieser Zeit gehörte nicht minder der damals hervortretende Verfall des einheimischen religiösen Glaubens, der, wie oben erwähnt wurde, in der Schreckenszeit der Seuche, bei der Auflösung aller Scheu und Zucht, einen mächtigen Stoß erlitt, und das Schwanken zwischen Unglauben und rohem Aberglauben, eine Erscheinung, die in derselben Weise später in der Römischen Welt — in den letzten Zeiten der Republik und in den ersten Jahrhunderten des Kaiserreichs — zur Erscheinung gekommen ist. Der Scepticismus, der mehr oder minder ausgeprägte Atheismus zeigte sich, noch als vereinzelte Erscheinung und auf das theoretische Gebiet beschränkt, in den höheren Schichten der Gesellschaft, während die Menge, unbefriedigt durch den einheimischen Cultus, sich verschiedenartigem Aberglauben in die Arme warf und theils in den alten, aus der Vergessenheit wieder hervorgezogenen orphischen Weihen, theils in den Sühnmitteln und Orakeln asiatischer Priester, die überall im Lande herumzogen, religiöse Befriedigung für die unerträgliche Leere des Herzens suchte 79. Daß mit dem Verfalle des religiösen Glaubens auch ein tiefes Verderbniß des moralischen Lebens einreißen mußte, ist selbstverständlich, und zeugen hiefür am sprechendsten die zahlreichen Andeutungen in den Komödien des Aristophanes, der in den mannigfachen Lastern seiner Landsleute überreichen Stoff für seine kaustische Satire fand 80.

d) Vervollständigt wird dieses Charakter-Bild der damaligen Entartung durch jene Afterbildung im Bereiche der Philosophie und des höheren Geisteslebens, welche erst durch die geistige und sittliche Kraft eines Sokrates überwunden werden mußte, ehe der Baum der attischen Philosophie in den ächten Weisheits-Lehren dieses Meisters und seines großen Schülers Platon seine herrlichsten Blüthen treiben konnte. Schon etwa ein Jahrzehnt vor Beginn des peloponnesischen Krieges hatte sich auf diesem Gebiete eine neue, eigenartige Geistesrichtung angekündigt. Die Träger derselben, unter dem Namen der Sophisten bekannt, Männer von großer geistiger Begabung und von ausgebreiteten Kenntnissen, namentlich in einzelnen, damals noch wenig gepflegten Wissenszweigen, durch welche sie auch unläugbar mannigfach anzuregen wußten, viele auch durch eine bestechende Rednergabe unterstützt, stimmten, bei aller Mannigfaltigkeit ihrer einzelnen Bestrebungen, doch im Wesentlichen darin überein, daß sie, im entschiedensten Gegensatze zur ächten Philosophie, die Möglichkeit einer objectiven Erkenntniß läugnend, die Berechtigung jeder individuellen, momentanen Ansicht proclamirten (welcher gegenüber selbstverständlich auch von einem allgemein gültigen Sittengesetze nicht mehr die Rede sein konnte); daß sie ferner zu einem Hauptziele ihres Studiums machten, jedwede individuelle Meinung, trotz innerer Schwäche und Unhaltbarkeit, durch die Kunst der Rede, d. i. durch Anwendung formeller, auf die Verwirrung des Gegners berechneter Kunstgriffe siegreich zu vertheidigen 81 (wodurch die Rede, die naturgemäß doch nur Mittel für die Mittheilung einer Erkenntniß sein soll, gewissermaßen über die Erkenntnis gesetzt und zum Selbstzweck erhoben wurde); endlich aber und vorzüglich darin, daß es ihnen in letzter Instanz überhaupt nicht um Erforschung der Wahrheit — das Ziel der ächten Philosophie — zu thun war, sondern daß sie ihre Gaben und geistigen Mittel zur Befriedigung persönlicher Interessen, ihrer Eitelkeit und Gewinnsucht, möglichst zu verwerthen suchten. Wie alle Träger und Verbreiter destructiver Lehren und Tendenzen in alter und neuer Zeit, suchten auch diese Leute, in der richtigen Berechnung, daß in dem conservativen Sinne der älteren Generation kein Boden für ihre neue, zweideutige Aufklärung sei, das hiefür empfänglichere jüngere Geschlecht an sich zu ziehen. Und so sehen wir sie in ihrem Wanderleben, wobei sie natürlich die Metropole hellenischer Bildung, Athen, zu berühren nicht versäumten, überall als Lehrer der Jugend auftreten, und gegen hohes Honorar Unterricht "in der für das öffentliche und häusliche Leben erforderlichen Tüchtigkeit" ertheilen, bei welchem selbstverständlich die in republikanischen Staaten, namentlich in Leiten leidenschaftlichen Partei-Treibens, bedeutungsvolle Redefertigkeit eine Hauptrolle spielte. Waren hiebei die älteren Meister der Sophistik noch so vorsichtig oder vielleicht noch so weit von einem Reste von Scheu besangen, daß sie ihre Principien nicht bis in ihre letzten Consequenzen verfolgten, so ward bei den jüngeren und den Sophisten-Schülern solche Zurückhaltung und Scheu bald zu einem überwundenen Standpunkte, und es wurden Behauptungen und Grundsätze von diesen 92 aufgestellt, die, wenn sie irgendwo zur praktischen Durchführung gelangten, nicht nur der Philosophie, sondern jedweder Geistesbildung überhaupt, ja jedem geordneten Staatsthume und der ganzen socialen Ordnung gründlich ein Ende machen mußten' 83.

Dies war der Zustand Athens nach der Seuche und noch lange Jahre hinaus; ja es ist Thatsache, daß Athen nie wieder, sei es in Bezug auf seine politische Stellung, sei es in Bezug auf seine culturhistorische Bedeutung 84, im Großen und Ganzen, und wenn man einzelne hervorragende Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie und der Redekunst abrechnet, zur früheren Höhe sich erschwungen hat. Den Culminationspunkt seiner Entwicklung und die höchste Blüthe in den beiden vorerwähnten Beziehungen hatte Athen schon in der früheren Zeit der Perikleischen Verwaltung, vor dem Kriege, erreicht, und es mag hierin noch ein weiterer Grund zu finden sein, weshalb die Seuche in Verbindung mit dem Kriege in Athen so tiefeingreifende und so nachhaltige Folgen äußern sonnte, während in Rom, welches doch unter der Geißel seiner Epidemien gewiß nicht weniger schwer litt, Beispiele von Sittenverwilderung und Rohheit, wenn sie sich auch hie und da bemerkbar machten 85, doch nur vorübergehende Erscheinungen blieben und von der geistigen Kraft der Nation wieder überwunden wurden. Athen wurde von der Seuche nicht, wie Rom, in der Periode seiner aufsteigenden Macht, sondern nach schon erreichtem Wendepunkte und im beginnenden Niedergange betroffen, und hatte zum Kampfe gegen die Folgen derselben nicht mehr, wie Rom, die volle Frische seiner geistigen und moralischen Kraft einzusetzen.


4) Die Seuche in Mittelgriechenland und im Peloponnes um 420 (?).


Petersen, in einer schon mehrfach angeführten Abhandlung 86, hat nachzuweisen gesucht, daß im Laufs des peloponnesischen Krieges noch einmal im Jahre 430 Mittelgriechenland und der Peloponnes von einer Seuche heimgesucht wurden, bei welcher Hippokrates und sein Sohn Thessalos durch ärztliche Hilfeleistung thätig waren, und nimmt an, daß bei dieser Gelegenheit von dem Ersteren jene oben erwähnten Wucherungen in großartigem Maßstabe (als prophylaktische Maßregeln) angewendet worden seien. Der Verfasser kann, um die von einem Schulprogramme einzuhaltenden Gränzen nicht noch weiter, als es schon geschehen ist, zu überschreiten, auf eine nähere Darlegung und Würdigung der von Petersen hiefür geltend gemachten Gründe nicht eingehen und muß sich darauf beschränken, seine unmaßgebliche Ansicht hierüber in aller Kürze auszusprechen. Es ist nicht zu verkennen, daß Petersen's Vermuthung sehr Vieles für sich hat; namentlich machen es die noch bis 413 fortdauernden Erderschütterungen in Griechenland, deren eine in das kritische Jahr 420 selbst fällt, nicht unwahrscheinlich, daß auf den großen Seuchenzug der attischen Pest noch ein oder der andere schwächere Anfall gefolgt sei. Anderseits aber ist nicht in Abrede zu stellen, daß jener Vermuthung wieder gewichtige Bedenken entgegenstehen, und zwar: die zweifelhafte Beglaubigung derselben durch die — von der neueren Kritik allgemein als unächt erkannte — Gesandtschaftsrede des Thessalos, der Mangel anderer sicheren Nachrichten, und namentlich der Umstand, daß Thukydides bei Aufzählung der den peloponnesischen Krieg begleitenden Unfälle (I. 23) nur Eine Epidemie, die attische Pest, kennt 87. Jedenfalls dürfte so viel feststehen, daß die fragliche Epidemie, falls sie wirklich als genugsam historisch beglaubigt erscheinen sollte, im Allgemeinen nicht von bedeutendem Belang gewesen sein könne.


FUßNOTEN


1) Ueber die im Laufe der Geschichte vielfach constatirte Thatsache, daβ groβe Epidemien regelmäβig von ungewöhnlichen Natur-Erscheinungen der mannigfaltigsten Art eingeleitet und begleitet werden, sowie über den hieraus zu ziehenden Schluβ eines wahrscheinlichen innern Zusammenhanges zwischen beiderlei Ereignissen, hat sich der Verfasser ausführlich in seinem früheren Programme "die groβe Pest zu Zeit Justinians I.", Dillingen 1857, ausgesprochen.

2) Herod. VI. 98.

3) Pindar. Fragm. Bei Strabon VIII. 185, in der Dissen’sche Ausgabe von Pindar. I. p. 228. Cf. Müller, Dorier, I. p. 311. Schol zur Odyss. X. 3.

4) Herod. A. angef. O. nennt sie ακινητος. Auch eine von ihm angeführte Orakel-Stelle bezeichnet sie so: Κινησω και Δηλον ακινητον περ εουσαν. Und bei Pindar (Fragm. V. 1. 4. Der Ausgabe von Dissen) wird sie angeredet: Ποντου θυγατερ χθονος ευρειας ακινητον τερας. — Plinius h. n. IV. 22. — Hoff. IV. p. 140. — Wachsmuth I. p. 9.

5) Mit Herodots Angabe im Widerspruche bemerkt Thukyd. I. 8, wo er von einem späteren Erdbeben aus dieser Insel im Jahre 431 spricht, es sei vor diesem letztgenannten Ereignisse Delos niemals, so weit die Erinnerung der Hellenen reiche, von einer Erderschütterung betroffen worden. An der Glaubwürdigkeit der von Herodot mitgetheilten Nachricht ist aber um so weniger zu zweifeln, als er sie an Ort und Stelle erhielt, wo er — da seine Reisen jedenfalls geraume Zeit vor dem Jahre 444 beendigt waren — unter der älteren Bevölkerung der Insel gewiß noch Viele treffen konnte, die jenes Ereigniß erlebt hatten. Ob Thukydides jene Nachricht für unbegründet gehalten, oder ob sie ihm mit jenem Theile des Herodotischen Geschichtswerkes überhaupt unbekannt geblieben, oder endlich, was vielleicht noch am wahrscheinlichsten sein dürfte, ob sie ihm zufällig entgangen ist, wird sich schwerlich mit Bestimmtheit ermitteln lassen. Man vergleiche die Erklärer des Thukyd. a. a. O.

6) VIII. 126-129.

7) Herod. VIII. 117. Daβ beide Ereignisse nur etwa zwei bis drei Monate auseinander liegen, ergibt sich theils aus Herod. VIII, 110 und 111, wo die Brücke, als Xerxes von Attila aus den Rückzug antrat, noch als stehend erwähnt wird, theils aus VIII. 117 selbst, wo gesagt wird, Xerxes habe bei seiner Ankunft an der Meerenge die Brücke zerstört getroffen; das Ereignis scheint demnach erst kurz vor seiner Ankunft vorgefallen zu sein, da er unter Wegs keine Nachricht davon erhalten.

8) Parische Chronik, 53, Epoche, wo der Ausbruch in das gleiche Jahr mit der Schacht von Plataiai gestellt ist.

9) Obige zuerst von Böckh (Comment. zu Pind. Pyth. I.) aufgestellte — durch die Stelle bei Thukyd. III. 116 veranlaßte — Annahme, der auch Dissen (Comment. zu Pind. p. 160) beitrat, hält der Verfasser bei sorgfältiger Prüfung des Wortlautes jener Stelle bei Thukyd. für vollkommen gerechtfertigt. Letzterer sagt nämlich, indem er von dem Ausbruche des Jahres 426 spricht: Ερρυη δε περι αυτο το εαρ τουτο ο ρυαξ του πυρος εκ της Αιτνης, ωσπερ και το προτερον…..λεγεται δε πεντηκουτωι ετει ρυηναι τουτο μετα το προτερον ρευμα, το δε ξυμπαν τρες γεγενησθαι το ρευμα αφ’ ου Σικελια υπο Ελληνων οικειται. Dem Thukydides waren demnach von jenen drei erwähnten Ausbrüchen zwei mit Sicherheit bekannt, der dritte von 426 und der zweite (το προτερον ρευμα), welchen er der Angabe seiner Gewährsmänner zufolge in das Jahr 475 setzt. Der erste kann, nach der ganzen Fassung der Stelle, unmöglich mit der in der Parischen Chronik zum Jahre 479 berichteten Aetna-Eruption zusammen fallen, sondern muß einer viel früheren Zeit angehören, von der Thukydides keine sichere Kunde hatte. Es bleiben daher nur zwei Wege übrig, um die scheinbar widersprechenden Angaben des Parischen Marmors und der erwähnten Stelle des Thukydides in Einklang zu bringen: entweder mit dem neuesten Herausgeber Classen den von Thukydides erwähnten zweiten Ausbruch mit dem der Parischen Chronik von 479 zu identificiren und zu diesem Zwecke die Zeitangabe bei Thuk. "πεστηκοστωι ετει" nur als runde Zahl zu fassen, oder mit Böch und Dissen anzunehmen, daß der Aetna-Ausbruch von 479 mit längeren oder kürzeren Zwischenpausen bis 475 fortdauerte, so daß die einzelnen Erscheinungen als ein zusammengehöriges Ganzes einer großen Eruption betrachtet werden konnten. Der erste« Erklärungsversuch aber mittels Annahme einer runden Zahl scheint bei einem relativ nicht so fern liegenden Ereignisse nicht gehörig begründet, und dürfte, nach der Ansicht des Verfassers, der zweiten Annahme der Vorzug gebühren. — M. vergl. Hoff IV. p. 138, und die Erklärer zu Thukyd. a. a. O. — Erfolgte der Ausbruch des Aetna vom Jahre 479 nach einer längeren Ruhe, und erstreckte er sich über mehrere Jahre, dann gewinnt auch Pindar's erhabene Schilderung von diesem Ereignisse (Pyth. I. v. 21 f. ed. Dissen) eine erhöhte Bedeutung.

10) Thukyd. a. a. O.

11) Diodor. V. 6.

12) Thukyd. I. 101. 128. — Diodor. XI. 63. — Strabon VIII. 367. — Plutarch, Kimon cap. 16. — Pausan. I. p. 28. ed. Xyland.; dann IV. 24. 2. VII. 25. 1.

13) Bezüglich der Zeitbestimmung waltet große Verschiedenheit der Angaben ob. Die von Diodor für das fragliche Jahr angegebenen Röm. Konsuln werden in Almel. Fast. zum Jahre Roms 280—474 v. Christus aufgeführt. In der Epitoms der Pariser Ausgabe von Diodor wird das Ereigniß in Olymp. 774 = 469 v. Chr. gesetzt. Nach Niebuhr (R. Gesch 3. Aufl. II. p. 309) fällt dasselbe in das 2. Jahr der 79. Olymp., welches er dem Jahre der Stadt 248 (= 472 vor der aer. vulg. nach Niebuhr) gleichstellt. Ottfr. Müller (Dorier) setzt es in Olymp. 78. 4 = 465, Krüger (hist. philol. Stud. I. p. 149) in Olymp. 78. 3 = 466, Manso (Sparta), Clinton (fast. Hellen.) und Wachsmuth (Hell. Alt. Rde. I. p. 9) in Olymp. 79. 1 = 464 v. Chr. Letzteren folgte auch Weigel (Geburts-Jahr Christi, 2. Theil).

14) Lakonien wird — nebst Euboia — als bezeichnet. Strabon I. 60. VIII. 367. X. 447.

15) Nach Diodors Schilderung (l. l.) scheint eine große Zahl einzelner Erdstöße in kurzen Zwischenpausen erfolgt zu sein, welche deshalb als zu Einer Erscheinung gehörig betrachtet werden konnten. So erklären sich die Ausdrücke: επι πολυν δε χρονον συνεχως της πολεως καταφερομενης sc. und γενομενων σεισμων μεγαλων sc. und wieder: επει δια τον σεισμον sc.

16) Cf. Wachsmuh I. p. 786 und 693 ff.

17) Liv, III. 5. — Paul. Oros. II. cap. 12.

18) Liv. a. a. O. — Der Verfasser hat schon in seinem Programme vom Jahre `1857 p. 30 not. 41) de Ermuthung ausgesproche, daβ der etwas unbestimmt gehaltene Ausbruch bei Livius: "portenta aut observata oculis aut vanas ex "territis ostentavere species. His avertentdis terroribus" &c. (vielleicht auch die bei demselben, IV. 21, zur Epidemie von 436 – 428 erwähnten "terrores"), desgeliechen die gleich nachher zu 461 aus Dionysios auzuführenden μορφαι ειδωλων δι’ φερομεναι, in gleichem Sinne zu fassen seien, wie die ungewöhnlichen Gesichte, welche — nach demselben Dionys. — in der Epidemie von 490 zu Rom fielen, erschienen waren. Der Wahn, schreckhafte Erscheinungen zu sehen, tritt in eigenthümliche Weise bei mehreren gröβere Epidemien der früheren Zeit auf; so — auβer der eben genannten von 490 — in der 15jährigen Epidemie von 746 – 748 n. Chr. (Schnurrer, Chronik der Seuchen I. p. 96), am auffalendsten in der Justianianischen und in der Pest von 746 – 748 n. Chr. in Unteritalien. Und so scheinten auch die im Texte aufgeführten Vistonen von 464 und 461 mit der groβeren Epidemien der Zwischenjahre 463 und 462 in näheren Zusammenhange zu stehen. Wenistens wäre nicht undenkbar, daβ die Störungen in der Nerventhätigkeit, welche allen groβen Epidemien des Alterthums eigenthümlich zu sein scheinen, bei einzelnen Personen von besonders reizbaren nerven schon vor dem Eintritte der Epidemie sich ankündigten, oder nach dem Verschwinden derselbem als Nachwirkungen noch einige Zeit fortdauerten.

19) Livius III. 10; am ausführlichsten Dionys. V. Hallkorn. K. 2. (pag. Steph. 463 ff.) Cf. Val. Max. I. cap. 6 und Plin. II. 57.

20) "πυρος αναφεις εφ’ ενος μενουσαι τοπον," bei Dionys., wohl dasselbe, was Livius mit "coelum ardere vaiaum" gibt, und wahrscheinlich noch Nordlichtern zu versthene. Cf. Niebuhr, Röm. Gesch. II. Bd. p. 310. Schwegler. R. G. II. pag. 618.

21) Serm. LXXVII. Pag. 456 der 3ten Ausgabe von Gesner.

22) Diese Begebenheit wird als eine bekannte Thatache auch von Pausan. X. p. 344. F. (der Ausgabe von Xyland.) erwähnt, jedoch ohne Angabe der Zeit und der Namen der Jünglinge. — Bei Valerius Maximus V. cap. 4, und Seneca de benef. III. 37., wo dieselben als Brüder unter den Namen Amphinomous und Anapus aufgeführt werden, die ihre beiden Aeltern retteten, ist wohl dasselbe Ereignis gemeint.

23) III. 116; s. oben not. 9.

24) Niebuhr (R. G. II. 3te Aufl. P. 310), nach dessen Berechnung diese Eruption gleichzeitig mit der groβen Epidemie von 291 U. C. (463 v. Chr.) in Rom zu setzen wäre, scheint — wohl hauptsächlich aus letzteren Grunde — die Richtigkeit der Angabe Aelians nicht zu beanstanden.

25) Herod. VIII. 115. — Auszug aus Trog. Pomp. Bei Justin. IV. 23.

26) Liv. VII. 38. "An aequum esse" — läβt er dei Miβvergnügten unter den Römischen Besatzungs-Truppen in Capua sagen — "dediticios suos illa fertilitate et amoenitate perfrui; se, militando fessos, in pestilente atque arido circa urbem solo luctari?" seqq. — Schnurrer I. p. 30 f.

27) Dionys. ed. Kiessling VII. C. 12. (pag. St. 315.)

28) Derselbe, VII. 68. (p. Steph. 348.)

29) Derselbe, IX. C. 40 u. 42. (p. Steph. 441. f.) — M. s. insbesondere Niebuhr. R. G. II. p. 305. Schwegler II. pag. 614.

30) Advers. Pag. hist. II. cap. 12. "……quamvis etiam superiore quarto anno oborta lues eundem populum depopulata sit." Da im Tekst vorher von dem Jahre 290 U. C. die Rede war, in welches Orosius die groβe Seuche des Jahres 463 (291 U. C.) setzt, so müβte die erwähnte Epidemie im Jahre 287 d. Stadt (467), beziehungsweise 288 (466) Statt gefunden haben.

31) Dionys. IX. 67. (p. St. 459 f.) — Livius III. 6-8. — Paul. Oros. II. cap. 12.

32) Livius l. l. hiemit ziemlich übereinstimmend: Grave tempus et forte annus pestilens erat urbi agrisque, nec hominibus magis quam pecori. Wenn Livius hieraus fortfährt: et auxere vim morbi, terrore populationis pecoribus agresibusque in urbem acceptis &c. &c., so scheint er in seiner Darstellung dem natürlichen Gange der Ereignisse vorgegriffen zu haben. Die Aufnahme der mit ihren Heerden flüchtenden Landbewohner innerhalb der Ringmauern — wenn sie nicht überhaupt eine bloße Nachbildung des gleichen Vorganges in der attischen Pest ist, da Dionysios hievon Nichts berichtet — fand doch wohl erst später Statt, zur Zeit da die Volsker und Äquer sich der Stadt selbst nahten. In keinem Falle dürfte man berechtigt sein, mit Niebuhr (Vortr. über R. Gesch. I. pag. 278 ff.) in dem Zusammendrängen von Menschen und Vieh auf einen engen Raum den eigentlichen Entstehungsgrund der Epidemie zu suchen, da Livius selbst diesen Umstand nur als ein Beförderungs-Mittel der schon früher vorhandenen Seuche darstellt.

33) Horat. sat. II. 6. 18. f. Od. I. 14 v. 15. Ep. I. 7. 3-10 und dort d. Ausleger.

34) Liv. III. 6. „Militaris fere aetas omnis [affecta erat]. — Oros. II. 12. "militares copias plurima ex parte confecit (pestilentia). —

35) So z. B. in der großen Pest unter Justinian, beim sogenannten schwarzen Tode (M. s. des Verfassers Progr. v. 1857 p. 39), in der englischen Schweiß-Sucht (M. s. d. Monographie hierüber von Hecker) sc.

36) So Dionys. IX. 68. — Livius (III. 7.) läßt — etwas poetisch — die Feinde schon beim Anblicke der Stadt ohne Versuch einer Berennung oder Belagerung wieder abziehen.

37) Liv. III. 8.

38) Dionys. IX. 69. (p. St. 461.)

39) Vorträge über R. Gesch. p. 279.

40) Liv. III. 8. — Cf. Dionys. L. l.

*) M. s. u. Andr. Ratisbon. et J. Chraft. Chron. bei Eccard. corp. scr. med. Aev. I. p. 2105 f.

41) Von Orosius l. l. wird dies noch bemerkt: multos nobiles praecipueque plebem foeda tabe delevit (pestilentia).

42) και οντων (Πελοποννησιων) ου πολλας πω ήμερας εν τηι Αττικήι, ή νοσος πρωτον ηρξατο γενεσθαι τοις Αθηναιος, λεγομενον μεν και προτερον πολλαχοσε εγκατασκηψαι και περι Λημνον και εν χωριοις ου μεντοι τοσουτος γε λοιμος ουδε φθορα οιτως ανθρωπων ουδαμου μνημονευετο γενεσθαι.

43) Cf. Kraus (Disquisitio &c.) p. 7.

44) Noct. Attic. XV. 23.

45) Auf solche von dem Schriftsteller selbst in früherer Zeit mehrfach vernommene Erzählungen scheint aber namentlich der Ausbruch μνημονευετο (sc. τοτε, οτε ελεγετο την νοσον πολλαχοσε *c.) mit Bestimmtheit hinzuweisen, da man sonst offenbar μνημονευεται erwarten müβte.

46) Cf. Kraus a. a. O.

47) Cf. Kraus a. a. O.

48) So namentlich in der groβen Pest unter Justinian, dann beim schwarzen Tode, endlich in der asiatischen Brech-Ruhr unserer Zeit.

49) Dionys. X. 73. (p. Steph. 499). — Livius III. 32. — Paul. Oros. II cap. 3. Der Letztere setzt zwar diese Pest in das Jahr 299 der Stadt (= 455 v. Chr.). Aus dem Zusatze jedoch: "dum legati ad Athenienses propter Solonis leges deferendas missi expectantur" (ebenso Livius l. l. "quietior annus, perpetuo silentio tribunorum, quod primo leagtorum, qui Athenas ierant, expectatio praebuit"), sowie noch bestimmter aus dem Nachfolgenden, ergibt sich, daβ er den nämlichen Zeitpunkt, wie Livius, meint, nämlich das Jahr unmittlebar vor dem erfolgten Beschlusse, Zehnmänner für Abfassung des Landrechtes zu wählen, für welchen letzteren er das Jahr 300 (= 454), Livius aber (III. 33) das Jahr 302 (= 452) angibt. Orosius disserirt also in seiner Zeitberechnung in dem einen, wie in dem anderen Falle um 2 jahr von Livius. Der Amtsantritt der Zehnmänner erfolgte aber nach Livius im Jahre 303 der Stadt, 451 v. Chr. — Schwegler, II. pag. 616.

50) Eine ausführliche Würdigung desselben s. m. bei Schwegler I. p. 100 sc.

51) Seit dem Jahre 457. Livius III. 30. — Dionys. X. 30. (p. Steph. 484). Cf. Becker, R. Alterth. II. p. 252.

52) Auch die Ausdrücke bei Livius (III. 32.) „urbs assiduis exhausta funeribus"….."multiplici clade foedatus annus"…, wenn auch allgemein gehalten, weisen gleichwohl auf ungewöhnliche Verheerungen hin.

53) So hoch schätzt ihren Gesammt-Verlust Schwegler II. p. 619 (der überhaupt diesen wichtigen Umstand zuerst hervorgehoben hat), und Niebuhr (R. G, II. p. 312) führt eine ganze Reihe von patricischen Geschlechtsnamen an, die nach jenen Seuchen aus den Magistrats-Fasten verschwinden,

54) Das Folgende nach Dionys. — Livius berichtet hierüber Nichts. Doch scheint in seiner Bemerkung „ab hoste otium fuit" eine Bestätigung der Nachrichten des griechischen Geschichtschreibers zu liegen.

*) Von den doppelten Zahlen hier und im Folgenden bedeutet die erste das Jahr v. Chr. nach Almeloveen's, die zweite, [in ( ) gesetztes], nach Weigels Berechnung.

55) Thukyd. I. 23.

56) Livius IV. 21.

57) Thukyd. II. 8. — Plin. Hist. nat. IV. 22. — Wenn Herodot, welcher damals zu Thurioi in Unteritalien lebte, (VI. 96) berichtet, das Erdbeben auf Delos im Jahre 499 sei dort das erste und das letzte bis auf seine Zeit gewesen, so ist anzunehmen, daß er von diesem späteren vor Veröffentlichung dieser Parthie seines Geschichtswerkes, die allerdings nicht vor dem Anfange des peloponnesischen Krieges erfolgt sein kann, aber wahrscheinlich auch nicht viel später zu setzen ist, keine Kunde erhalten habe. Cf. Poppo zu Thukyd. a. a. O.

59) In demselben Jahre, und zwar nach der Berechnung von Heiß (Die Finsternisse während des peloponnesischen Krieges. Köln, 1834, p. 6 ff.) am 3. August, trat des Nachmittags eine Sonnenfinsterniß ein, bei welcher einige Sterne sichtbar wurden (Thuk. II. 28). Daß sie eine partiale war, ergibt sich aus der Bemerkung des Thukydides, daß die Sonne hiebei μονοειδης, d. i. der Mondes-Sichel ähnlich, erschien.

59) Liv. IV. 30. — Dionys. Exc. Ambr. XII, 3.

60) III. 87. — Euboia und Boiotien wurden auch sonst von Erdbeben häufig erschüttert, Strab. X. 406. — Aristot. Meteor. II. 8. — M. s. Wachsmuth, H. Alt. Kde. I. p. 9.

61) Thukyd. III. 89. — Diodor. XII. 59. — Paul. Oros. II. 18.

62) Die vorerwähnten Stellen. — Der abweichende Bericht bei Diodor. und Paul. Oros., denen zufolge Atalante, früher mit dem Festlande zusammenhängend, erst durch dieses Ereigniß, mittels Ueberfluthung der verbindenden Landenge, zur Insel geworden sei, beruht wahrscheinlich auf einer irrigen Auffassung der Schilderung bei Thukydides. Daß Atalante (jetzt Talantonesi, nach Bursian, Géogr. v. Griech. i. p. 191.) Schon vor dieser Begebenheit einer Insel gewesen, ergibt sich inzweifelhaft aus Thukyd. II. 32. Der Angabe Diodors folgte Wachsmuth H. A. R. I. p. 10.

63) Thukyd. III. 89. Wahrscheinlich die heutige Insel Skopelos, nach L. Roβ, Inscript. Graec. Inedit fasc. 2. 91. Athen. 1842. Cf. Wachsmuth, I. p. 37.

64) Die Ansicht des Thukyd. wird auch von Häser, Gesch. d. epid. Krankh. 2. Aufl. p. 12 gebilligt.

65) Thucyd. III. 116. — Paul. Oros. II. 18. — S. Hoff. IV. P. 142. Bezüglich der Sage von Amphinomos und Anapis, deren hier von Hoff gedacht wird, s. oben not. 22.

66) Oros. a. a. O. — Von dem Erdbeben berichtet Thukyd. Nichts; doch ist die Angabe des Orosius der Natur der Sache nach nicht unwahrscheinlich.

67) Thukyd. IV. 52. — Sie fand Statt 21. März, 8 Uhr Morgens.

68) Derselbe a. a. O.

69) Thukyd. V. 45. S. f. — Cf. Schöman, de comitiis Atheniensis, Gryphisw. 1819. p. 148.

70) Thuk. V. 50. s. f.

71) Pausan. III. ed. Xyland. p. 89.

72) Thukyd. VI. 95. — Im Sommer des nächfolgendesn Jahres 413, nach Heiβ (p. 11) am 27. Aug. Nach 8 Uhr Abends, ereignete sich jene Mondsfinsterniβ, welche bei dem religiösen Bedenken der Athener und namentlich des einen ihrere Oberfeldherrn, Rikias, für das athenische Heer vor Syrakus so verhängniβvolle Folgen hatte (Thuk. VII. 50. — Diod. XIII. 12. — Plutarch. Rikias).

73) Thuk. VIII. 6.

74) M. s. den Artikel Hippokrates in Pauly's Real-Encyclopädie der class. Alterth.-Wissenschaften und in der Encyclopädie von Ersch und Gruber. Auch der unbekannte Verfasser der Biographie des Hippokrates, welcher das verloren gegangene biographische Werk des Soranos nebst anderen Quellen benutzt zu haben scheint, berichtet (in der Ausgabe des Hippokrates von Kühn, Leipzig 1827. III. p. 852), Hippokrates sei nach Abdera berufen worden, theils um den Philosophen Demokritos von angeblichem Wahnsinne zu heilen, theils um die Stadt vor den Verheerungen einer Seuche zu retten.

75) Wie z. B. Petersen in seiner Abhandlung „Zeit und Lebens-Verhältnisse des Hippokrates" (im Philologus IV. 2. Heft p. 258) annimmt.

76) Ebenso wenig wird man aus dem von Thukyd. II. 58 berichteten Umstande, daß die attische Pest im Sommer 430 durch eine athenische Verstärkung in das Feldlager vor Potidaia verschleppt worden sei, mit Sicherheit auf eine weitere Verbreitung derselben in Makedonien sc. schließen können. Die Verstärkung wurde nach 40 Tagen wieder eingeschifft, und von einem Weitergreifen der Seuche ist nicht die Rede. Begleitete dieselbe ja auch athenische Expeditionen nach verschiedenen Küstenpunkten der Peloponnesos, ohne daß sie hier, wie Thukydides ausdrücklich bemerkt (II 54), irgend nennenswerthe Fortschritte machte.

77) M. s. die Artikel in Pauly und in Ersch und Gruber; desgleichen Petersen im Philol. IV. 2 pag. 216. 78) Hievon das Nähere unten im 3. Abschnitte.

79) M. s. u. A. Schmitt, Epistolarum quae Hippocrati tribuunter censura. Jenae 1813, und die betreffenden Artikel bei Pauly und in Ersch und Gruber’s Encyclopädie.

80) Wovon unten d. Nähere.

81) Hippocratis operad. Ed. Kühn, Tom. III. p. 852.

82) Histor. natur. VII. 36; hier wird nur Illyrien genannt.

83) In der oben angeführten Abhandlung im Philol. IV. 2. Heft. — Die Abweichung desselben von der Angabe in der Biographie des Hippokrates, welche als dessen Geburtsjahr Olymp. 80. 1 = 460 angibt, wird dort ausführlich begründet.

84) Kraus, disquietio histor.-medica &c. &c. p. ff.

85) p. 28 und 29 der angeführten Schrift. — Cf. p. 33.

86) Kraus, p. 29. Quod si concessum est, fonte fluxisse, atheniensem vero aliqui ex parte discessisse a morbo aliarum Gracciae regionum, arbitror, singularem urbis Atheniensium conditionem eximiam…fuisse differentiae causam.

87) Pag. 14 und 29 der genannten Schrift. Als die Heimath der attischen Pest nennt Thukydides II. 48. Äthiopien.

88) Pag. 7.

89) Liv. IV. 21.

90) "Terrores" Liv. l. l. — Welcher Art dieselben waren, wird nicht näher gesagt. Daß aber dieser Ausdruck wohl in demselben Sinne wie III. 5 zu fassen, und an beiden Stellen von schreckhaften Visionen, welche Einzelne gehabt zu haben wähnten, zu verstehen sein dürfte, hat der Verfasser oben Note 18) näher zu begründen gesucht. Wäre diese Vermuthung richtig, so würde dadurch auch auf die Natur der in Rede stehenden Epidemie einiges Licht fallen,

91) Liv. IV. 21.

92) Liv. IV. 22; also auch die älteren Leute, ein Beweis, daß die eigentliche militaris setas von der Seuche hart betroffen war.

93) Daß der Dictator damals auch die Stadt Fidenä, in welche sich die Geschlagenen geworfen, erobert habe, wie Liv. IV. 22. berichtet, ist bei der damaligen Entkräftung Roms an sich schon schwer zu glauben, wird aber durch manche inneren Widersprüche, an denen die Erzählung hievon leidet, in hohem Grade unwahrscheinlich. (Man vergleiche namentlich cap. 23, 4, ferner cap. 25, 8, cap. 30, 5 und 14 der Weißenborn'schen Ausgabe des Livius mit dem Inhalte von cap. 22; endlich Weißenborn zu Livius IV. 22. 6.) — Der Umstand, daß Diodor (XII. 80) den Abfall der Fidenaten, der jenen Kampf der Römer mit denselben und die Eroberung ihrer Stadt zur Folge hatte, in ein späteres Jahr setzt, soll, bei der Zerrüttung der Fasten dieses Schriftstellers (worüber Mommsen, Rom. Chronologie p. 125), hier gar nicht in Betracht kommen.

94) Liv. IV. 25.

95) Die Conjectur Trevier's zu Liv. IV, 25. 4.: famem absumptis cultoribus agrorum timentes &c., erscheint durch die Natur der Sache selbst, sowie durch das vorausgegangene „magna clades in urbe agrisque accepta" vollkommen gerechtfertigt. Daß ferner eine Mißernte Statt gefunden, obwohl Livius an dieser Stelle Nichts davon erwähnt, ergibt sich aus der Schilderung der Zustände im folgenden Jahre (im selb. cap.): "Eo anno morbi levata, neque a penuria frumenti, quia ante provisum erat, periculum fuit."

96) IV. 23.
97) Liv. a. a. O.

98) Vielleicht ist dies gerade der Sinn der Stelle bei Livius IV. 25: Pestilentia (nämlich die in und außerhalb Rom herrschende Pestseuche eo anno aliarum rerum otium praebuit. Durch diese Deutung würde auch das Ungewöhnliche, das man sonst in dem Gebrauche von praebuit finden müßte, in Wegfall kommen,

99) Liv. IV. 25.

100) Liv. IV. 26. init.


1) Liv. IV. 25.

2) Derselbe IV. 30 — Dionys. Exc. Ambr. XII, 3.

3) Aus den Quellen ist freilich nicht klar, ob man hier die Wiederkehr der früheren Epidemie, oder eine ansteckende Krankheit anderer Art vor sich habe; bei Livius fehlt hier auch die bei den vorerwähnten Seuchen-Jahren stets gebrauchte Bezeichnung pestilentia, pestilens annus &c. Doch möchte die Heftigkeit, mit der auch dieser Krankheits-Anfall auftrat, und der kurze Zwischenraum, der zwischen diesem und dem letzten hervortreten der Epidemie im Jahre 432 liegt, die oben im Texte gegebene Darstellung rechtfertigen. Auch der Umstand, daß diesmal zugleich das Heerde-Vieh befallen wurde, kann dieser Annahme nicht entgegenstehen, da Livius (IV. 55) das Gleiche von der "pestilentia" des Jahres 433 (432) berichtet: magna clades…, promiscue hominum pecorumque pernicie, accepta.

4) "Αυτος τε ποσησας και αυτος ιδων αλλους πασχοντας. Thukyd. II. 48.

5) II. 47 — 53 incl. Das hier mit Meisterhand entfaltete und — wenigstens nach seiner ersten Anlage — gewiβ noch unter frischen Eindruck des gewaltigen Ereignisses entworfene Gemälde der attischen Pest mit seinen ergreifenden Einzelheiten findet sich nur beinahe wiedergegeben in Lucret. Carus de nat. rer. VI. v. 1186 seqq., sondern schwebte auch dem Ovidius in der Schilderung der Pest (Metamorph. VII. 523 – 613, welche, dem Mythos zufolge, Aigina unter König Aiakos entvölkerte (Apollod. III. 15. 6) als Muster vor. — Man vergeleiche damit auch die poetischen Beschreibungen verheerender Seuchen in Lucan. Pharsal. VI. 80 seqq. und in Sil. Punic. XIV 580 seqq., insbesondere aber die meisterhafte Schilderung einer "pseudum pestis" bei Virgil. Georg. III. 470 —566.

6) Die in dem Beisatze "ως λεγεται" bei Thukyd. (II. 48) liegende Ablehnung einer Verbürgung bezieht sich offenbar nicht, wie Brandeis p. 69 irrig annimmt, auf die Thatsache der Einwanderung der Seuche aus Inner-Afrika, sondern nur auf die Bezeichnung desjenigen Landes dortselbst, welches als die eigentliche Heimath derselben zu betrachten war, und wofür dem Berichterstatter Aethiopien genannt wurde. Auch Galenos, in einer weiter unten zu erwähnenden Schrift, gibt Aethiopien als ihre Heimath an.

7) In dem Gange dieser Krankheit, sowie in der vorzugsweisen Berührung von Küstenpunkten und in dem sprungweisen Vorrücken (wovon gleich nachher die Rede sein wird), macht sich eine auffallende Uebereinstimmung mit der Justinianischen Pest bemerkbar. M. s. d. Vers. Progr. v. 1857 p. 27 u. 28.

8) „Ες δε την Αθηναιων πολιν εξαπιναιως ενεπεσε."Thuk. II. 48.

9) Thuk. II. 58. — Diod. XII. 46.

10) Thuk. II. 54. — Kraus, de natura morbi Atheniensium, p. 35, schreibt diese Thatsache den günstigen klimatischen Verhältnissen zu, deren sich diese Halbinsel im Alterthum zu erfreuen gehabt habe, während in neuerer Zeit, wo diese Verhältnisse wesentlich sich geändert hätten, die Peloponnesos häufig von der Pest heimgesucht worden sei; er verweis t in letzterer Beziehung auf Puqueville, voyage en Morée &c. pendant 1798 – 1801. Daß in der That die Natur in der Peloponnesos, wie zum Theil auch im übrigen Hellas, an manchen Stellen Rückschritte gemacht habe, beweist unter Anderm am auffälligsten das Beispiel von Korinthos, jener Stätte der üppigsten Lust im Alterthum, die jetzt durch ihre giftigen Ausdünstungen verrufen ist. M. s. Wachsmuth, hell. Alterth.-Kde. I. p. 45.

11) Thuk. II. 5l.

12) Leben des Perikles, cap. 38. — Cf. Kraus, p. 30.

13) Thuk. III. 87. — Diod. Sicul. XII. 58.

14) "Απ’ ουδεμιας προφασεως, αλλ’ εξαιφνης, υγιεις οντας," sc. Thukyd. II. 49.

15) In der angeführten Schrift: De natura morbi Atheniensium &c.

16) Ueber diese Erklärung der Worte "μετα ταυτα" s. m. Classen zu dieser Stelle (II. 49. 4.)

17) Thuk. II. 49. Dasselbe erwähnt Diodor. XII. 58 in dem Berichte über das Wiederauftreten der Seuche 427/426.

18) Möglich auch, daβ die Aerzte solche ergriffenen Gliedmassen, um das Weiterfressen des Brandes zu verhüten, amputirten, wie Lucretius (V. 1207 seq.) andeutet. M. s. hierüber Kraus in d. angef. Schrift.

19) Thukyd. II. 49 und 51.

20) Derselbe, II. 51.

21) Derselbe, a. a. O.

22) Derselbe, II. 49 und daselbst Classen.
23) Derselbe, II. 47.

24) Derselbe II. 48.

25) So namentlich in der groβen Pest zur Zeit Justinians; m. s. d. Verf. Progr. V. 1857 p. 34.

26) Thukyd. II. 47.

27) Derselbe, II. 50.

28) In dem Jahre vor dem Pest-Ausbruche hatt e ein Erdbeben Delos, eine von solche natur-Erscheinungen fast nie besuchte Stätte, erschüttert. M. s. oben pag. 14.

29) Liv. III. 18, aus dessen Erzählung erhellt, daβ schon von den alten Annalisten, aus denen er schápfte, manche jene angebliche Giftmischerei für eine grundlose Erfindung hielten. — Cf. Hist. Miscell. Bei Murator. rer. italic. scriptor. Tom. I. 1. Pag. 8. D.

30) Häser, Gesch. d. Med. p. 279.

31) Die Acten einer solchen peinlichen Inquisition zu Chillon am Genfersee 1348 "super facto tossici et venini" sind aus der Chronik von Königshoven mitgetheilt in Hecker, der schwarze Tod, p. 1029 ff. — Man siehe auch Seb. Frank's Chronik, p. 219. b) und Eccard, Corp. hist. med. Aev. p. 1504.

32) Hecker, in der vorerwähnten Schrift, p. 53.

33) Leben des Perikles, v. 34.

34) Diodor. Sic XII. 45.

35) So unter Anderen selbst von Niebuhr, Vorträge über alte Geschichte. — M. s. die gründliche Widerlegung dieser Ansicht von Kraus in der angef. Schrift, p. 31, der mit Recht noch hervorhebt, daß die Pest nicht in der eigentlichen Stadt oder dem an dieselbe stoßenden befestigten Raume, sondern im Peiraieus zuerst ausbrach.

36) Plutarch, Leben des Perikles, c. 34.

37) Thukydid. II. 52.

38) XII. 58. Diodor scheint zwar die von ihm berichteten Umstände als die eigentlichen Ursachen der Krankheit zu betrachten; von einer Einwanderung derselben meldet er nichts. Wenn aber letztere als nicht zu bezweifelnde Thatsache feststeht, so können die von ihm angegebenen Witterungsverhältnisse — die Richtigkeit der Angabe überhaupt vorausgesetzt — jedenfalls nur die Bedeutung von secundären Ursachen oder befördernden Neben-Umständen gehabt haben.

39) Curtius (griech. Gesch. II. p. 696, Note 13) nimmt an (wahrscheinlich um das Schweigen des Thukydides erklärlicher zu machen), jene Krankheits-Ursachen bezögen sich nicht auf Attika, sondern auf die Gegenden, wo sich die Krankheit entwickelt habe. Allein von diesen ist bei Diodor nirgends die Rede, und daß dieselbe irgendwo in Griechenland vorher sollte aufgetreten sein, steht mit Thukydides im entschiedensten Widerspruche.

40) M. s. Canstatt, Pathologie (Erlangen, 1847), II. Theil.

41) In der mehrerwähnten Schrift, p. 35.

42) Diesem Urtheile ist im Wesentlichen auch Classen zu Thuk. II. 49 gefolgt.
43) Auch Brandeis p. 69) legt aus die Angaben Diodor's großes Gewicht.

44) "Ενταυθα δη πανυ επιεσε."

45) So auch ungefähr Diodor. XII. 16.

46) Daß hiebei der Schriftsteller aus officiellen Quellen schöpfte, wenn er seinen Lesern auch nur runde Zahlen vorführt, kann nicht bezweifelt werden,

47) "Εκ των ταξεων." Die sind aber die Unterabtheilungen des aus den Bürgern gebildeten schwer

bewaffneten Fussvolkes. werden sonach durch diese Bezeichnung (wofür anderswo auch "εκ καταλογου" vorkommt) ausgeschlossen: a) die Burger der untersten Schatzungs-Classe (Theten), die als Leichtbewaffnete dienten; b) die Schutzverwandten (Metoiken). Von den Letzteren leisteten übrigens die Wohlhabenderen ebenfalls wie die Bürger der oberen Schatzungs-Classen, Kriegsdienste als Schwerbewaffnete. — M. s. hierüber Classen zu Thuk. a. a. O. und Hermann, gr. Gesch.-Alterth, Par. 152.

48) Ohne Zweifel, weil über die in diese Kategorie gehörigen Classen der attischen Bevölkerung: die Theten, Metoiken, ferner die Frauen und Kinder, sowie die gesammte Sklavenschaft, keine Listen geführt wurden. Hieraus ist man aber zu dem Schlusse berechtigt, daß die Zahlen-Angaben bei den Vorgenannten auf den Ausweis der officiellen Listen gegründet sind.

49) Bei Thukyd. II. 13.

50) M. s. hierüber das Nähere bei Böckh, Staatshaushaltung der Athener, I. p. 38 seqq.

51) Bekanntlich hatte der attische Kriegsmann seine Bewaffnung und Ausrüstung auf eigene Kosten zu beschaffen.

52) Von Köpfen oder Seelen, wie zuerst Böckh a. a. Orte bemerkt hat, muß nämlich die bei Athen. VI. erhaltene Angabe bezüglich der Sklaven verstanden werden, und nicht, wie bei den Bürgern und Schutzverwandten, von Familien-Vätern oder Familien, da nach den Anschauungen des Alterthums der Begriff Familie auf Sklaven keine Anwendung fand.

55) An der mehrerwähnten Stelle.

56) Worüber u. A. der Landmann Strepstades in des Aristophanes Wolken (v. 6. u. 7) sich bitter beklagt,

55) II. 52. und hiebei Classen.

56) Thukyd. 11. 47. — Brandeis, in der Eingangs aufgeführten Abhandlung, hat die Worte des Schriftstellers "ουτε γαρ ιατροι ηρκουν το πρωτον θεραπευοντες αγνοιαι," durch den Scholiasten verführt, in einem die Ehre der athenischen Aertzte im höchsten Grade blos stellenden Sinne gedeutet, indem er übersetzt: "denn die Aertzt, welche Anfange aus Unkunde den Kranken ihre Pflege angedeihen lieβen" sc. Der Sinn dieser Worte kann aber nur der oben im Texte angedeutete sein. M. s. Classen zu dieser Stelle.

57) Thukyd. II. 51.

58) Περι θηριακης c. 16: Διοπερ επαντο και τον θαυμασιωτατον Ιπποκρατην οτι τον λοιμον εκεινον τον εκ της Αιθιοπιας ες τους Ελληνας φθασαντα ουκ αλλως εθεραπευτες, αλλ’ η τον αερα τρεψας και αλλοιωσας, ινα μηκετι τοιουτος ων επιπνευται. Κελευσας ουν δια την πολιν ολην ξαπτεσθαι το πυρ κ.τ.λ.

59) De Iside et Osir. c. 80. p. 568.

60) Philologus, IV. Jahrg. 2. Heft, VI.

61) Der Verfasser kann nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit auf die interessante Schrift Häfer’s: Geschichte christlicher Krankenpflege, Berlin 1857, hinzuweisen.

62) Thukydides. II. 51.

63) Thukydides ebendaselbst.

64) II. 53. Der Verfasser hat in seinem Programme vom Jahre 1857, pag. 38, zwischen den Moralischen Wirkungen der Justinianischen Pest in Constantinopel und denen der Seuche zu Athen eine Vergleichung angestellt, die insofern zu Gunsten der oströmischen Hauptstadt ausfiel, als dort, nach den Schilderungen des Augenzeugen Prokopios, das furchtbare Unglück nicht demoralisirend, sondern, wenigstens momentan, moralisch erhebend und kräftigend auf die Massen wirkte. Der Verfasser glaubte sich daher zu dem Schlusse berechtigt, doch der Grund dieser auffallenden Ungleichheit der Wirkungen bei fast gleichen Ursachen, in der wesentlichen Verschiedenheit der religiösen Anschauungen während der betreffenden Zeitperioden liege, und daβ sich in Constantinopel ohne Zweifel der wohlthätige Einfluß der christlichen Religion geltend gemacht habe. Eine Recension jenes Programms in den Gel. Anzeigen d. t. b. Akad. d. Wiss, Jahrg. 1857 Nr. 77, welcher der Verfasser im Uebrigen für die darin ertheilten Winke zu großem Tanke sich verpflichtet fühlt, hat hierin eine tendenziöse Erhebung des Christenthums auf Kosten des classischen Alterthums erblicken wollen. Eine derartige Unterschöbling der classischen Cultur und ihrer großartigen Erscheinungen lag und liegt aber dem Verfasser, der das Studium und die Erklärung derselben zu seinem Lebensberufe gemacht hat, gewiß so ferne, wie dem verehrten Herrn Recensenten. Er hat mir die Thatsachen im Auge gehabt, und kann sich nicht enthalten, zu einiger Rechtfertigung eine Stelle aus der Eingangs erwähnten Monographie von Dr. Brandeis, die schon 1845 erschien, dem Verfasser aber erst bei Abfassung des gegenwärtigen Programms zu Gesichte kam, anzuführen, in den die nämliche Parallele mit demselben Schlusse gezogen ist. Derselbe bemerkt p. 53. Note 49): „Psychologisch merkwürdig ist die entgegengesetzte moralische Wirkung, welche die athenische Krankheit und die im sechsten Jahrhundert in Constantinopel herrschende Pest hervorbrachte— ....Wohl muß diese Verschiedenheit der Wirkung in der Verschiedenheit der Religion zu suchen sein. Der Altgrieche suchte möglichst noch zu genießen, weil er keine Strafe jenseits des Grabes zu fürchten hatte; der christliche Sünder aber bekehrte sich und that Buße, weil ihn die Schrecken der Hölle und des Fegefeuers umgaben." Dem Verfasser jener Monographie wird aber Niemand, der letztere gelesen hat, eine Tendenz obiger Art unterstellen wollen. Es scheint demnach, daß sowohl die beregte Vergleichung, als auch die darauf basirte Schlußfolgerung dem unbefangenen Urtheile überhaupt nicht so fern liege.

65) M. s. die oben angeführte Stelle bei Thukydides III. 87.

66) Plutarch. Leben des Perikles, cap. 37.

67) Ebendaselbst.

68) M. s. das Nähere hierüber bei Hermann, griech. Staats-Alterth. I. Par. 118, und Curtius, griech. Gesch. II. p. 343. Ff.

69) Xenoph. Hellen. I. 6. 24.

70) Thukyd. II. 14. 16.

71) Aristoph. Ritter v. 1070.

72) Protagoras, cap. 10 und 16.

73) Platon, der in seinen Dialogen nicht nur die auftretenden Personen mit unübertrefflicher Kunst bis auf die kleinsten Einzelheiten zu charakterisiren, sondern auch die ganze Scenerie ihrer Umgebung mit der lebendigsten Anschaulichkeit auszumalen weiß, schildert auch in dem vorgenannten Dialoge in seiner meisterhaften Weise das Treiben bei Kallias, der für die fremden Sophisten offenes Haus halt, und bei der großen Zahl der zu beherbergenden Gäste sogar eine Vorrathskammer in der Eile zu einem Gastzimmer hat einrichten müssen, von dem Hausherrn bis herab zu dem Gebühren des Thürhüters; der Letztere, ein treuer Diener des Hauses, scheint, wie Terzky's Kellermeister in Schiller’s Piccolomini, eine Ahnung zu haben, welches Ende die tolle Wirthschaft seines Herrn nehmen werde. Als daher am frühen Morgen Sokrates und der junge Hippokrates, um den Sophisten Protagoras zu hören, der bei Kallias abgestiegen ist, dort Einlaß begehren, schlägt jener, in der Meinung, es seien ebenfalls Sophisten, die halb geöffnete Hausthüre ihnen derb wieder vor der Nase zu.

74) Hell. Alterth.-Kunde I. § 70. p. 588.

75) So faßt auch Thukydides II. 53 die Sachlage auf, indem er sagt: „Und sie (die Seuche) gab zuerst Veranlassung zur Lossagung von Sitte und Gesetz... in weiterem Umfange." Offenbar deutet er damit an, daß die Entsittlichung noch zur Zeit, wo er dies schrieb, fortdauerte.

76) Das Nähere bei Wachsmuth, hell. Alterth.-Kunde I. p. 246 -248

77) M. s. hierüber den Abschnitt "die Volksversammlung und die Demagogie" in Wachsmuth, hell. Alterth.-Kunde I. pag. 592 &c.

78) Isokrates, περι αντιδοσεως, p. St. 314: "Οιμαι δ’υμας ουκ αγνοειν οτι τηι πολει πολλακις ουτως ηδη μεταμελησε των κρισεων των μετ’οργης και μη μετ’ελεγχουγεμενων κτλ. Gegen den Schluss dieser Rede, welche überhaupt zur Würdigung des Sykophanten-Unwesens sehr wichtig ist, von p. St. 344 an, werden die wesentlichsten Verschuldigungen der Sykophantie in mächtigem, von der sittlichen Indignation des Verfassers gehobenen Rede-Flusse der Reihe nach aufgeführt. — M. s. auch Wachsmuth I. p. 596 ff. Hermann, gr. St.-Alterth. I Par. 69, und Curtius, gr. Gesch. II. p. 364. Ff.

79) Plat. de republ. II. pag. 364. — Bernhard, griech. Lit-Geschichte I. p. 328. — Curtius, Geschichte Griechenlands II. p. 344.

80) Eine reichhaltige Zusammenstellung hieraus bezüglicher Stellen aus Aristophanes findet man in Wachsmuth, hellen. Alterth.-Kunde., I. p. 603.

81) Das bekannte Schlagwort: "Τον ηττω λογον κρειττω ποιειν". — Wer erinnert sich hier nicht des trefflichen Aristophanischen Witzes (Νεφελαι u. 113 seqq.) bezüglich der Art und Weise, wie der Landmann Strepsiades den Sinn jenes von ihm nur halb verstandenen Schlagwortes in seiner Weise sich zurecht legt.

82) So namentlich im Platonischen Dialoge Gorgias von den Sophisten-Jüngern Polos und Kallikles.

83) Unter vielem Trefflichen über das Wesen und die Bedeutung der Sophistik sollen hier zunächst nur die Einleitungen zur Apologie und zum Protagoras in Platons ausgewählt. Schriften, erklärt von Cron und Deuschle, angeführt werden.

84) In Bezug auf den Stand der Kunst, dann der Literatur und der Geistesbildung überhaupt s. m. O. Müller, Archäol. par. 103, und beziehungsweise Bernhardy, Grundriβ der griech Literatur, 3te Bearbeitung, I. Th. p. 436 ff.

85) Schwegler, Rom. Gesch. II. p. 620.

86) Zeit und Lebens-Verhältnisse des Hippokrates, im Philologus, Jahrg. IV. 2. pag. 233 ff.

87) Letzteres Bedenken wird auch nicht vollständig beseitigt, wenn man mit Ullrich (Beiträge zur Erklärung des Thukydides, p. 69) annimmt, Thukydides habe den Krieg zuerst nur bis auf den Frieden des Nikias als ein Ganzes zusammengefaßt und beschrieben, und berücksichtige daher Späteres nicht als ausnahmsweise in einzelnen Einschiebseln.


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